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Neue Nationalzeitung · 1914-03-27 · Heft 6 (27.3.1914) · p. Seite 47

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVI (1914)
Issue
Heft 6 (27.3.1914)
Date
1914-03-27
Page
Seite 47 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 6 ,Neue National-Zejtung^_ Seite 47 FEUILLETON. Zur Geschichte des Wiener Rabbinerseminars.*) (Schluß). Warum aber sein Interesse an der galizischen Hilfsaktion seit seiner Rückkehr aus Paris zu erkalten anfing, ist nicht leicht zu erklären. Möglich, daß er inzwischen einsehen lernte, daß eine Widmung von 100.ÜOO fl., wie er sie g'eplant, kaum einem Tropfen am Eimer hier gleichkomme, daß also Nennenswertes mit diesem Opfer nicht geleistet werden könnte; möglich auch, daß er zu ahnen anfing, daß diesem Kulturwerke von anderer Seite bald unvergleichlich größere Hilfsmittel zufließen werden, denen gegenüber seine Widmung als eine verschwindend kleine erscheinen werde. Doch, wozu sich in zwecklosen Vermutungen ergehen? — Erfreulicherweise ließen sich die führenden Männer der Wiener Allianz, die noch ihre Ideale hatten, durch diese Enttäuschung von dem einmal gefaßten Entschluß nicht abschrecken. Man ging gleichwohl an die Gründung einiger Schulen, zuerst an der Peripherie und später auch im Innern Galiziens, die sich gerade unter den vielen Anfechtungen seitens der Polen sowie der schulfeindlichen jüdischen Bevölkerung in erstaunlich raschem Tempo entwickelten und sich zeigen durften. Baron Hirsch wurde auf dieselben und auf ihre licht verbreit ende Tätigkeit aufmerksam gemacht und ich kam mit ihm in persönlichen Verkehr. So schwer er auch zu behandeln war, so himmelweit unsere Wege und die aüf beiden Seiten angestrebten Ziele auseinandergingen, so eigensinnig er auf vorgefaßten Meinungen und Entschlüssen verharrte; er hatte einen scharfen, durchdringenden Verstand, einen ernsten Willen, zu helfen und last not least, eine offene Hand und einen auf das Große gerichteten Schwung. Es war eine Lust, mit ihm zu ringen. Er ließ sich endlich überzeugen und eines anderen belehren. Mit Hilfe der von ihm der Wiener Allianz zur Verfügung gestellten Mittel konnte diese ihrem galizischen Kulturwerke die gewünschte Ausdehnung geben, bis es in den Besitz der 1890 kreierten galizischen Baron Hirsch-Stiftung überging. Zwei Jahre war ich bereits Sekretär der Baron Hirsch-Stiftung, als mich Herr W. v. Gutmann wieder zu besuchen anfing. Freudestrahlend berichtete er mir, daß sein lang gehegter sehnlichster Wunsch, in Wien ein Rabbinerseminar kreiert zu sehen, endlich der Erfüllung entgegengehe und er bäte mich dringend, dem Vorberatungskomitee, welches aus Baron Mor. Königswarter, Oberrabbiner Jellinek und Güdemann, Em. Baumgarten, ihm selbst und dem Sekretär der Kultusgemeinde als Protokollführer bestehe, beizutreten. Ich war nicht mehr so naiv, die Schmeichelei, daß meine Person selbst hier so sehnsuchtsvoll begehrt werde, für bare Münze zu nehmen, zumal meine Stellung zu den modernen Rabbinern und Seminarien genügend bekannt *) Siehe Nr. 4 und 5 d. .1. Anm. der Red. war. Ich wußte, daß es mein Amt und meine Beziehungen zu Baron Hirsch, auf deren materielle Unterstützung man rechnete, waren, die mir die Ehre dieser Einladung verschaffen. Wäre mir aber auch nicht bekannt gewesen, daß Baron Hirsch für derartige Schöpfungen absolut nicht zu haben war, wovon übrigens auch Oberrabbiner Güdemann, der ihm einmal in dieser Angelegenheit in Karlsbad einen Besuch abstattete, zu erzählen weiß; ich hätte dennoch diese Einladung aus den primitivsten Gründen abgelehnt, da ich ja schon aus der Zusammensetzung des Vorberatungskomitees — Dr. Jellinek, der in einem Memorandum seinen gegnerischen Standpunkt präzisiert hatte, besuchte diese Sitzungen nicht — den Kurs erkennen konnte, den das zu gründende Seminar nehmen werde. Allein Herr W. v. G. war nicht der Mann, sich so ohneweiters einen Wunsch abschlagen zu lassen. Ein Mann, der aus nichts, bloß mit einem eisernen Willen sich ein imposantes, viele, viele Millionen reiches Geschäftshaus aufbaute, verstand es, uns'ereinen, einen „von des Gedankens Blässe Angekränkelten", schließlich umzustimmen. Wie leicht fiel es mir damals und auch in der Folge, mich zu verhärten gegen einflußreichste Winke mit dem Zaunpfahl: noch zu leistende Dienste, die man mit euphemistischer Uebertreibung als noch ausstehende, mein Wirken „krönende Verdienste" bezeichnete, in Bälde mit entsprechender, heute so viel begehrter „Anerkennung" belohnt zu sehen! -- Auf Dilligste Weise konnte ich mir die Gunst führender und vielvermögender Polen gewinnen, die mir bis dahin als verwegenem Eindringling in fremdes Land gar nicht wohlgesinnt waren und mir es noch zu guter Letzt nicht vergessen konnten, daß ich ihre zuversichtliche Hoffnung: die galizisch'e Baron Hirsch-Stiftung in ihre eigene Verwaltung bekommen zu können, vereitelte. Ich brauchte nur zugunsten einer mit dem Stiftungszwecke in Verbindung gebrachten Angelegenheit, für welche hohe und höchste galizische Kreise sich interessierten, die mir jedoch nicht sehr empfehlenswert schien, zu intervenieren, wie di'es von Leuten versucht wurde, die ungleich besser situiert waren und gesellschaftlich ungleich höher standen als ich. Ich tat es aber nicht. Ich erhob vielmehr meine warnende Stimme.-- Aber Herrn W. v. Gutmanns bohrender Zähigkeit unterlag ich: insbesondere dadurch, daß er auf alle meine Ansichten und Forderungen unbedenklich einging, sie im Handumdrehen zu den seinigen machend. Er denke gar nicht daran, versicherte er mir, das Gebäude vom Dache, sondern vom Grunde aus aufzuführen, er wolle in erster Linie modern geschulte Religionslehrer, die wir wie das tägliche Brot brauchen, heranzubilden und erst aus diesen eine Auslese treffen lassen, um gediegene Rabbiner, die immer seltener werden, heranziehen zu lassen. Von einem inquisitorischen Gehaben werde da keine Rede sein ... Kurz, er verstand es, alle nieine Befürchtungen zw zerstreuen, so daß ich schließlich seinem Drängen nachgab. Ich besuchte aber bloß zweimal

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