Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVI (1914)
- Issue
- Heft 7 (10.4.1914)
- Date
- 1914-04-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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MCiONAL-ZEiOJNG RSRisüsegBER: ors.K.LNNONu:: XVI. Jahrgang, Wien, 10. April 1914. Nr. 7. Das Todesurteil gegen Leo Frank. (Ein Opfer antisemitischer Volksverhetzung.) Wenn kein Wunder geschieht, dann wird Leo Frank in Atlanta am 17. d. M., seinem 31. Geburtstage, gehenkt werden: ein Fall der unglaublichsten Tragik, der wohl in der Geschichte des Antisemitismus und des Rassenhasses nurwenige seinesgleichen findet. Leo Frank ist vor einigen Jahren aus Brooklyn nach Atlanta, im Staate Georgia, übersiedelt, hat dort geheiratet und ist als Fabriksdirektor seinem Berufe nachgegangen. Für seine soziale Position spricht wohl am besten der Umstand, daß ihn die BneiBrithLogezu ihrem Präsidenten erwählt hat. Nun wollte es das Verhänignis, daß in seinem Fabriksgebäude im April vorigen Jahres eine 14jährige weiße Arbeiterin, namens Mary P h a ga n, ermordet aufgefunden wurde. Die Polizei lenkte sofort den Verdacht auf einen in dieser Fabrik angestellten Neger, der auch verhaftet wurde. Dieser war es, welcher wieder den Verdacht auf Frank ablenkte. Er wußte zu erzählen, daß er von diesem eines Nachmittags gerufen wurde und den Auftrag erhielt, die Leiche des ermordeten Mädchens beiseite zu schaffen. Auf Grund dieser einzigen Beschuldigung wurde Frank verhaftet und auf Grund dieser einzigen Zeugenaussage wurde Frank zum Tode verurteilt. Was zwischen der Verhaftung und der Verurteilung vor sich ging, um gegen einen unbescholtenen Menschen und einen angesehenen Bürger den schweren Verdacht eines Mordes zu festigen, war jenes ungeheuerliche Kesseltreiben, das wir bereits aus dem Prozesse gegen Beylis und der Affäre Dreyfus genügend kennen. Der Beschuldigte war ein Jude. Alle vernünftigen Erwägungen, die die Täterschaft des Angeklagten geradezu unmöglich machten, wie seine ganze Individualität, seine Vergangenheit, der Mangel eines jeden Motivs, wurden hier zum Schweigen gebracht in der schwülen Atmosphäre, die durch Verhetzungen gegen den Juden Frank geschaffen wurde. Presse und Polizei, Rasseninstinkte und soziale Gegensätze verbanden sich, um für die Ermordung einer christlichen Arbeiterin den jüdischen Fabriksdirektor der Masse als Sündenbock hinzuwerfen. Die Geschworenen standen unter dem Einflüsse dieser öffentlichen Meinung, unter dem Zwange des rasenden Mobs, der das Gerichtsgebäude stürmen wollte, und es geschah das in den Annalen der amerikanischen Justiz noch nie dagewesene, daß ein Weißer auf Grund der alleinigen Zeugenaussage eines Negers verurteilt wurde. Aber dieser Weiße war eben ein Jude und die Geschworenen von Atlanta, die von der antisemitischen Presse getriebenen Zuhörermassen nahmen selbst die Aussage eines Negers gerne mit in den Kauf, um den Tod einer Christin mit dem Blute eines Juden zu rächen. Leo Frank, der durch seine eisige Ruhe und klare Verteidigung selbst seinen Feinden zu imponieren wußte, konnte unter diesen Umständen der Verurteilung nicht entgehen. Was die Geschworenen in Kiew nicht über sich brachten, das geschah im freien Amerika. Leo Frank wurde auf Grund der alleinigen Aussage eines Negers trotz seiner gegenteiligen Versicherungen infolge einer unerhörten Pression antisemitischer Zeitungen und des von ihnen aufgestachelten Mobs zum Tode verurteilt. Die gesamte Judenschaft von Atlanta zweifelte nicht einen Augenblick an seiner Unschuld und so wurde er einige Wochen nach seiner Verurteilung