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Neue Nationalzeitung · 1914-03-27 · Heft 6 (27.3.1914) · p. Seite 45

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVI (1914)
Issue
Heft 6 (27.3.1914)
Date
1914-03-27
Page
Seite 45 (sequence 5)
Language
German
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fir. 6 „Neue National-Zeitung" Seite 45 Es war ein trauriger Abend für den Abgeordneten Kuranda und alle Versuche seiner Parteifreunde, ihn herauszustreichen, konnten darüber nicht wegtäuschen, daß ein wichtiRes jüdisches Mandat, denn das Reichsratsmandat eines jüdischen Wahlbezirkes, bei der Entscheidung von Fragen der jüdischen Interessenpolitik, dort, wo es sich-um das Wohl und Wehe jüdischer Bürger handelt, außer Betracht bleiben muß, weil der jüdische Inhaber dieses Mandates sich's mit den Cliristlichsozialen nicht verderben will. Eine traurige Perspektive! Sollte nicht Herr Kuranda selbst das Unhaltbare dieser Situation empfinden? . . . * * * Ein zionistischer Gemeinderats-Kandidat. Im letzten Moment hat die zionistische Partei beschlossen, einen eigenen Kandidaten in der Person des Börserates Adolf Brecher dem Dr. Löwenstein entgegenzustellen. Herr Brecher hat in der Wählerversammlung vom 24. d1. M. sein Programm entwickelt. Von da und dort. (An einen jesuitischen Hetzpfaffen.) Eine Preisfrage: Welche Lügen sind so dumm oder welche Dummheiten sind so verleumderisch, daß ein klerikaler Judenfeind fürchten müßte, sie erfolglos seinem Publikum aufzutischen, wenn sie gegen die Juden gerichtet sind? Ich glaube die kühnste Phantasie wird kaum eine solche Beschuldigung aushecken können und der Preis — vorausgesetzt, daß sich jemand fände, der ihn ausschreibt — würde kaum zur Auszahlung gelangen. Derlei kommt schon bei Preisausschreibungen manchmal vor. Auch den Bauernfeld-Preis hat, wenn ich mich recht erinnere, einige Jahre niemand bekommen, obwohl sich Bewerber genug gefunden hatten. Wieso ich auf meine Preisfrage gekommen bin, die sich keineswegs auf ein Lustspiel bezieht? ... Das danke ich der Rede, die vor einigen Tagen P. Victor K o 1 b im Pius-Verein gehalten hat. P. Victor Kolb, der für einen der gebildetsten und beredtesten klerikalen Hetz-Prediger gilt, hat in der Rede, die er vor einem sehr zahlreichen Publikum hielt unter anderem auch nach der in solchen Dingen gewiß höchst glaubwürdigen „Reichspost" buchstäblich folgendes gesagt: „. . . Wenn auf einer Versammlung orthodoxer Juden in Berlin anfangs 1912 öffentlich gesagt wurde: „Der christliche Staat ist mit den Interessen des Judentums unvereinbar", so erinnern wir uns, was am 24. Februar 1911 im Beethovensaal in der Strauchgasse sich zugetragen hat, wo die Reden in dem Satz ausklangen: „Wir Judenhaben dasKapital. Wir Juden haben hier zu herrschen. Nieder mit den Christen!" Der hochwürdige Herr P. Victor Kolb erinnert sich also genau, daß Juden in Wien öffentlich Reden hielten, in der sie zunächst die nette Behauptung aufstellten, daß sie allein das Kapital besitzen, Sie begnügten sich aber nicht, wie sich der hochwürdige P. Kolb weiter erinnert, mit der Konstatierung dieser überraschenden Tatsache, die zugleich die Säkularisierung der Kirchengüter und die Konfiszierung aller den Nichtjuden in Oesterreich gehörenden mobilen Kapitalien voraussetzt, sondern proklamierten auch mit schönem Freimut die Herrschaft der Juden. Und die Versammlung endete stimmungsvoll, wie sich P. Kolb schließlich erinnert, mit dem in Wien weder früher noch später gehörten begeisterten Rufe: „Nieder mit den Christen!" Ja, auch an diesen Ruf erinnert sich P. Kolb. Er ist zwar nicht ganz originell, denn er ist offenbar nur eine Nachahmung der herzerhebenden Kundgebungen, mit der -zügellose, von geistigen Genüssen in Wirtshäusern oder antisemitischen Versammlungen erhitzte Pöbelmassen schon oft und oft durch die Gassen zogen, aber immerhin war der Ruf sehr bemerkenswert P. Kolb erinnert sich auch, daß sich das alles am 24. Februar 1911 zugetragen hat. Das sind Erinnerungen! Und so genau, daß man nicht umhin kann, demGedächtnis des hochwürdigen Herrn ein Kompliment zu machen. Nur eines scheint mir vielleicht nicht ganz richtig. Sollten diese Reden wirklich im Beerhovensaal in der Strauchgasse und nicht etwa in — S t e i n h o f gehalten worden sein? Mein Gott, auch beim besten Gedächtnis kann man sich ja einmal in einem nebensächlichen Detail irren .... Nehmen wir einen Moment an, solche Reden wären von einem bereits in Steinhof internierten, der Zwangsjacke verfallenen Juden gehalten worden, dann hätten wir ja die schönste plausibelste Erklärung dafür, daß kein Mensch je davon gehört hat, daß ein Jude, der so gesprochen, iirs Beobachtungszimmer oder ins Zuchthaus gebracht worden sei . . . Doch lassen wir den Scherz! Ist es nicht furchtbar, daß ein geistlicher Redner in Wien vor einem nicht aus Analphabeten bestehenden Publikum derlei unsinnige Ungeheuerlichkeiten vorbringen kann ohne durch ein Hohngelächter des Unglaubens untcrbrochen zu werden? Ohne daß ihm zugerufen wurde: Erzählen Sie solche Märchen den Insassen von — Steinhof! Nein, der hochwürdige Herr Pater Victor Kolb konnte seine Rede unter stürmischem Jubel schließen ... So kam ich auf meine Preisfrage. * % Ii- Ja, es gibt Länder, in denen man ungescheut alles gegen die Juden sagen darf .. . Vielleicht hätte Roosevelt, wenn er z. B. die österreichischen Verhältnisse genauer kennen würde, einer Reminiszenz, die in seinen jüngst erschienenen Memoiren enthalten ist, eine daraufzielende Glosse beigefügt. Roosevelt spricht da unter anderem von der Episode Ahlwardt in Amerika, also von einer Zeit, da er nicht Präsident, sondern Polizeikommissär in New-York war. Als die Ankunft des Rektors Ahlwardt in New-York bekannt wurde und der gute Mann seine Absicht verlautbarte, eine Hetze gegen die Juden zu inszenieren, gerieten die Juden in Amerika nicht wenig

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