Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVI (1914)
- Issue
- Heft 9 (8.5.1914)
- Date
- 1914-05-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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NGUS MCiONAl-ZEiOlNG RSR^usögBE^: ors.R.LNNDisu:: XVI. Jahrgang. Wien, 8. Mai 1914. Nr. 9. Ein offener Brief an Herrn Salo Cohn, Präsidenten der Chewra Kadischa in Wien. Euer Wohlgeboren! Es war ein seltenes und schönes Fest, das der unter Ihrer Leitung stehende, die Tradition jüdischer Nächstenliebe in sich verkörpernde Verein Chewra Kadischa am vorletzten Sonntag gefeiert hat. Sie durften darauf stolz sein, in dieser Versammlung den Vorsitz führen und alle edlen und guten Menschen, die freudig herbeigeeilt sind, um sich an Bruderherzen zu erwärmen und das Band jüdischer Gemeinschaft bei einem Brudermähl zu stärken, begrüßen zu können. Sie waren bemüht, das Andenken an diesen Abend zu einem bleibenden zu machen und allen Teilnehmern das leider so seltene Schauspiel eines großangelegten, dem Parteienhasse und Glaubensstreite entrückten jüdischen Festes in packender Form vorzuführen. Die Gelegenheit war auch verlockend. Aus allen Schichten der jüdischen Bevölkerung, allen Berufskreisen, allen Parteilagern waren Festgäste herbeigeeilt, voll guter Laune und daher aufnahmsfähig für alle Genüsse geistiger und leiblicher Art, die ihrer harrten. Eilboten überbrachten die aus allen Gegenden eingetroffenen brüderlichen Wünsche und. Grüße. Der .prächtige Saal erglänzte in einem Meere von Licht; die Galerien dicht besetzt von eleganten Damen, Angehörigen der unten im Festsaale weilenden Gäste; eine feierliche Orgel, gut eingeschulte Chöre und ein zahlreiches Orchester standen bereit, die festliche Stimmung zu erhalten und zu-steigern. Dieses schöne Jubelfest, bei dem Sie den Vorsitz innehatten, waraberderSc ha u p 1 a t z e.i n e s schweren Frevels, der als unauslöschlicher Fleck auf der Ehre Ihres Vereines haften wird..Ein Mann, der unter dem Schutze des Gastrechtes heim Feste erschien, der als Ehrengast geladen war und im Begriffe stand, seinen Platz an der Ehrentafel einzunehmen, mußte fluchtartig den Saal verlassen, weil er sonst den Insulten seiner Gastgeber, einiger Vorsteher Ihres Vereines, ausgesetzt wäre. Und wer war dieser Mann? Ein Rabbiner, der Wiener Rosch Beth-Din, der hervorragendste Talmudist Wiens, wie ihn Oberrabbiner Dr. Güdemann, dessen Freundschaft Sie sich rühmen, selbst bezeichnet! Er kam, um sich an der Freude der Gemeinde auch selbst zu ergötzen und inmitten der jüdischen Gemeinschaft Zeuge eines Festes jüdischer Nächstenliebe zu sein. Er kam, weil er geladen wurde, weil zahlreiche Freunde und nicht zuletzt der Oberrabbiner selbst seine Anwesenheit wünschten. Dafür aber, daß er der Einladung Folge leistete, wurde er verhöhnt, gedemütigt, bedroht. Verfolgt von Wildlingen, deren sittliches Niveäu tief unter dem der Hausknechte steht und die trotzdem das Ehrenamt von Vorstehern Ihres Vereines bekleiden, mußte der Rabbiner durch Seitengänge das Gebäude verlassen. Aber Sie als Präsident der Chewra Kadischa haben bis jetzt kein Wort der Empörung und Verdammung für diese Roheit gefunden! Weder beim Feste, noch aber nach demselben. Glauben Sie denn, daß dieser Zwischenfall Ihrem Vereine zur Ehre gereicht? Und wenn nicht, warum haben Sie nicht den Mut, Ihre Ansicht der Oeffentlichkeit kundzugeben? Sind Sie mit Ihren Vorstehern, die alle Gesetze der Gastfreundschaft und der Gesittung mit Füßen treten, solidarisch oder weichen Sie dem Terrorismus, weil Sie Ihre Präsidentenwürde höher stellen als die öffentliche Meinung und das sittliche Niveau Ihres Vorstandes. Man schweigt nicht, wenn die Regeln des gesellschaftlichen Anstandes und des gesitteten Verkehres die Pflicht zu sprechen auferlegen, wenn die Ehre der Chewra Kadischa auf dem. Spiele steht!