Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVI (1914)
- Issue
- Heft 7 (10.4.1914)
- Date
- 1914-04-10
- Page
- Seite 52 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 52 ,Neue National-Zeitung" Nr. 7 „Nach der Bibel soll der Christ die Linke nicht wissen lassen, was die Rechte tut; Christenart ist Hang zur Stille usw." sagt die „Reichspost", um ihre Führung auf Kosten der „Judenzeitungen" zu verherrlichen. Was die Bibel von dem Christen verlangt und was der Christ im Sinne der Bibel tut, ist schön und gut und alles Lobes wert. Wir konstatieren das mit um so größerer Bereitwilligkeit und Entschiedenheit, weil wir doch ergänzend hinzufügen können, daß alles, was die Bibel von dem Christen Qutes und Frommes fordert, doch nichts anderes als die Forderung des Judentums, die Forderung der jüdischen Religion ist. Aber die Escamotage der „Reichspost" für „Christ" „Antisemit" zu setzen, ist eben nur eine Escamotage. Ein wahrer Christ, der im Sinne des Evangeliums leben und sterben will, der kann kein Antisemit sein, sowenig als ein Jude ein Antisemit sein kann. Darüber sind sich alle wahren Christen ja auch im klaren, und dielietzkapläne, die schreibenden wie die sprechenden, müssen sich dies knirschend selbst eingestehen, wenn sie es auch öffentlich verleugnen. Die erleuchtetsten größten Männer des Christentums, darunter Kirchenfürsten und Fürsten des Geistes haben es oft genug bewiesen und verkündet: Ein Christ kann kein Antisemit sein. Voltaire, der, bevor er persönlich in einem Prozeß gegen einen Juden den kürzeren gezogen, vorurteilsfrei die Judenfrage betrachtete, hat das herrliche Wort niedergeschrieben: „Wenn ich einen Christen auf Juden schimpfen höre, so kommt es mir vor, als ob ein Sohn seine Eltern mißhandeln würde." * * * Die „Reichspost" muß den „Hofrat", den sie sich erfunden, für einen argen Dummkopf halten, wenn sie glaubt, durch die Art ihrer Beweisführung ihn zum Judenhasser und Verächter der „Judenzeitung" machen zu können. Die „Reichspost" meint zum Beispiel, es genügt zu schreiben: „Nach Eduard v. Hartmann bedeutet das Aufkommen des Börne und Heine, des Lindau und Blumenthal in den Dreißiger- und Siebzigerjahren den Tiefstand der Dichtung", und damit ist das Judentum verurteilt und gerichtet. Wenn der Herr „Hofrat" der „Reichspost" zur Antwort gäbe: Soll ein Zitat über die Judenfrage entscheiden, was sagen Sie dann zum Beispiel zu der Aeußerung Ibsens: „Die Juden sind das Adelsgeschlecht der Weltgeschichte." Ein kleines Pröbchen noch für die Fälschungskunst der „Reichspost": Sie zitiert eine aus dem ZusammenhanggerisseneStelleaus dem Roman „Auf dem Wege nach Sion", in der es unter anderem heißt: „Ueberhaupt ist ja heute alles vereidet . . . Unser Geist regiert die Welt . . . Wir sind die Herren, denn was heute Macht hat, ist unseres Geistes Kind . . . Wir haben die Rassen der Völker durchsetzt, haben alles mürbe und morsch gemacht mit unserer abgestandenen Kultur... Der Jude stand da, die schwere Not jahrhundertelanger Friedlosigkeit in den entzündeten Augen, den Rücken gebeugt von den Erinnerungen erlittener Schläge, noch in hündischer Furcht vor jedem Fremden, der verbrieftes Recht hatte, den Vogelfreien zu beschämen und zu treten. Aber hinter allem glühte der Triumph des erschlichenen Sieges. Die Welt war verjudet, in Judengeist und -Laster zersetzt. Das war die Rache." Diese, wir wiederholen zu dem aus dem Zusammenhang gerissene, einer Romanfigur in den Mund gelegte, phantastische Phrasenliäufung soll nach der „Reichspost" ein Bekenntnis, eine Beichte des Judentums, ein Zeugnis der jüdischen Kulturwelt bieten! Nein, verehrte „Reichspost!" Es ist richtig: Die Welt, oder richtiger: die christliche Welt ist „verjudet". Aber wie soll sie es nicht sein, wenn die ersten Verkünder des Christentums, die Apostel, Juden waren, genährt und erfüllt von dem Geiste des alten Testamentes, wenn der Stifter des Christentums selber, der in seiner leiblichen Erscheinung das jüdische Bundeszeichen an sich trug, erklärte, daß seine Lehre nur die Erfüllung des alten Testaments sei. Ja, die christliche Welt ist durch und durch „verjudet", denn das neue Testament steht und fällt mit dem alten Testament. Und das ist so wahr, so einleuchtend, so selbstverständlich, daß die konsequenten Bekämpfer der Bibel Mosis mit gleichem Feuereifer das Evangelium bekämpfen, und von Jesus und den Aposteln gerade so wenig wissen wollen, wie von Moses und den Propheten . . . Das alles weiß ja vermutlich die „Reichspost" so gut wie wir und die Herren, die sie schreiben, würden, wenn s i e einmal eine aufrichtige, rückhaltslose Beichte ablegen wollten, gestehen, daß sie in Wirklichkeit keine christliche, sondern ganz im Gegenteil, nur eine antisemistische Zeitung machen wollen, daß sie nur zwei Leitsterne haben: Hepp-Hepp und das — Geschäft. * * * Von dieser „Reichspost", die von Verfolgung und Verunglimpfung der Juden und des Judentums lebt und gedeiht, sagte neulich ein Jude — Herr Reich — in einer Versammlung, er müsse sie jeden Tag lesen! Genug traurig, daß nicht nur Antisemiten, sondern auch Christen das Blatt lesen! Aber warum auch Juden? Die Verleumdungen, Lügen und Fälschungen der antisemitischen Presse sollen und müssen entlarvt und widerlegt werden, das ist Aufgabe der jüdischen Publizistik. Selbstbewußte jüdische Leser sollten es aber verschmähen, in den öffentlichen Lokalen die Blätter zu verlangen, die von der Schmähung der Juden ihr Dasein fristen. Sie sollten den „Genuß" dieser Lektüre jenen Juden Uberlassen, die sich auch nicht entblöden, der häßlichen Selbstpersiflage Beifall zu klatschen, mit der „jüdische Künstler" in gewissen Lokalen ihr sehr gemischtes Publikum ergötzen ... Es wäre wahrlich viel würdiger, wenn Juden z. B. in jenen Kaffeehäusern, deren überwiegendes Publikum aus Juden besteht, statt die antisemitischen Hetzblätter wirkliche „Judenzeitungen" verlangen würden: nämlich von und für Juden geschriebene jüdische Blätter, die sich selbst als solche bezeichnen und sich zur Wahrung der Ehre des Judentums auch — notgedrungen — mit der schmutzigen Wäsche des Antisemitismus beschäftigen müssen. Denn rein ist bei der Antisemitenpresse höchstens der „Reingewinn", den sie einheimsen. G. E—n.