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Neue Nationalzeitung · 1914-04-24 · Heft 8 (24.4.1914) · p. Seite 62

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVI (1914)
Issue
Heft 8 (24.4.1914)
Date
1914-04-24
Page
Seite 62 (sequence 6)
Language
German
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Seite 62 Neue National-Zeitung" Nr.. 8 Die Neger über den Fall Frank. Das Wochenblatt „Independent", das in Atlanta für und von Negern herausgegeben wird, veröffentlichte am Samstag, den 21. März, einen Artikel mit der Ueberschrift: „Fand gegen Frank ein ordnungsgemäßes Verfahren statt?" Der Fragesteller verneint dies gleiten im Anfange seines Artikels. Er meint, daß gegen den armen Frank eine unerhörte Stimmungsmacherei inszeniert worden sei und man von der Jury einfach verlangt habe, den Juden für schuldig zu befindten. Der Verfasser erklärt es für seine feste Ueberzeugung, daß ein solcher Prozeß ein Ding der Unmöglichkeit gewesen wäre, wenn es sich um einen Christen gehandelt hätte. „Man konnte zur Zeit der Abwicklung des Frank-Prozesses", so heißt es in diesem Artikel, „wenn man durch die Stadt ging, sehr häufig di:e Worte hören: ,Der Jude ist schuldig!' Nicht Frank, der Judie war schuldig. . . . Nicht weil er ein Verbrechen begangen habe, sondern weil er Jude ist: deshalb mußte er verurteilt werden." . . . Die Negerzeitung befaßt sich im weiteren Verlaufe dieses Artikels auch mit dem des Mordes verdächtigen Neger J('m Konley. Ueber ihn hat auch diese Zeitung absolut keine gute Meinung, wenn sie rückhaltlos sagt: „Unter gewöhnlichen Umständen würden die Geschworenen niemals einen Weißen nur auf die Ausagen eines Schwarzen hin verurteilen. Ein Christ würde auch n:e auf die Depositionen eines Schwarzen von der Sorte Konleys verurteilt worden sein. Wiir sindder Meinung, daß man Jim Konley nicht glauben darf. Wir wollen nicht die Frage auswerfen, ob Konley in diesem Prozeß die Wahrheit gesagt hat oder nicht. Der größte Lügner kann auch einmal die Wahrheit sagen. Aber einen Menschen auf die alleinige Beschuldigung eines Jim Konley hängen — das darf nie und nimmer geschehen. Unter solchem Voraussetzungen ist noch nie ein Weißer verurteilt worden. . . . Frank erklärt sich iür unschuldig, und wer behauptet seine Schuld? Ein Mensch, der dreimal einen Meineid geschworen hat, der Aussagen ablegte, däe er später selbst als L ii gen bezeichnete — Jim Konley. . . . Rassenhaß ist an und für sich ein Verbrechen. Und wo er herrscht, gibt es eben keine Gerechtigkeit, kann man kein objektives Urteil erwarten. Zur Zeit des Prozesses hörte man immer, daß Mary Phagan entweder von dem Juden oder von dem Neger ermordet worden ist. Und ein Jude ist auch nicht mehr als ein Neger, neiin, sogar weniger — wie die Verurteilung manifestiert. . . . Also warum und worin ist Frank schuldig? Darin, daß er e.in Jude ist. Wir schließen uns dem .Atlanta Journal1, jenen Geistlichen und anderen gebildeten Menschen an, die ein neues Strafverfahren für Frank fordern. Wir verlangen dies, weil er ein Amerikaner, und weil er ein Mensch ist. . . . Frank war es leider nicht möglich, seine Unschuld zu beweisen. Die Folge sernes Freispruclies wäre ein Pogrom gewesen, denn die Massen, der Mob, war so fanatisiert und aufgehetzt worden, daß ein anderes Verdikt als »Schuldig' gar nicht möglich gewesen wäre. . . ." Die Neger von Atlanta sind' also, obwohl doch eigentlich Jim Konley zu ihnen gehört, überzeugt, daß er d'er Mörder Mary Phagans ist, und sie stehen auch nicht an, es öffentlich zu erklären. ... * Ein „Fall Frank" in Oesterreich. In der „Wiener Sonn- und Montags-Zeitung" verweist Dr.SJR.L a n d a u in einem Artikel „Der Justizmord in Atlanta" auf einen ähnlichen Prozeß, der sich vor fünfzehn Jahren in Krakau abgespielt hat und dessen Opfer, der Propinator Färber, ein sehr tragisches Ende fand. Dr. Landau schreibt: „Sollte nicht auch der Justizmord von Atlanta einen Vorläufer in Oesterreich gehabt haben? Ich sinne nach, prüfe mein Gedächtnis. Da fällt mein Blick auf zwei kleine Bild-' clien an der Wand, sorgfältig ausgeführte Federzeichnungen, die mir der bekannte polnische Maler Peter Stachewicz vor fünfzehn Jahren als Aufmerksamkeit verehrte. Beide Skizzen be'zogen sich auf einen mehrtägigen Schwurgerichtsprozeß in Krakau, bei dem Herr Stachewicz als Geschworner und ich als Berichterstatter fungierten. Eine traurige Reminiszenz. Da sehe ich auf der einen Zeichnung den reichen jüdischen Propinator Färber neben seinem Sohne an der Seite eines .Justizsoldaten als Angeklagte und auf der zweiten Zeichnung die bäuerliche Vagabundin und Säuferin, die Kronzeugin der Staatsanwaltschaft, wie sie vor dem Kruzifix mit erhobener Rechten schwört, „nur die Wahrheit und nichts als die Wahrheit auszusagen". Auf Grund der alleinigen Aussage dieses vierzehnmal vorbestraften Weibes wurden die Färbers, Vater und Sohn, angesehene und unbescholtene Bürger, vom Krakauer Schwurgericht des Totschlages an ihrem Dienstmädchen schuldig erkannt und zu sieben, respektive einem Jalire schweren Kerkers verurteilt. Die Bäuerin behauptete nicht einmal, Zeugin der Tat gewesen zu sein, sie wollte lediglich gesehen haben, wie die Färbers um die Mitternacht die später auf dem Felde gefundene Leiche aus ihrem Hause trugen. Dieser Beweis genügte den Geschwornen von Krakau, den Rest besorgte einer der wütendsten Judenhetzer in Galizien, Graf Zamoyski, dessen Heldentat darin bestand, an Stelle des kompetenten, aber „judenfreundlichen" Gerichtes von Neusandec die Delegation des Krakauer Gerichtes herbeizuführen — und die Krakauer antisemitische Presse. Die Nichtigkeitsbeschwerde stützte sich auch hauptsächlich auf die mangelnde Unbefangenheit der Geschwornen und den durch die antisemitische Presse hervorgerufenen Druck. Aber sie hatte nur teilweisen Erfolg. Das Strafverfahren wurde bezüglich des Sohnes zwar eingestellt, allein an der Schuldfrage betreffs des alten Färber wurde nicht gerüttelt. Bloß die Strafe wurde ihm vom Kassationshof auf vier Jahre herabgesetzt. Er hat sie aber nicht verbüßt. In der Strafanstalt Wisnicz hat ihn der Tod nach zwei Jahren von seinen Leiden befreit. So gibt uns denn auch der Justizmord von Atlanta Stoff zu Betrachtungen über unsere Verhältnisse. Welche Kluft und welcher Raum trennen den polnisch-jüdischen Propinator in Galizien vom amerikanisch-jüdischen Fabriks-Direktor in Georgia? Und doch hat die Schande des Jahrhunderts, das Gemisch von niedrigen Rasseninstinkten und schmutziger Geldgier, hier und dort die Augen der Justiz geblendet und ihr Schwert auf den Nacken Unschuldiger gelenkt. Hoffen wir, daß es wenigstens jenseits des Ozeans gelingen wird, ihr das letzte Opfer zu entreißen." KORRESPONDENZEN. Oesterreich-Ungarn. Die radikal-demokratische Partei. Lemberg, den 20. April. (Orig.-Korr.) Am 2. und 3. Mai wird hier ein von den Reichsratsabgeordneteii Breiter und Reizes einberufener Kongreß behufs Bildung einer neuen, radikal-demokratischen Partei stattfinden. Diese neue Partei und die mit ihr zusammenhängende Bewegung verdienen gerade von jüdischer Seite besondere Aufmerksamkeit. Die Person ihres Führers, Ernest Breiter, der stets in der selbstlosesten und unerschrockensten Weise für die politischen und wirtschaftlichen Interessen der galizischen Juden ein-

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