Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVI (1914)
- Issue
- Heft 7 (10.4.1914)
- Date
- 1914-04-10
- Page
- Seite 51 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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hr. 7 .Neue National-Zeitung" Seite 51 Als ich nun gegen dieses Urteil die Berufung einleitete, da bekam der gute, alte, ehrliche Präsident 70 Drohbriefe, daß er es ja nicht wagen sollte, mir entgegenzukommen und eine neue Verhandlung zu gewähren. Arn Tage der Urteilsfällung hat er erklärt, daß er es noch nicht wisse, ob ich schuldig sei oder nicht. Ein neues Verfahren wurde aber bisher noch nicht eingeleitet. Der Hauptrichter Fish und sein Gehilfe Bake haben zwar dafür gestimmt, die vier anderen Richter stimmten jedoch dagegen... Obwohl ich also eine Niederlage erlitten habe, ist meine Angelegenheit noch nicht erledigt. Mein Anwalt wird eine außerordentliche Revision beantragen auf Grund neu aufgefundener Beweise, die ja, wie allgemein bekannt, in genügender Anzahl vorhanden sind! Noch haben wir nicht unser ganzes Beweismaterial übergeben und der berühmte Detektiv Burns widmet noch immer meiner Sache seine angestrengte Tätigkeit. Was mich betrifft, so kann ich Ihnen nur das eine sagen: Ich bin unschuldig, ganz unschuldig! Und ich bin überzeugt, daß in diese furchtbare, noch dunkle MordsaJie ein Lichtstrahl dringen wird, daß ich dann vor der Welt, vor den Augen meiner Freunde und Feinde, meiner Bekannten, meiner Mitbürger und Juden als Unschuldiger dastehen werde. Meine Ehre wird mir wiedergegeben und mein Charakter von all dem auf mich geworfenen Schmutz gereinigt werden. Gnade verlange ich nicht. Nicht Sympathie, sondern Gerechtigkeit und Unparteilichkeit fordere ich als Bürger. Und der Sieg der Wahrheit muß kommen .. Die „Judenzeitung". Motto: Der Jude Reich rief jüngst in einer Versammlung: „Ich muß jeden Tag die „Reichspost" lesen!" Der Begründer des „Deutschen Volksblatt" der seinerzeit nach seinem eigenen Geständnis diese Zeitung „eigens wegen der Korruption" geschaffen, hat den Kampf gegen das „jüdische Kapital" so lange erfolgreich geführt, bis er sich als steinreicher Mann von den Geschäften zurückziehen konnte. Die Herausgeber der „Reichspost" wollen nun, von dem gleichen Geschäftsgeist beseelt, in kürzester Zeit Reichtümer sammeln, und ihr einziges Streben geht dahin, die Abonnenten und Inserenten der liberalen Blätter zu — akquirieren. Wenn die „Reichspost" so ehrlich herausschreiben dürfte, was Vergani durch seine unbeabsichtigte stilistische Entgleisung verriet, so würde sie täglich an der Spitze ihres Blattes die Worte verlautbaren: „Der Taufschein ist uns gleichgiltig, wir bitten nur um Abonnement- und Inseratenschein!" Diese Offenherzigkeit würde aber kaum dem Geschäfte nützen, und so zieht es die „Reichspost" vor, unter der Flagge der „christlichen Gesinnung" und des lauteren Idealismus auf den Kundenfang auszugehen. Aber wie man einst dem Diogenes zurief: „Aus den Löchern deines Mantels guckt die Eitelkeit!" so kann die „Reiclispost" die häßlichen Triebfedern der Habsucht, der Geldgier und des schmutzigen Geschäftsgeistes nicht verleugnen, die ihr geheuchelter, fadenscheiniger Idealismus verbergen möchte. * . * * Die „Judenzeitung" wirkt auf die „Reichspost" aufreizend, d. h. die „Reichspost" will nur gegen die „Judenzeitung" aufreizend wirken und ihr, wenn auch nicht die Leser, so doch die kaufenden Abnehmer entziehen. Denn das ist wahr: die Bescheidenheit der „Reichspost" ist so ideal, so groß, daß sie sich auch mit Analphabeten als Inserenten und Abonnenten begnügen würde. Als „Judenzeitung" gilt jedoch der „Reichspost" jede Zeitung, die, mag sie auch beinahe ausschließlich von christlichen Redakteuren geschrieben sein, in ihren Spalten nicht den Hepp-Hepp-Ruf ertönen läßt. Es ist übrigens nur zu begreiflich, daß die „Reichspost" in jedem freisinnigen Blatte, das belehrend und aufklärend auf die Leser wirken will, in jedem Blatte, das von dem Grundsatz ausgeht, man dürfe niemanden wegen seiner Konfession und Abstammung verfolgen und unterdrücken, einen Todfeind erblickt, der die Existenz der Antisemitenpresse unmöglich machen will. Es ist wahr: an dem Tage, an dem alle Abonnenten diesem Grundsatze huldigen, müßte die „Reichspost", wir können nicht sagen: ihren Geist, aber doch den Geschäftsgeist aufgeben, der sie beseelt. * * * Mit welchen Mitteln die „Reichspost" die skrupellose Propaganda für ihr Geschäft betreibt, konnte man am besten aus ihrem „Die Judenzeitung" benannten Artikel erkennen, den sie in ihrer Sonntagsnummer vom 29. März in Form eines Briefes an einen „Hofrat" veröffentlichte. Hoffentlich an einen imaginären Hof rat, denn ein wirklicher, lebender würde sicherlich unter der Menge des — Unrates erliegen, den die „Reichspost" ihm in diesem Sammelsurium von Lügen und Fälschungen an den Kopf wirft. Halten wir uns die Nase zu und beleuchten wir einige dieser aus dem Sumpfboden des Hasses sprießenden Blüten. „Man könnte darauf hinweisen, daß alles, was im letzten Jahrhundert in den Fragen der höheren Geisteskultur Rang und Namen hat, aus Vorahnung oder Erleben heraus den gepriesenen Zeitungstypus verflucht hat, wie nur etwas auf diesem Planeten verflucht wurde." Die moderne Zeitung ist gewiß, wie jedes Menschenwerk nicht frei von Mängeln und Gebrechen. Aber zwischen der Konstatierung dieses Umstandes und der Behauptung, daß „alles was im letzten Jahrhundert in den Fragen der höheren Geisteskultur Klang und Namen hat", die Presse, und zwar gerade die vom modernen Geiste des Fortschrittes, der Humanität und Vorurteilslosigkeit beseelte Presse nicht als Segen, sondern als Fluch der Menschheit bezeichnet hätte, gähnt ein Abgrund, den nur die infamste Verlogenheit übersehen kann. Die größten Männer, die führenden Geister haben sich in dem Gedanken begegnet, daß die freisinnige Presse der mächtigste Pionier für Aufklärung und Zivilsation, der größte Helfer in allen Kultur- und Humanitätsbestrebungen war. Für die antisemitische Presse, die in Lüge, Haß und Schmutz die einzigen Bedingungen ihres Daseins hat. die die Gemüter vergiftet, die Geister verdummt, für die gilt freilich kein anderes Wort als das der edle Kaiser Friedrich für die antisemitische Bewegung trenrägt hatte, er nannte sie: die Schmach des Jahrhunderts. * , * *