Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVI (1914)
- Issue
- Heft 7 (10.4.1914)
- Date
- 1914-04-10
- Page
- Seite 56 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2425679-2425912-2425919--2888-2429418- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 56 „Neue National-2eitung,"_ Nr. 7 sen und wie sie sich in der Folge unter einer „Führimg" herausgebildet, die über das geistige Niveau der .„Geführten" nicht hinausragt. — Es war eine großzügige, dabei in alle Zweige der Verwaltung hineinleuchtende, mit kraftvollen, von der tiefsten Ueberzeugung getragenen Worten aufgerollte Anklage, die den Rabbiner, obgleich er selbst diese Verhältnisse genau kannte und sie im Stillen beklagte, erschütterte und ihn andächtig zu lauschen zwang. Und als der Gast geendigt hatte, und den Rabbiner fragte, ob er die Situation nicht wahrheitsgetreu gezeichnet habe, gab dieser in gepreßter Stimmung zu, daß die Dinge in Wahrheit so liegen, wie der Gast sie dargestellt. „Wenn aber dem so", fuhr der Gast fort, „warum griffen nicht die Rabbiner ein, die ja in erster Linie berufen, dem religiösen Verfall entgegenzutreten?" „Was können wir armen Rabbiner beginnen, die wir doch lediglich Gemeinde-B e a m t e sind, gebunden an die Weisungen eines Vorstandes . . ." „Wie, Ihr dürft nicht sein, was Ihr vorstellt? dürft nicht Rabbiner sein? Rabbiner sein heißt doch: lilmod ulelammed, lernen und lehren!" „Das tun wir doch." „Nein das tut Ihr eben nicht! Oder Ihr tut es wie Marionetten, geschoben von einem Vorstand, der seinerseits wieder von dunkeln, hinter den Kulissen auf irgend welche materielle Vorteile lauernden Machern hin und her geschoben wird. Wärt Ihr in Wahrheit Rabbiner, Zustände, wie sie jetzt herrschen, hätten niemals eintreten können. — Lernet und lehret, jedoch so wie euer Beruf, eure Pflicht und euer Gewissen, nicht aber wie eure „Vorgesetzten" euch vorschreiben! Freilich Ihr predigt in der Synagoge. Aber Ihr werdet doch selber, wenn Ihr ehrlich seid, nicht behaupten wollen, daß dies eine nachhaltige Volksbelehrung sei. Man geht zu eurer Predigt, wie man zu einem Theaterstück geht. Und der Erfolg? „Hat er schön gepredigt?" Aber sie zieht auch nicht mehr, diese Fredigt, und ich habe es selbst gesehen, wie in der einen und anderen Synagoge Leute ostentativ knapp vor der Predigt das Gotteshaus verlassen. — Ihr haltet Trauungs- und Leichenreden. Dafür werdet Ihr gezahlt. — Heißt das: lernen und lehren?-- Ihr seid keine Rabbiner mehr, seid nur ihre Schatten, nur Futterale von Rabbinern." „Sie urteilen scharf. Wären Sie an unserer Stelle, Sie würden anders reden." „Nicht um eine Silbe anders. Wäre ich Rabbiner, so würde ich es auch sein: ich würde lernen und lehren! und jene, die es sich herausnehmen, mich disziplinieren zu wollen, sie müßten gezwungenerweise mir dabei behilflich sein. — Wie haben es doch die alten Rabbiner angestellt, daß sie zu souveräner Herrschaft im Judentum gelangten? Sie widmeten sich in selbstlosester Hingebung dem Dienste ihres Volkes, lernten und lehrten in frommer Einfalt. Ihr Thron war nicht die Kanzel, sondern das Lehrhaus, das wahrhaftige Beth-haam. Und wenn sie predigten, so predigten sie nach dem Vorbilde der alten Propheten. Sie schauten nicht nach rechts und nicht nach links, nicht nach oben und nicht nach unten, scheuten sich nicht vor Aristokraten und nicht vor Demagogen, sondern rügten mit rücksichtsloser Strenge die Fehler ihres Volkes, wo sie sie immer finden mochten. Als ihre eigentliche Lebensaufgabe betrachteten sie: lernen und lehren! Je gelehrter einer war, desto größer war sein Jeschiba* desto zahlreicher seine Jüngerschar. Dabei vernachlässigte er keineswegs das Laienpublikum, für welches er in regelmäßigen Intervallen religiöse Vorträge hielt; kurz sein ganzes Leben war ein Lernen und Lehren. Und dadurch gewann er die Liebe und Verehrung seiner Gemeinde, die buchstäblich zu seinen Füßen lag, die er lehrend führte und leitete, von der er aber nicht geführt, geschweige denn tyranisiert wurde. Was war da der „Vorstand" einem solchen Rabbiner gegenüber?" „Es ist viel Wahres in dem, was Sie da sagen", erwiderte kleinlaut der Rabbiner; „mein Vater war selbst ein Rabbiner, der noch in diesen alten Traditionen wurzelte, obgleich er schon klassische Bildung besaß. Allein die Zeiten haben sich seither gründlich geändert . . . ." „Wohl", fiel der Gast ein. „Aber man muß eben mit der Zeit gehen und die überkommenen Inhalte in ihrem Lichte betrachten und weiter entwickeln. Das ist jedoch nicht geschehen. — Das Schlimmste dabei ist, daß noch mehr als die Zeit die Rabbiner sich geändert haben, zu ihrem unsagbaren Schaden sich geändert haben, indem sie alle Ideale eingebüßt, dafür aber einen nackten Materialismus eingetauscht haben und so in die Knechtschaft sklavisch gesinnter Vorstände geraten sind." „Ich nicht!" schrie jetzt der Rabbiner auf. „Ich nicht! Ich habe noch Ideale, wenn sie auch unter den gegebenen Verhältnissen aus Mangel an jeglicher Nahrung verkümmerten. Zeigen Sie mir den Weg, auf welchem ein einzelner Ersprießliches leisten kann, und ich will ihn wandeln." „Da wären wir denn auf dem Punkte angelangt", sagte freudig erregt der Gast, „an welchen wir unsere Hebel mit Aussicht auf Erfolg ansetzen können. Ich will Ihnen den Weg zeigen. Er ist ja eigentlich schon gegeben, und wir brauchen ihn nur dort fortzusetzen, wo er seit den geänderten Zeitverhältnissen durch kurzsichtige Lehrer unterbrochen wurde. — Vor allem wünsche und hoffe ich, daß Sie ungeachtet der Warnung Ihres Vorstandes, dessen Wesen und Streben Sie ja zu kennen scheinen, Vertrauen zu mir fassen, zumal ich kein Konkurrent, noch ein Streber bin, der sich in den Vordergrund drängen möchte. Ich liebe mein Judentum aus ganzer Seele und wünsche nichts sehnlicher, als daß es wieder aufblühe und auch nach außenhin wie vormals wieder zum Pfadführer werde. Da aber kein anderer wie seine Lehrer berufen ist, den arg verkümmerten und brachliegenden Weinberg Gottes wieder zu fruchtbarem Boden umzuarbeiten, so meine ich, daß die Rabbiner — heute die einzigen Religionslehrer im Judentum — geschlossen zu einer Vereinigung zusammentreten sollen, nicht aber, wie dies häufig geschieht, um ihre materielle Existenz zu fördern, sondern um ein ideales Reich zu gründen: ein Reich des Lernens und des Lehrens! Ein Reich, das wahllos zusammengewürfelten und mit religiöser Blindheit geschlagenen Vorständen völlig entrückt ist, und auf welchem die Lehrer zu solcher idealen Alleinherrschaft gelangen müssen, wie sie einst die alten Rabbiner innegehabt, vorausgesetzt, daß sie von derselben Begeisterung und selbstlosen Hingabe an die Sache erfüllt sind." (Schluß folgt.)