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Neue Nationalzeitung · 1914-04-24 · Heft 8 (24.4.1914) · p. Seite 61

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVI (1914)
Issue
Heft 8 (24.4.1914)
Date
1914-04-24
Page
Seite 61 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 8 ^eue National-2eitung"_ Seite 61 gewesen ist, um ihnen ein Verbrechen aufzubinden, woran sie nie gedacht hatten? ... Wo ist unter ihren Büchern eines, in welchem nur die mindeste Spur von einer solchen Gewohnheit sich findet? . . . Man muß in der Tat entweder blödsinnig oder von Vorurteilen eingenommen sein, wenn man sich vorstellen soll, daß dergleichen Erzählungen einigen Qrund haben." Der gelehrte Franzose, der in seinen Werken eine gründliche Kenntnis der jüdischen Literatur zeigt, begnügt sich aber nicht mit dieser sicherlich scharfen Verurteilung des Glaubens an dem Ritualmorde. Er schildert — in Form eines Briefes an einen Chinesen — die grausame Hinrichtung unschuldig verdächtiger Juden, die um so entsetzlicher wirkt, als später die tückischen Arrangeure der Anklage entlarvt wurden. D'Argens schließt den Brief mit den Worten: „Wenn ich über die grausame Geschichte, die ich dir eben jetzt erzählt habe, ein wenig nachdenke, so fehlt nicht viel, daß ich mich ärgere, daß ich ein Mensch geworden bin. Beinahe möchte ich wünschen, das unvernünftigste Tier geworden zu s e i 11, w e i 1 i c h mich schäme, daß ich solche Leute, wie gewisse Europäer sind, unter meine Gattungzählen muß." Was würde d'Argens, der Freund Friedrichs des Großen, zum Prozeß Hilsner, zum Prozeß Beylis gesagt haben? ... G. E—n. Das Todesurteil gegen Frank - aufgeschoben. Wie zu erwarten stand, ist es den Freunden, Anwälten und dem genialen Detektive Franks gelungen, eine solche Masse neuen Beweismaterials anzusammeln, daß das Gericht von Atlanta darüber nicht hinweggehen konnte. So wurde denn die für den 17. d. M. bestimmte Hinrichtung Franks aufgeschoben und ein Justizmord verhütet. Nun wird, nachdem sich die allgemeine Aufregung in Atlanta gelegt hat und die öffentliche Meinung allmählich zur vernünftigen Einsicht gelangt, daß es bei der Verurteilung Franks nicht mit rechten Dingen zuging, die Strafuntersuchung neu aufgenommen werden. Ihre Richtung und ihr Umfang werden, wenn man den Ankündigungen Burns Glauben schenken kann, in höchstem Maße überraschend sein. Wer der Mörder ist und wie er die Tat beging, das will Burns genau schildern; daß Frank es nicht ist, darüber läßt Burns nicht den mindesten Zweifel aufkommen. Mit Spannung darf man daher dem Einlangen des Burnsschen Berichtes entgegensehen, der am 15. d. M. dem Gerichte übergeben wurde und in den nächsten Tagen bei uns einlangen dürfte. Wir werden auf diesen Bericht in der nächsten Nummer zurückkommen. Nachstehend reproduzieren wir die jedenfalls interessantesten Berichte der ämerikanischen Blätter über diesen in Amerika sensationellen und in Wien — totgeschwiegenen Prozeß. Ein Interview mit Detective Burns. Eine der größten Zeitungen von C h i c a g o, „T r i b 0 n e", veröffentlicht nachstehendes Interview nVt Burns über den gegenwärtigen Stand seiner Recherchen. Dieses Interview, welches durchgehends von der amerikanischen Presse repro-Juxiorl wurde und viel Sensation verursachte, lautet: „Ich habe die Ausforschung, des Mörders . der. Mary Pliagan nicht zu dem Zweck übernommen, um die Unschuld Franks zu beweisen. Im Qegenteil! Ich habe ausdrücklich erklärt, daß es meine einzige Pflicht und Aufgabe ist, den wahren Mörder des jungen Mädchens ausfindig zu machen, Aver es auch immer sein mag. So habe ich meine Untersuchung begonnen und schon nach einigen Stunden meines Aufenthaltes in Atlanta gewußt, daß das Geheimnis kein Geheimnis ist. . . . Die Person des Mörders ist mir bereits vollkommen bekannt, daran ist nicht mehr der allergeringste Zweifel. In dem ganzen Fall Frank hat es überhaupt kein Geheimnis gegeben. Man hätte bloß ein wenig die Spuren verfolgen sollen, dann hätte man gleich die richtige finden müssen. Der Mörder ist ein Mann in Atlanta, der bereits vor sicheren Personen bewacht wird-, und der seinem Schicksale und seiner Verurteilung nicht mehr wird entgehen können. . . . Ueber die Schuld oder Unschuld Leo Franks will ich kein Wort sprechen. Ich w;ll eher nicht die Resultate meiner Nachforschungen veröffentlichen, bevor mein vollständiger Bericht nictit in den Hängen der Polizei ist. Meiner Meinung nach kann Frank am 17. April nicht hingerichtet werden. . . . Der Mord an Mary Phagan gehört nicht zu den gewöhnlichen Verbrechen. Die Ursachen dieses Mordes liegen für mich klar zutage, und darauf basiert auch meine ganze Untersuchung. . . . Liebe und Haß, Rache oder Wahnsinn haben mit unserem Falle gar nichts zu tun. En Mann begeht einen Mord mit voller Ueberlegung oder in einem (Momente der Leidenschaft. Das sehen wir aber im vorliegenden Falle nicht. Und so bin ich zu dem Schlüsse gekommen, daß dieser Mord erne abnormale, unnatürliche Ursache hat. ... Als das für mich feststand, begab ich mich, auf die Suche nach dem Mör'ier. . . . Und ich habe ihn gefunden. Ich bin ihm auf Schritt und Tritt nachgegangen, seit dem Tage, als der Mord begangen wurde und bin zu der Ueberzeugung gekommen, daß diese Person bestimmt der Mörder ist. Meine vorgefaßte Meinung suchte ich dann durch Tatsachen zu beweisen und jetzt bin ich auch im. Besitze dieser Fakten. . . . Es war nämlich für mich nicht allzuschwer, jene Personen ausfindig zu machen, die anormale Veranlagung haben. Denn sie können diese nicht verleugnen und verraten sich selbst durch ihr Benehmen, ohne Unterschied, ob sie Millionäre, Arbeiter, Rechtsgelehne oc'er Kaufleute sind. Nachdem ich über die Klasse des Mörders im klaren war, habe ich die Person des Alörders selbst gefunden, und meine weitere Untersuchung bestätigt vollständig meine Theorien. Der Mann kann mir nicht entwfschen. . . . Die Bevölkerung Atlantas wird ihr schreckliches Unrecht einsehen, wenn ich sie mit meinen Beweismitteln von der Unschuld Franks überzeugen wer die. Im Polizeidepardement wird allerdings daraufhin eine große Umwälzung erfolgen. . . . Den Fehler, der hier begangen worden ist im Falle Frank, wird man verzeihen können, weil die Bevölkerung Atlantas die Verurteilung Franks gefordert hatte. Es wurden ja furchtbare Geriiehte über seinen Lebenswandel in Umlaut gesetzt. Es war daher meine erste Pflicht, diese Gerüchte zu widerlegen, zu beweisen, daß er keinen schlechten Charakter habe. Die Polizei und der Distrüktsattorney haben zwar die Untersuchung im Anfang richtig geführt, spater sind sie aber einen falschen Weg gegangen. . . ." Burns schloß seine Mitteilungen mit den Worten: „In dem ganzen Fall besteht kein Geheimnis mehr für mich. Der Fall liegt ganz klar und alles weist auf den wirklichen Moider hin." *

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