Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVI (1914)
- Issue
- Heft 7 (10.4.1914)
- Date
- 1914-04-10
- Page
- Seite 50 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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öeite 50 .Neue National-Zeitung" Ni. 7 zum Tode von der Bnei Brith Loge neuerlich zum Präsidenten gewählt. Frank, dem die hervorragendsten Anwälte zur Seite standen, ergriff gegen das Urteil die ihm zustehenden Rechtsmittel Vergebens. Der Präsident der II. Instanz verkündigte die Bestätigung des Urteils mit den Worten: „Ich halte die Schuld Franks für sehr zweifelhaft. Allein die Geschworenen haben ihn verurteilt; sie mögen es mit ihrem Gewissen ausmachen." Auch der Oberste Gerichtshof hat die Revision verworfen und in öffentlicher Verhandlung die Vollstreckung der Todesstrafe auf den 17. April anberaumt. Bei dieser Verkündigung verließ Frank, wie die amerikanischen Blätter erzählen, seine Ruhe. Er rief schmerzlich: „Das ist doch mein Geburtstag!" Damit wären nun alle ordentlichen Rechtsmittel erschöpft. Es bleibt nur noch ein Ausweg und ein Rettungsanker: eine außerordentliche Wiederaufnahme durch den Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten in Washington. Die Anwälte und die Freunde Franks hegen die feste Zuversicht, daß diese höchste Justizstelle nicht vergeblich angerufen werden wird. Denn in der öffentlichen Meinung von Atlanta selbst ist in der letzten Zeit ein unvorhergesehener Umschwung eingetreten. Sowohl die Presse als auch die Wortführer der Oeffentlichkeit und insbesondere die Geistlichen der verschiedenen christlichen Konfessionen sind bei ruhiger und sachlicher Erwägung doch zu einem Zweifel an der Schuld Franks gelangt. Sie verlangen für Frank einen fair trial, eine neuerliche, von äußerem Zwange unbeeinflußte Verhandlung. Sehr geschickte Detektivs, die von den Anwälten Franks aus New-York bezogen wurden, darunter der berühmte Burns, sind auf verschiedene unlautere Machinationen der Polizeiorgane gestoßen, die den Zweck verfolgten, künstliche Indizien gegen Frank zu schaffen und klare Unschuldsbeweise zu unterdrücken, um in den Besitz der ziemlich bedeutenden Ergreiferprämie zu gelangen. Burns hat bereits erklärt, daß seine Recherchen schon zu Ende seien und daß sein in einigen Tagen erscheinende Bericht in klarer und unzweifelhafter Weise sowohl den Verlauf der Mordtat als auch die Person des Mörders schildern wird. Ein großer Teil des Wiederaufnahmsmaterials wurde bereits dem Generalanwalt in Washington, sowie dem Staatsanwalt des Staates Georgia zur Verfügung gestellt. Frank selbst, dem nach der Strafprozeßordnung seines Staates gestattet ist, in seiner Zelle den Besuch von Verwandten, Freunden, Journalisten und Anwälten zu empfangen, sieht nunmehr mit Zuversicht der weiteren Entwicklung seines Strafprozesses entgegen. Er erklärte seinen Interviewern mit stoischer Ruhe: „Ich bin unschuldig und einen Unschuldigen henkt man nicht!" Die nächsten Tage müssen die Entscheidung bringen, die von der gesamten öffentlichen Meinung und den Juden der Vereinigten Staaten mit fieberhafter Spannung erwartet wird. Das Schicksal Franks ist ein Stück jüdischer Leidensgeschichte; er teilt dieses Schicksal mit zahlreichen Märtyrern unseres Volkes, deren Zahl leider noch immer nicht erschöpft ist. Die Justiz der Vereinigten Staaten bietet uns aber zum erstenmal das Bild antisemitischer Verblendung und Rechtsbeugung, die selbst vor einem Justizmorde nicht zurückschrickt. Doch wir wollen mit diesem scharfen Urteile noch zurückhalten. Der Oberste Gerichtshof von Washington hat das Wort! L. Leo Frank über seinen Fall. Der Redakteur des New-Yorker jüdischen Tagblattes „Vorwärts" hatte jüngst mit Frank im Gefängnisse ein Interview, das viel beredter als alle Schilderungen diesen schrecklichen Justizmord kennzeichnet: „Man darf nicht vergessen," erzählte Frank, „daß neunzehn oder zwanzig schwarze Frauen in den letzten neun Monaten ermordet worden sind, bevor die arme, kleine unglückliche Phagan einem Mordbuben zum Opfer fiel. Und doch wurde kein einziges Mal der Mörder entdeckt. Als nun plötzlich eine weißes Opfer fiel, ein kleines Kind, die Tochter eines Arbeiters, so brutal hingeschlachtet wurde — da wollten und mußten die Massen irgendeinen Schuldigen finden. Die ,Atlanta Constitution', eine der einflußreichsten Tageszeitungen, brachte am Morgen nach der Ermordung dieses Mädchens einen Artikel, in dem das Vorgehen des Polizeidepartements scharf verurteilt wird ... 3700 Dollars wurden als Prämie für denjenigen ausgeschrieben, der den Mörder entdecken würde. Anfangs war der Fall in ein chaotisches Dunkel gehüllt. Sechs oder sieben Menschen, darunter auch ich, wurden verhaftet. Ich deshalb, weil ich gesagt hatte, daß ich im Geschäfte war und das Kind lebendig gesehen habe. Später ließ man alle bis auf mich und Conley (einen Neger) auf freien Fuß. Gegen mich hatte man gar keine Beweise. Die Polizeidetektivs haben eingesehen, daß ihr gegen mich gesammeltes Beweismaterial schwach ist und da begannen sie, gewisse Nachrichten über mich, beziehungsweise meinen Charakter auszustreuen, die heute als offenbare Lügen bereits feststehen. Dann hat man auf andere Weise gegen mich Stimmung gemacht. Man hat ausgesprengt, ich sei reich — was den Tatsachen nicht entspricht — und die armen Volksmassen wurden mir feindlich gesinnt: Arbeiter gej-en Arbeitgeber, Meine soziale Position hat den Klassenhaß gegen mich entfacht. Das sind Details, aus denen sich die feindliche Stimmung gegen mich erklärt... Als aber schließlich noch bekannt wurde, daß ich ein Jude bin, verstärkte sich der Haß gegen mich noch mehr, denn ein neues Element war für meine Gegner und Feinde hinzugekommen: der Rassenhaß. Das Polizeidepartement von Atlanta ist nicht gut und die betreffenden Funktionäre würden ihr Ansehen und ihre Stellung verlieren, wenn sich meine wirkliche Unschuld herausstellt, wenn sich herausstellt, daß sie einen Gentleman, einen ehrlichen und ehrenhaften Bürger zum Mörder stempelten. Deshalb hat man auch meinen Ruf beschmutzt. Dabei spielte auch das Geld, die Ergreiferprämie, eine große Rolle. Eine stickige, schwere Atmosphäre wurde dann geschaffen, um meine Verurteilung durchzusetzen Ich kritisiere nicht und will auch nicht die 12 Geschworenen anklagen. Sie sind vielleicht gute und ehrliche Menschen. Der Strom der Volksmeinung, des Volksvorurteils zog sie aber mit sich fort... und so erklärten sie mich für schuldig... Gerade wie der W'ildbach im Frühjahre verschiedene Gewässer aufnimmt und sie auf seinem Wege mit gewaltiger Kraft mitschleppt, so ist es auch mit den Geschworenen gewesen. Sie wollten und konnten nicht gegen den Strom schwimmen — und ich wurde verurteilt.