Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVI (1914)
- Issue
- Heft 7 (10.4.1914)
- Date
- 1914-04-10
- Page
- Seite 55 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2425679-2425912-2425919--2887-2429417- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 7 .Neue National-Zeitung^. Seite 55 FEUILLETON. Rabbiner, lernet und lehret! Ein Pessachmärchen. Von Moriz Schreiber. Motto: „Wer hungrig ist, der komme und halle mit....." v (Hagada). Es war einmal ein mächtiges Reich, und dieses Reich hatte eine mächtige Metropole, und in dieser Metropole war im Laufe der Zeit eine imposante Judenschaft aufgeblüht, wie keine zweite, ihr ebenbürtige anzutreffen war. Sie stand auf der Höhe der Kultur, verfügte über Reichtümer, aus welchen hervorragende Schöpfungen der Menschenliebe hervorgingen, stellte in der Industrie, in Kunst und Wissenschaft zahlreiche und namhafte Vertreter, und dabei pulsierte ein frisches religöses Leben in ihrer Mitte. Die Leitung war aber auch eine zielbewußte und einheitliche. Gleichgesinnte und gleichgestimmte, der höchsten Intelligenz angehörende und zu Führern prädestinierte Männer standen an der Spitze, und die ganze Körperschaft war e i n Guß. Jedes Mitglied wollte dasselbe und war aus allen Kräften bemüht, ohne jede Selbstsucht der Gemeinschaft zu dienen und sie auf ihrer Höhe zu erhalten. Was Wunder, daß sie das Ideal und Vorbild sämtlicher jüdischer Gemeinden des weiten Reiches wurde? Doch „Jeschurun ward fett und stieß aus". Die versengende Schwüle, die jedem Zivilisations- und Kulturaufschwung auf dem Fuße folgt, brachte allmählig die treibenden Säfte, aus denen die erhebenden Ideale quillen und die religiösen Gefühle ihre Nahrung holen, zum Versiegen und zurückblieb eine öde Lehre, die Ersatz suchte im Haschen nach Scheinwerten, wie die Zeit sie geboren hatte. — Dazu kam das Hereinfluten fremder, anders gearteter Elemente, welche die bislang in der Gemeinde herrschende Einheit zersetzten und sich bald auch an die widerstandsunfähig gewordene Leitung herandrängten. Nur in einem Punkte noch glich diese der ehemaligen: Bestand die letztere aus lauter Gleichen und unter Gleichen, so waren es auch jetzt Gleiche unter Gleichen. Mit dem einzigen Unterschied, daß die ehemalige Gemeindeleitung aus lauter Gleichen von oben, während die dermalige aus Gleichen von unten zusammengesetzt war. So versumpfte das Gemeindeleben immer mehr, erstarb jede religiöse Bewegung. Was half es da, daß man zu äußerlichen Mitteln griff, immer neue Rabbiner und massenhafte Religionslehrer anstellte? Die heranwachsende Jugend wurde doch nicht religiöser; im Gegenteil! Und das breite Publikum wurde der Sabbathpredigt, die sich immer mehr verflachte, bald überdrüssig. Das ganze religiöse Gebiet fing an, einem von Trauerweiden umrahmten Friedhof zu gleichen, aus welchem gleißende Grabsteine gespensterhaft hinausstarrten. Doch welch ein Wunder vollzieht sich vor dem staunenden Auge! Ein frischer Hauch durchzieht die modernden Totengebeine, sie beginnen sich zu regen, fügen sich zu einander; es dauert nicht lange, und sie feiern neugeboren ihre Auferstehung. Wie ging cjas zu? Das hat der zu neuem Leben wieder erwachte Idealismus bewirkt, der, in einem Theologen verkörpert, herbeigestürmt kam, in einem Theologen, der die Religionswissenschaft nicht zum Brodstudium gemacht, sondern sie aus freier Wahl, aus Liebe zu ihr, zu seiner Lebengefährtin erkoren. — Er war ein viel gereister Mann und hatte an den ersten Universitäten der Kulturzentren die hervorragendsten Meister der Philosophie gehört, von welcher letzteren alle Brücken schließlich zur Religionswissenschaft führen, der er sich ganz hingab. Er hatte die herrschenden Religionen von grundaus studiert, um endlich vor deren geläuterter Quelle, der jüdischen, in der er geboren, Halt zu machen und sich in dieselbe zu vertiefen. — In sich gefestigt, begeistert für seinen Glauben, kehrte er nach langen Jahren zurück in seine eingangsgeschilderte Heimatsgemeinde, in deren Dienst er sich zu stellen gedachte. Doch welch ein trostloses Wiedersehen war das: Die Führung fand er in kraft- und ziellosen Händen, preisgegeben jedem Ansturm gewaltansetzender Ehrgeiziger. Von einer Fühlung mit den Massen, die die Gemeinde bildeten, von einem leitenden Gedanken, dieselben planmäßig im Judentum und für das Judentum zu erziehen und zu interessieren, keine Spur. Ueberall dumpfes Verwalten, ohne jedes Verständnis für die Zeit und ihre Bedürfnisse. — Auf demselben Niveau fand er das religiöse Leben .sich bewegen, oder richtiger ausgedrückt, dahinschleichen: Rabbiner in großer Anzahl, Religionslehrer in Massen; aber lauter Schatten, gemeistert von einer Geist und Gemüt verödenden S c h a b 1 o n e, die in allen Zweigen der Gemeindeverwaltung zur Alleinherrschaft gelangt war. Unserem Heimgekehrten blutete das Herz, als er solche Versumpfung antraf; jedoch weit entfernt, zu verzagen, bestärkte sie ihn vielmehr in seinem Vorhaben, hier bessere Zustände herbeiführen zu helfen und ließ sich auch dann nicht einschüchtern, als von den „Führern" der Gemeinde, denen seine Kritik unbequem wurde, ausgesprengt wurde, er sei ein Krakehler, der gekommen, den „Frieden" der Gemeinde zu untergraben. Er versuchte zunächst, die Rabbiner aufzurütteln, sie an ihre Pflicht zu gemahnen: ihrem zu einem rein äußerlichen Formendienste erstarrten Amte den Inhalt wieder zu geben, mit dem das Judentum es von Anbeginn ausgestattet hatte, wo der Rabbi da war: um zu lernen und zu lehren! Er begab sich zunächst zu dem jüngsten Rabbiner, von dem es hieß, daß er sich, selbst in seinem Amte noch, ein wissenschaftliches Streben bewahrt habe und auch sonst rühriger als die andern sei, wenn er auch den rechten Weg noch nicht gefunden habe. Dieser erschrak heftig, als der Heimgekehrte bei ihm erschien und sich ihm vorstellte. Denn er hatte schon von offizieller Seite von ihm und seinem „aufrührerischen Treiben" gehört und fürchtete, durch einen Verkehr mit diesem „Aufwiegler" in eine schiefe Stellung seinem Vorstande gegenüber zu geraten. In peinlicher Verlegenheit stammelte er einige begrüßende Worte und hieß den Gast Platz nehmen. Dieser jedoch tat, als ob er nicht merkte, wie wenig willkommen er sei und begann ohne jede Einleitung ein Bild von den gegenwärtig in der Gemeinde herrschenden Zuständen zu entwerfen, zu schildern, wie sie einst gewe-