Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVI (1914)
- Issue
- Heft 9 (8.5.1914)
- Date
- 1914-05-08
- Page
- Seite 67 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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hr. 9 .Neue National-Zeitung" Seite 67 Die Affaire Mayersohn. Eine Deputation beim Präsidenten Dr. Stern und Oberrabbiner Dr. Güdemann. Wir erhalten folgenden Bericht: Die systematisch seitens einer Reihe von Jahren gegen den Wiener Gemeinderabbiner Mayersohn betriebene Hetze, die in den letzten Wochen darin ihren Kulminationspunkt fand, daß die zwei bei .den letzten Kultuswahlen im Kompromißwege gewählten zionistischen Kultusvorsteher, die Herren Dr. Ehrlich und Stricker, den Fall an der Hand von Entstellungen und Erdichtungen publizistisch und agitatorisch ausschroten, erregt begreiflicherweise die Gemüter aller anständigen Juden. Dies um so mehr, als diese Angriffe durch die Publizierung noch den Weg in die Wiener antisemitischen Organe nahmen. Die in Wien lebenden galizischen Juden erblicken mit Recht in diesem Vorgehen die Absicht, das gesamte polnische Judentum in Wien dadurch bloßzustellen. Aus diesen Gefühlen heraus wurde in einer am Donnerstag, den 30. April, stattgefundenen großen Versammlung, in der fast die meisten polnisch-jüdischen Bethaus¬ und Humanitäts-Vereine in Wien durch Delegierte vertreten waren, der Beschluß gefaßt, deputativ bei den in dieser Frage kompetentesten Persönlichkeiten, und zwar beim Präsidenten der Kultusgemeinde und beim Oberrabiner, in Angelegenheit der gegen den Rabbiner Mayersohn erhobenen Beschuldigungen Aufklärungen zu verlangen. Tn Ausführung dieses Beschlusses erschien am Sonntag, den 3. Mai, eine Deputation, bestehend aus ungefähr hundert Personen, beim Präsidenten Dr. Alfred Stern. Darunter befanden sich u. a. folgende Herren: Jakob B r a m, Vorstandsmitglied von „Beth Israel"; Regimentsarzt Dr. Bram; Samuel Buxbaum, Obmann des Vereines „Emes Wschulom"; Simon Deutscher, Bankgeschäftsinhaber; D i c k s t e i n, Obmann des Vereines „Ansehe Das Wschulom"; Wilhelm Fliegel, Hausbesitzer; Salomon Gänge r, Obmann der Sandezer Klaus; Isak G o 111 i e b, Möbelhändler; Bankier Adolf Hecht, Obmann des Vereines der Kolomeaer; Isak K a t z, Bethausobmann; Bernhard K 1 e i n m a n n, Fabrikant; Isidor K ö r n e r, Vorsteher des Vereines „Liwias Chen"; Adolf K r i s s, Spediteur; Jakob März, Obmann des Vereines „Machsike Hadass"; Markus M a y, Obmann des Bethausvereines „Chassidim"; Moritz O e g e r. Fabrikant; S. Ratz, Obmann des Vereines der Lemberger; Moritz Silbers t e i n, Fabrikant; Simon S i 1 b e r s t e i n, Bethausvereinsobmann; Hermann A. S p o r e r, Klassenlottcrie-Konzessionär, T. Wortsma n n, Fabrikant; Dr. Josef Z i p s e r, Hof- und Gerichtsadvokat. Namens der Deputation richtete Herr Isidor Grobtuch an den Kultuspräsidenten folgende Ansprache'. „Die anwesenden Vertreter zahlreicher Betl-aus- und Humanitäts-Vereine in Wien betrauten mich mit der Aufgabe, an Sie, Herr Präsident, in Ihrer Eigenschaft als das Oberhaupt dieser Gemeinde und als Vorgesetzten des Rabbiners Mayersclm das Ersuchen zu richten, uns authentische Aufklärungen über die dem Rabbiner Mayersohn von einer Seite gemachten Vorwürfe zu erteilen, daß er seine Funktionen als Rabbiner nicht würdig ausübe. Gleichzeitig aber wurde mir die Pflicht auferlegt, auch die Kampfes weise, die sich speziell die zwei zionistischen Mitglieder des Kultusvorstandes zurecht gelegt haben, auf das entschiedenste zu verurteilen." Der Sprecher verwies dann darauf, daß, solange die Wiener Kultusgemeinde bestehe, zum erstenmale das Ansehen derselben in einer solch unerhörten Weise gerade von Mitgliedern des Kultusvorstandes geschädigt werde. Nicht nur als polnische Juden, die in dem Breittreten einer Affäre Mayersohn die Absicht sehen, das gesamte in Wien lebende polnische Judentum zu treffen, sondern als Mitglieder der Wiener Gemeinde, denen das Ansehen der Kultusgemeinde heilig ist, können es die Anwesenden nicht ruhig hinnehmen, daß derartige Vorgänge innerhalb der Wiener Judengemeinde sich abspielen. DasVorgehen der zwei zionistischen Kultusvorsteher bildet ein Attentat auf das gesamte Judentum und hoffentlich wird es dem Präsidenten gelingen, in energischer Weise die Ehre des Judentums auch gegen diese zwei Herren, die den Fall Mayersohn als politisches Ausbeutungsobjekt betrachten, zu schützen. Mit Entrüstung geißelte dann der Sprecher das Vorgehen der Wiener Chewra Kadischa, die, obwohl sie den Rabbiner Mayersohn zur Feier ihres 150jährigen Jubiläunis einlud, ihn bei seinem Erscheinen zur selben in unerhörter Weise brüskierte. Ein ähnlicher Fall habe sich vor 2000 Jahren in der jüdischen Geschichte abgespielt, und hatte die Zerstörung des zweiten Tempels und den Zerfall des jüdischen Reiches zur Folge. Der altehrwürdigen Wiener Chewra Kadischa blieb es leider vorbehalten, gelegentlich ihres 150jährigen Jubiläums, in Anwesenheit der offiziellen Vertreter des Judentums, diesen Fall zu wiederholen. Der Präsident Dr. Alfred Stern, der die Deputation aufs freundlichste empfing, erteilte derselben genaue Aufklärungen über alle dem Rabbiner Mayersohn von gehässigter Seite zur Last gelegten Vorwürfe und äußerte den Wunsch, diese Mitteilungen auch der Oeffentlichkeit bekannt zu geben. Er sagte wörtlich: ..Das Vertreterkollegium des Kultusvorstandes, die einzige kompetente Instanz, hat sich mit der Angelegenheit Mayersohn eingehend beschäftigt und hat alle Vorfälle, die ihm zur Last gelegt wurden, durch Zeugenaussagen geprüft. Von den elf Mitgliedern des Kollegiums waren zehn anwesend, und sie haben einstimmig das Urteil cef/iHt, daß dem Rabbiner Mayersohn in keinem Punkte ein Verschulden zur Last gelebt werden kann. Es wurde nur in einem Falle konstatiert, daß Rabbiner Mayersohn in einer Scheidunesaffaire seinen Wirkungskreis nach Wiener Begriffen überschritt, indem er sich auch in die privatrechtlichen Verhältnisse des betreffenden Ehepaares einmengte." Der Präsident fiiete aber hinzu, es sei ihm bekannt, daß in allen indischen Gemeinden Galizicns und auch Ungarns die Rabbiner in ä h n 1 i c h e n Fallen genau s-ovorgehenwieRabbiner M a v erso h n. Man könne ihm also auch in diesem Punkte keinen Vorwurf machen.