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Neue Nationalzeitung · 1914-05-08 · Heft 9 (8.5.1914) · p. Seite 66

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVI (1914)
Issue
Heft 9 (8.5.1914)
Date
1914-05-08
Page
Seite 66 (sequence 2)
Language
German
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Seite 66 J^tysJ^tional-Zeitung" Nr. Ö Der Verantwortung werden Sie sich durch, das Schweigen trotzdem nicht entziehen, denn Sie tragen sie, so lange Sie mit diesen Vorstehern an einem Tische sitzen. Die Uebeltat, die einzelne Vorsteher der Chewra Kadischa begingen, durch die sie das Jubiläumsfest verunziert und die Ehre des Vereines geschändet haben, verlangt unbedingt eine Sühne. Der Schild des Vereines muß reingewaschen werden.' Wenn Sie nicht die Macht und die Autorität haben, diese Vorsteher zu entfernen, dann müssen Sie selbst die Konsequenzen ziehen. Die Mitglieder der Chewra Kadischa sollen in die Lage kommen, zu sprechen und zu entscheiden, ob für ihre Vorsteher die Pflichten gesitteter Menschen nicht mehr bestehen und diese altehrwürdige Institution zum Tummelplatze der Hausknechts-Moral herabgewürdigt werden darf. < Der Zwischenfall ist noch nicht erledigt, am allerwenigsten dadurch, daß Sie es vorziehen, zu schweigen. Es wird und muß darüber noch gesprochen werden. Von Ihrem weiteren Verhalten wird es abhängen, wo und wie dies geschehen wird. Mit aller Hochachtung Dr. S. R. Landau, Mitglied der Chewra Kadischa. Das 150jährige Jubiläum der Chewra Kadischa. Zu Ehren des seltenen Jubiläums der Wiener Chewra Kadischa fand am 26. April im großen Saale des Wiener Konzerthauses ein Brudermahl statt. Diese Veranstaltung darf wohl als ein jüdisch-gesellschaftliches Ereignis ersten Ranges angesehen werden. 630 Personen haben sich versammelt, darunter die hervorragendsten Männer der Wiener jüdischen Gesellschaft, soweit sie für das Judentum noch'Interesse haben. Den Clou des Abends bildete die Erklärung des Präsidenten Salo Cohn, daß er für die Zwecke des Vereines K 100.000 spende. Das Programm des Abends bestritt eine Reihe von offiziellen Rednern, welche in folgender Weise zu Worte kamen: Zuerst begrüßte Präsident Salo Cohn die Gäste, dann trug Dramaturg Heinrich Glücksmann den von ihm verfaßten Prolog vor. Den Kaiser-Toast sprach Präsident Dr. Stern und im Anschlüsse an denselben wurde ein Huldigungs-Telegramm an den Kaiser abgesandt. Hierauf toastierte Ober-Rabbiner Dr. Güdemann auf die Chewra Kadischa. Es kamen dann noch zu Worte: Vizepräsident der Chewra Kadischa Dr. Markus Spitzer, Vizepräsident der Kultusgmeinde Dr. Gustav Kohn, Kultusvorsteher Prof. Dr. E h r rn a n n, Professor Dr. K ö n i g s t e i n und als letzter, inoffizieller Redner kaiserl. Rat Steinhübel. Alle diese Redner preisten in schwungvollen Worten die Geschichte und erhabenen Ziele der Wiener Chewra Kadischa. Auch auswärtige Kultusgemeinden, wie Brünn, Krakau, Lemberg, Berlin, Hamburg, Breslau usw., die Chewra Kadischa-Vereinc von Budapest, Triest, Troppau, Frankfurt a. M., München usw. stellten sich mit Glückwunsch-Telegrammen ein. Leider war die Festesstimmung nicht ganz ungetrübt. Der Zwischenfall mit dem Rabbiner Mayersohn, den wir an leitender Stelle besprechen, stand, in grellem Widerspruche zu den von allen Festrednern so feierlich betonten Aeußerungen der Nächstenliebe. Allerdings hat sich dieser Zwischenfall ganz anders zugetragen, als ihn das Wiener zionistische Organ darstellt, um ihn im Partei-Interesse ausschroten zu können. Es spielten sich keine „unbeschreiblichen Szenen" ab, es hat sich kein Vorstandsmitglied auf das Präsidium „losgestürzt", um gegen das Vorgehen Dr. Sterns zu protestieren und die Entfernung Mayersohns zu fordern. Der ganze Zwischenfall spielte sich in aller Stille ab und wurde lediglich durch die Ungeschicklichkeit und Aengstlichkeit des Vizepräsidenten Dr. Gustav Kohn vor einigen Radaumachern, die selbst dem Vorstande der Chewra Kadischa angehören, und dennoch Skandal machen wollten, hervorgerufen. Herr Dr. Kohn hatte kein Recht und kein Mandat, den Rabbiner Mayersohn mit „sanfter Gewalt" hinauszuschieben. Darauf hätte man es ankommen lassen sollen, ob Vorsteher der Chewra Kadischa einen Wiener Gemeinderabbiner mit Brachialgewalt überfallen werden. Wenn sich aber wirklich die von der „Jüdischen Zeitung" beschriebenen Szenen abgespielt und Vorsteher der Chewra Kadischa mit lauter Stimme die Entfernung des eingeladenenEhrengastes Mayersohn verlangten, dann beweist dies, daß die Roheit dieser Vorsteher nicht nur bei wilden Völkern, sondern auch bei der Redaktion der „Jüdischen Zeitung" ihresgleichen findet. Allerdings fehlte dem schönen Feste jede innigere Stimmung und ist dies hauptsächlich darauf zurückzuführen, daß alle Redner schwer vernehmlich waren. So akustisch auch das Podium dieses Saales für musikalische Aufführungen eingerichtet sein mag, die Redner, die im Zuschauerraum sprachen waren nicht einmal auf 10 Schritte zu hören. Die Festgäste, die nicht in der Nähe des Präsidiums saßen, mußten sich bloß mit leiblichen Genüssen begnügen. Der Zwischenfall mit Rabbiner Mayersohn war nicht der einzige. Es gab leider auch einen Zwischenfall mit dem Oberkantoi Don Fuchs. Dieser hervorragende Künstler, der der Wiener Gemeinde zur Ehre gereicht, scheint aus uns unbekannten Gründen bei einigen Vorstehern der Chewra Kadischa, die ihre persönlichen Aversionen höher als das Vereinsinteresse stellen, nicht persona grata zu sein, und so hat sich der sonderbare Fall ereignet, daß für den Abend ein ganz unbekannter Sänger engagiert wurde, während man den bedeutendsten Oberkantor von Wien auf den Segensspruch vor der Mahlzeit (Mojze) beschränkte. Hart vor dem Schlüsse des Abends erinnerten sich doch einige Vorsteher, daß sie nach all den nicht verstandenen Reden ihren Festgästen die Produktion dieses bedeutenden Künstlers schuldig sind und luden ihn ein, seine herrliche Stimme ertönen zu lassen. Oberkantor Fuchs lehnte diese Einladung ab und entfernte sich. Wir sehen also, wie merkwürdig es hinter den Kulissen der Wiener Chewra Kadscha bestellt ist. Derartige persönliche Intriguen einzelner Vorsteher gereichen dem Vereine gewiß nicht zum Vorteile.

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