Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVI (1914)
- Issue
- Heft 8 (24.4.1914)
- Date
- 1914-04-24
- Page
- Seite 58 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 58 M^JL jj^ggaijeitung'' Wir haben bereits in der Einleitung geschildert, wie in Wien über dieselbe Frage, der Kultusvorstand denkt, der ähnliche Väter in seine Mitte heranzieht. Nun hat sich wieder ein Fall ereignet, der für die Gesinnung dieser Kreise typisch ist. In der letzten Nummer der „Oesterreichischen Wochenschrift", die das Leiborgan des Kultuspräsidenten ist, wird ein Mann gefeiert, der von Beruf Advokat, eigentlich mit dem Judentum nie etwas anderes zu tun gehabt hat, als daß er der mosaischen Religion angehört und Kultussteuer zahlt. Nun ist das übrigens Geschmacksache. Wenn die „Wochenschrift" einen Mann als „Juden" verherrlicht, der um das Judentum nicht das mindeste Verdienst hat, weder politisch, noch wissenschaftlich, noch philantropisch, so ist das ihre Sache und sie hat das mit sich und mit ihren Lesern auszumachen. Anders verhält es sich aber dann, wenn die „Wochenschrift" versucht, die öffentlich,e Meinung irrezuführen und wenn sie aus Gründen, die wir dahingestellt sein lassen, in die jüdische Ruhmeshalle einen Mann hineinschmuggeln will, der nicht etwa bloß passiv sich dem Judentum gegenüber verhalten hat, sondern bemüht war, sich vom Judentum loszulösen, indem er s e i n e n e i nzigenSohnnochalsKindtaufenlie ß.; Von einem solchen Mann zu schreiben, „er trägt sein Judentum ostentativ zur Schau, unbekümmert darum, ob es ihm nützt oder schadet" ist nicht nur der Gipfel der Frivolität, sondern beweist auch einen Mangel jener Gewissenhaftigkeit, die die primitivste Pflicht eines jüdischen Blattes, geschweige denn eines offiziellen Organes des KuJtuspräsidenten ist. Wenn sich Herr Dr. Lifczis, der auch Vorstandsmitglied der polnisch-jüdischen Synagoge ist, für Herrn Dr. Viktor Rosenfeld als großen Verteidiger begeistern will, und ihm zu diesem Zwecke Herr Dr. J. S. Bloch die Spalten seines Blattes hergibt, so wäre dies, wie wir bereits gesagt haben, ihre persönliche Angelegenheit, für die sie den Lesern der „Wochenschrift" verantwortlich wären. Aber ebenso, wie wir dagegen Stellung nehmen mußten, als die „Wochenschrift" den galizischen Wuchererkönig zum Führer des Judentums und berufenen Sprecher vor der Krone erheben wollte, müssen wir jetzt wieder dagegen protestieren, wenn es Privatinteressenten versuchen, einen „Kirchenvater" an die Front des Judentums zu stellen. Was diesen Versuch eines jüdischen Blattes, die öffentliche Meinung zu verwirren, noch sträflicher macht, ist der Umstand, daß hier ein typischer Fall der Taufe vorliegt, der gerade eine Wiener Spezialität bildet. Herr Dr. Rosenfeld, den Dr. Lifczis und Dr. Bloch einen „offenen und mutigen Bekenntnisjuden" nennnen, ist nämlich der Vater einer Idee, die später in Wien großen Anklang und weitestgehende Verbreitung gefunden hat: daß nämlich die Väter noch Juden bleiben und „bloß" ihre Kinder taufen, um ihnen nicht die Karriere zu verderben .;.. Dafür haben sie dann das Recht, im Wiener Gemeindeorgan als „offene und mutige Bekenntnisjuden" zu figurieren. Wie wäre es, wenn diese „Bekenntnisjuden" aus Dankbarkeit statt der Kultusgemeinde selbst die „Wochenschrift" subventionieren möchten? ... L. Die Affaire Mayersohn.*) Richtig ist wieder einmal ein rein intimer jüdischer Vorfall auf dem Wege über die „Jüdische, Zeitung" ins „Deutsche Volksblatt" und in die „Reichspost" gedrungen und hat dort ein recht willkommenes Echo geweckt. Und um was geht der Spektakel? Das regelrechte Kesseltreiben gilt diesmal einem Rabbiner, dem gewisse Herren etwas am Zeuge flicken wollen und wenn dabei auf jüdische Einrichtungen etliche Seitenhiebe daneben gehen, so ist dies eine Wollust für das „Deutsche Volksblatt" und die „Reichspost". Daß darunter die Gemeinde, ihr Ansehen und das Judentum überhaupt leidet, darum kümmern sich nicht die „Jüdische Zeitung" und ihre Hintermänner, und den antisemitischen Moniteuren ist dies natürlich gerade recht. Allerdings gibt es seit einiger Zeit und fast bis zum Ueberdrusse einen Fall Mayersohn. Er ist Rabbiner der Kultusgemeinde, Mitglied des Rabbinatskollegiums und mit gewichtigen Funktionen, die hauptsächlich Aufsicht, Gutachten, Ehescheidungen und die übrigen einschlägigen schwierigen Agenden umfassen, betraut. Mayersohn ist ein vielerfahrener Mann von großem, talmudischem Wissen, das müssen ihm seine Feinde lassen. Er ist ein Fachgelehrter und Sachkundiger, eine unbestrittene Autorität und diesem Rufe verdankte er seinerzeit seine Berufung nach Wien. Er entfaltet eine verzweigte Tätigkeit in allen vorgedachten Angelegenheiten und kommt durch seine Tätigkeit in vielfache Berührung mit der Oeffentlichkeit, mit Parteien, Gerichten, Behörden usw. Es ist auch kein Zweifel, was möglicherweise Schelsucht und Mißgunst genährt haben dürfte, daß diese Stellung ein gutes 'Einkommen abwirft, da sie nicht allein mit angemessenen fixen Bezügen dotiert ist, sondern auch ergiebige Sondereinnahmen aus Taxen, Gebühren, Spenden u. dgl. bietet, die bestimmungsgemäß dem Rabbinate zufließen. An dieser Tätigkeit hatten einzelne Vorsteher seit jeher mancherlei auszustellen; sie erwiesen sich als überempfindliche Platte für Geräusche und Zuträgereien aus dem großen Publikum. Bald machte die Aufsicht in ihrer Strenge sich lästig fühlbar; bald mißfiel das Auftreten vor Gericht; bald das Verhalten gegen die Parteien. Es wird dem Funktionär Eigennutz vorgeworfen, weil er die Würde seines Amtes durch Hervorkehrung geschäftlicher Interessiertheit hintansetze und was dergleichen schöne Dinge mehr sind. Allein bestimmte, greifbare und konkrete Tatsachen, die aufliegende *) Das Kesseltreiben, welches die der zionistischen Partei angehörigen Kultusvorsteher Dr. Ehrlich und Stricker in Gemeinschaft mit dem Kultusvorsteher und Vorsteher der Chewra Kadischa namens Lemberger, gegen den Rabbiner May er söhn in der „Jüdischen Zeitung" fortsetzen, nachdem sie mit ihren niedrigen persönlichen Invektiven bei der Majorität des Kultusvorstandes keinen Anklang gefunden haben, ist geradezu anwidernd. Diese Herren wollen offenbar durch die rüde Hetze gegen den selbst vom Wiener Oberrabbiner anerkannten hervorragendsten Talmudgelehrten unter allen Wiener Rabbinern den Befähigungsnachweis für ihr Vorsteheramt erbringen, da sie dies auf andere Weise bisher nicht vermochten. Die jüdische Bevölkerung muß endlich über dieses gewissenlose Treiben aufgeklärt werden. Wir erteilen vorerst das Wort einem sehr genau informierten Mitgliede des Kultusvorstandes und werden dann selbst auf die Angelegenheit zurückkommen. Anm. der Red.