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Neue Nationalzeitung · 1914-03-27 · Heft 6 (27.3.1914) · p. Seite 46

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVI (1914)
Issue
Heft 6 (27.3.1914)
Date
1914-03-27
Page
Seite 46 (sequence 6)
Language
German
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Seite 46 Nr. 6 in Erregung und wandten sich an Roosevelt mit dem Ansuchen, Ahlwardt die Redefreiheit zu entziehen und ihm auch keinen Polizeischutz zu gewähren. „Das war aber", schreibt Roosevelt, „ein Ding der Unmöglichkeit und überdies nicht einmal wünschenswert, weil es ihn zum Märtyrer gemacht hätte. D a s e i n z i g R i c h t ig e w a r, ihn lächerlich zu machen. Dementsprechend kommandierte ich zu seinem Schutz einen Wachtmeister und ein paar Dutzend jüdischer Polizisten. Er hielt seine Rede gegen die Juden also unter dem tatsächlichen Schutz von einigen vierzig Polizisten, die alle miteinander Juden waren. Es war die wirkungsvollste Antwort, die unter den Umständen möglich war." Ja, für New York hatte Roosevelt offenbar recht. Ein so unwürdiges, albernes und verkommenes Subjekt wie Ahlwardt hätte in New York nur gewinnen können, wenn man ihn als den Märtyrer einer, sei es noch so unsinnigen Ueberzeugung hätte erscheinen lassen. Der Fluch der Lächerlichkeit, der angeblich auch töten kann, genügte, um einen Ahlwardt in New-York wenigstens unschädlich zu machen. Wenn man sich aber erinnert, wie dieses Subjekt in Wien unter der Patronanz von Lueger und Vergani, voll den Antisemiten geehrt und gefeiert wurde, so wird man mit Beschämung erkennen müssen, daß in Oesterreich der Antisemitismus gegen die Wirkungen, die der Lächerlichkeit zugeschrieben werden, vollkommen gefeit ist. Hierzulande macht der Antisemitismus wirklich immun, er verhilft sogar vielen zur Abgeordnetenimmunität. So unsterblich lächerlich kann sich bei uns kein Antisemit machen, daß er nicht doch noch herrlich, eventuell auch als Parteiführer leben könnte. Der Fluch der Lächerlichkeit soll den Antisemitismus in Oesterreich töten oder auch nur verletzen? Lächerlich! Roosevelt dachte, daß ein Ahkvardt durch seine konfusen, hohlen und verlogenen Reden logisch denkende Zuhörer nur zu Verächtern der antisemitischen Theorien werde machen. Er begrüßte in Ahlwardt sozusagen den Mann, der am besten geeignet wäre, die Irrlehren des Antisemitismus zu kompromittieren. Ahlwardt als Erzieher! „Ueberdies war es", meinte Roosevelt schließlich von dem Auftreten Ahlwardts, „eine Musterlektion für unser Volk, das vor allem lernen muß, daß es keine Trennung durch Klassenhaß geben darf, mag dieser Haß nun der eines gegen einen anderen, einer Nationalität y°.gen eine andere, einer Parteigruppe gegen die andere, eines gesellschaftlichen oder industriellen Standes gegen einen anderen sein." In Wien war dies anders. Da konnte man den Mann, von dem die häßlichsten Geldgeschichten erzählt wurden,dem antisemitischenPublikum selbst für — Geld zeigen. Er konnte so trefflich auf die Juden schimpfen! In Wien wirkte auch ein Ahlwardt als Erzieher zum Antisemitismus. Einer der edelsten Geister Frankreichs, der auch alsBekämpfer des Antisemitismus im Prozeß Dreyfus oft genannte Francis dePressense, hat am 12. Februar 1913 — ungefähr ein Jahr vor seinem Tode — in einem sensationellen Vortrage die furchtbaren Greuel gebrandmarkt, die das gegenwärtige Regime in Rußland beflecken. Dieser Vortrag, der insbesondere die Leiden schildert, welche die politischen Verbrecher in Rußland erdulden, schließt mit den herrlichen Worten: „Ich will als Franzose nicht von nahe und nicht von ferne Mitschuldiger der Verbrechen sein, durch die der Zarismus sein Dasein verteidigt. Ich will jener Tradition nicht untreu werden, die der Ruhm unseres Volkes ist, die alle strebenden, kämpfenden, leidenden Menschen in enger, heiliger Solidarität mit uns verknüpft... Ich hoffe trotz allem, daß bald rJie Stunde schlägt — bald, keinen Aufschub mehr! — wo wir endlich, endlich das Erwachen des Gewissens und der Vernunft der zivilisierten Welt erleben. Es ist wahrlich Zeit!" Der edle Pressense hai die Zeit nicht erlebt... Wird sein Mahnruf, sein Weckrul aus dem Grabe die Herzen der Lebenden rühren? G.E—n. Literatur. Schalom Asch: Kleine Oese Ii ich ten aus der Bibel. Nach dem jüdischen Original übersetzt und bearbeitet von Dr. phil. Helene Sokolow. Jüdischer Verla«, Berlin 1914. 34 Erzählungen und Märchen aus dem ersten Buch Moses und den zugehörigen Geschichten aus der jüdischen Legende, die sich in jahrtausendelanger Tradition um die Bibel gerankt haben. Die Uebersetzung hat den volkstümlichen Ton des Originals zu wahren gewußt. Ein echtes Märchenbuch, in welchem Tn.uriges und Heiteres nebeneinander stehen. Lehrreich, wie der biblische Stoff auch den Kindern nahegebracht werden kann. Illustrationen nach Originalholzschnitten von Holbein dem Jüngerer und Beham. Großer, kräftiger Druck, starkes Papier, solide Einbände. * Scholem Alejchem: Die verlorene Schlacht. Humoristische Erzählungen. Aus dem Jüdischen von Matthias Acher. Band IV der Sammlung „Vom Alten Stamm". Jüdischer Verlag Berlin 1914. Scholem Alejchem ist der urwüchsige Dichter des jüdischen Ostens. Seine Kunst ist im Volksleben verwurzelt. Es wühlt nicht gern in der jüdischen Seele. Die Probleme des jüdischen Lebens aber finden sich in seinen Dichtungen alle wieder. Haben doch die letzten 50 Jahre mit ihrem Zusammenbruch des alten Judentums, mit ihren Wanderungen, mit ihren Progromen und fortwährenden Umschichtungen der sozialen Struktur eine Fülle neuer Probleme erzeugt. Trotz namenloser Leiden und wirtschaftlichen Elends ist der Jude des Ostens in seinem Wesen heiter. Und wird ihm das Dasein einmal ganz unerträglich, so hilft der bittere Humor, der auch gern zum Galgenhumor wird, hinweg. In Scholem Alejchem finden wir alle Stufen des jüdischen Humors vertreten, von dem populären Situations- und Wortwitz bis zur Gestaltung ewiger Typen, die zur Weltliteratur gehören würden, wenn Scholem Aleichems Schöpfungen jenseits ihrer Sprachgrenzen schon bekannt wären. Die vorliegende Ausgabe ist ein erster Versuch, Scholem Alejchem dem deutsch lesenden Publikum zugänglich zu machen. Die Auswahl der neun Erzählungen soll das gesamte Schaffen des Dichters repräsentieren. — Die Uebersetzung ist gut, die Ausstattung des Buches geschmackvoll und entspricht der der ersten drei Bündchen der Sammlung.

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