Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1914-03-27 · Heft 6 (27.3.1914) · p. Seite 44

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVI (1914)
Issue
Heft 6 (27.3.1914)
Date
1914-03-27
Page
Seite 44 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2425679-2425912-2425918--2875-2429400
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

äeite 44 „Neue National^Zeitung" Nr. 6 Dr. Löwenstein statt. Die Versammlung war zahlreich besucht; das Hauptkontingent stellten die Wähler des IV. Wahlkörpers, zumeist Agitatoren des Wahlkomitees. Die mitgebrachte Claque hat begreiflich alle ihren Chefs unangenehmen Redner niederzuschreien versucht. Den Vorsitz führte in streng korrekter Weise Herr Reichsratsabgeordneter Dr. Neumann als Obmann des Wahlkomitees. Zuerst sprach der Kandidat Dr. Löwenstein. Derselbe stellte sich als Fachmann vor, führte eine stattliche Reihe von Wünschen sanitärer und hygienischer Natur an und versprach „sachlich" zu wirken. Wie er sich seine Tätigkeit als jüdischer Gemeinderat vorstellt, darüber hat sich der Kandidat nicht geäußert, ebenso verlor er kein einziges Wort, um die antisemitische Niedertracht der christlichsozialen Partei und der jüngsten Pogrom- Reden ihrer Führer entsprechend zu brandmarken. F.s war eben der richtige Kandidat des Herrn Kuranda. Nach dem Kandidaten meldete sich der Herausgeber unseres Blattes, Dr. S. R. Landau, zum Weile, um in einer längeren Rede sowohl die politische Situation als das Wahlmanöver Kurandas und bcines Wahlkomitees zu beleuchten. Da uns nur wenig Raum zur Verfügung steht, wollen wir diese Rede in gedrängter Form wiedergeben. Dr. S. R. Landau für Blaset. „Meine sehr geehrten Herren! Wenn man die letzten Gemeinderatswahlen Revue passieren läßt, muß man leidier konstatieren, daß verschiedene Hoffnungen und Erwartungen enttäuscht worden sind', daß insbesondere die Resultate im III. Wahlkörper besonders schlechte gewesen sind. Die Zahl der christlich-sozialen Stimmen hat rapid zugenommen, ein sozialdemokratisches Mandat ist wieder in die Hände der Christlichsozialen gefallen. Wenn man diese Resultate in Verbin-dung bringt mit diversen Hetzreden der antisemitischen Führer, wenn man weiter bedenkt, daß ein D e m e 1 auf den II. Bezirk losgelassen wurde und sich niemand daum kümmerte, so muß, um die die Worte des Kandidaten zu gebrauchen, eine gewisse Klasse sehr besorgt sei<n und ihre Pflicht ist es, sich um ihre Interessen zu kümmern. Wie wird denn bisher auf die Interessen dieser Klasse Rücksicht genommen? Sie werden sich daran erinnern^ daß, als man daran ging, die Mandate im I. Bezirk vor vier Jahren zu verteilen, von bewußter jüdlischer Seite die Parole ausgegeben wurde, daß den Juden vier Mandate gebühren. Sie haben die Mandate auch erhalten, aber die jüdischen Mandatare haben enttäuscht. Sie waren ihrer schweren Aufgabe nicht gewachsen. Unter diesen Verhältnissen sind nun jetzt viele jüdische Wähler der Ansicht, daß es gegenwärtig nicht auf die Frage ankomme, ob der Kandidat Jude oder Christ, sondier«, daß er der richtige Mann sei. Es Ist daher eine andere Kandidatur am Platze, als die des Dr. Löwenstein. Dr. Löwenstein hat gewisse ärztliche Desiderien aufgestellt. Ich frage Sie aber, m. H., ob eine verfolgte, unterdrückte Minorität sich den Luxus leisten kann, einen Fachmann in den Gemeinde rat zu schicken! Nicht die fachmännische Krait, sondern die Kampf natu r des Kandidaten muß für uns entscheidend sein. Der Kandidat muß, statt zu fachsimpeln, hier erklären, er werde im Interesse der jüdischen Mitbürger mit seiner ganzen Kraft und mit seiner ganzen Person wider das wüste, verbrecherische Treiben der Rathauspartei auftreten. Ich trete nun vor Sie hin, der ich mein Leber, lang die jüdischen Interessen vertreten habe, und erkläre, daß ich und meine Freunde diesmal nicht auf die Kandidatur eines Juden reflektieren, sondern einzig und allein die Kandidatur des Bezirksvorstehers Blaset in Vorschlag bringen. Es Ist ja sehr charakteristisch, d'aJJ sogar der Kultuspräsideiit Dr. Stern, der sonst mit mir kaum jemals übereinstimmt (Gelächter!) derselben Ansicht ist (Hört! Hört! Rufe: Wem hat er das gesagt? Beweise!) Dem Hof rat Kuranda hat er es gesagt. Und Hofrat Kuranda hat ihm erwidert: „Nur über Ihre Leiche wird der Blase 1 gewählt werden". (Rufe: Pfui Kuranda!) Hier sitzt Herr Hof rat Kuranda, er möge mir widersprechen, wenn es nicht wahr ist. (Kuranda schweigt.) Der Kandidat hat gesagt, es gebe für ihn zwei Pflichten: Die Bürgerpflicht und seine Pflicht als Arzt. Ich glaube aber, daß die Bürgerpflicht die Hauptsache ist. Wenn er seine Pflicht ernst nimmt, wird er die seines Standes der Bürgerpflicht, dem allgemeinen Interesse unterordnen und auf seine Kandidatur verzichten. Ich stehe übrigens auf dem Standpunkt, daß die Aufstellung diieser Kandidatur keineswegs bindend ist, weil die Kandidatur nicht im Wege freier Wahl, sondern durch die Diktatur einer einzelnen Person zustande gekommen ist. Die Wählerschaft wird sich dieser Diktatur nicht beugen." (Großer Beifall bei den Wählern, Kreischen und Pfuirufe bei der Claque.) Hofrat Kuranda verteidigt sich. Gegenüber den Angriffen des Vorredners sab stich Abgeordneter Kuranda gezwungen, Rede und Antwort zu stehen. E r g a b a 11 e s z u. Er sei wirklich der „schärfste Gegner" der Kandidatur Blaseis; er habe tatsächlich bei Df. Stern interveniert . . . denn er sei gegen jede Kandidatur unter der Patronan z des Kultusvorstandes. Die eigene am Franz Josefs-Kai bildet offenbar eine Ausnahme. Er schließt mit den Worten: „Nun entscheiden Sie, wer das Interesse der Juden besser vertreten hat: Ich oder Dr. Landau." Blasel gegen Kuranda. Die piece de resistance des Abends bildete die Abrechnung Blasels mit Kuranda. Blasel hat von Kuranda Dinge er* zählt, die geradezu unglaublich klingen. Kuranda hat widersprochen. Aber wer ihn und sein politisches Streben kennt, wird trotz allem Ableugnens den Worten Blasels Glauben schenken, wenn er erzählt, daß Kuranda den Kampf gegen Dr. Weiskirchner nicht dulden zu wollen erklärte. Warum war denn Herr Kuranda so wütend über diese Erzählung? Hat er vielleicht während seiner siebenjährigen Parlamentstätigkeit auch nur einmal die Wiener Christlichsozialen wegen ihres Antisemitismus angegriffen? Ist er ihnen nicht immer ausgewichen? Herr Kuranda hat aber selbst in einem Zwischenrufe zugegeben, gesagt zu haben, daß ihm der Ton des Kampfes nicht paßt. Ja, wie stellt sich denn der Herr Hofrat den Kampf gegen gewisse antisemitische Bestien, deren Namen zu bekannt sind, gegen die Hetzpfaffen und die Hetzpresse vor? .... Gewiß ist nicht jeder Jude zu diesem aufreibenden Kampfe fähig, speziell wenn man Hof rat ist und von einem christlichsozialen Minister einen Orden bekommen hat. Aber wenn sich hochachtbare, wirklich freisinnige christliche Männer finden, die sich für die Juden in die Bresche stellen wollen, um diesen Kampf auszufechten, dann gebührt ihnen unser Dank. Juden aber, die ihnen in den Arm fallen, besorgen damit nur die Geschäfte der Antisemiten und sie verdienen alles eher, als — Ehrenstcllen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.