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Neue Nationalzeitung · 1914-03-27 · Heft 6 (27.3.1914) · p. Seite 43

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVI (1914)
Issue
Heft 6 (27.3.1914)
Date
1914-03-27
Page
Seite 43 (sequence 3)
Language
German
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Kr. 6 ,Neue National-Zeitung" Seite 43 gleichenden Ethnographie keine blasse Ahnung hat — werden allein von der Helle sonniger Strahlen verscheucht werden. Die apollinische Klarheit der empirischen Völkerkunde wird einen Dogmenwust zu Boden rennen, der nur infolge der Enge des Horizonts, des Mangels an Maßstab, Proportion und Perspektive bei vielen „Gebildeten" solche Dimensionen annehmen konnte. Einer pseudowissenschaftlichen Petrifizierung des einstigen Glaubenshasses muß wacker entgegengearbeitet werden. Psychologische Ueberbleibsel, Rudimente geistiger Natur, wenn sie schädlich geworden, müssen wie gefährliche organische Rudimente, wie ein drohender Blinddarm scharf wegseziert werden. Möge einmal die Stunde kommen, wo die „deutscharisehen" Männer ihrer hohen historischen Mission des „Protestes" gegen das Mittelalter sich entsinnen, in sich gehen, die psychologischen Motive ihrer Gefühle ohne Vorurteil genetisch analysieren, die Standarte der wahren Kultur hochheben und aus dem Reiche des lichten, blühenden und sich blumenden modernen Lebens, die spukenden Schatten dunkler Zeiten und überholten Gegensätze verjagen! Möge einmal der Bodensatz einer überwundenen Epoche seiner Auflösung zugeführt werden! Der Wahlkampf in der Inneren Stadt. Der Terrorismus Kurandas. Wie wir bereits in unserem vorigen Artikel über die Wiener Gemeinderatswahlen eingehend ausgeführt haben, hat das Wahlkomitee für das freigewordene Mandat im I. Wahlkörper der Inneren Stadt einen Arzt, und zwar den Medizinalrat Dr. Löwenstein kandidiert. Wir haben gegen denselben, wiewohl sein Charakter und seine fachmännischen Fähigkeiten vollständig einwandfrei sind, jedenfalls Bedenken gehabt, weil er bisher politisch sehr wenig hervorgetreten ist und daher im Rathause als Vorkämpfer gegen die brutale antisemitische Majorität kaum seinen Mann stellen könnte. Die gegenwärtige Situation ist aber eine derartige, insbesondere, nachdem die Gemeinderatswahlen im III. Wahlkörper, durchwegs antisemitische Erfolge, ja sogar eine bedeutende Zunahme antisemitischer Stimmen ergeben haben, was zweifellos ein noch brutaleres Hervorkehren des Antisemitismus zur Folge haben wird, daß man nun von jüdischer Seite nicht mehr die Frage zu stellen hat, ob ein von Juden zu besetzendes Mandat diesmal durch einen Juden oder Christen besetzt werden soll, sondern, wer unter den gegebenen Verhältnissen den antisemitischen Führern am unangenehmsten werden und der antisemitischen Herrschaft in rücksichtsloserer Weise entgegentreten könnte. Von diesen Gesichtspunkten ausgehend, hat sich der Herausgeber unseres Blattes zur Aufgabe gestellt, die Kandidatur des Bezirksvorstehers der Leopoldstadt, Leopold Blase!, für das freigewordene Mandat zu empfehlen. Blasel ist gewiß einer der unangenehmsten und rücksichtslosesten Gegner des Bürgermeisters Weiskirchner; er würde auf die kleine, schwachmütige freisinnige Fraktion im Gemeinderate, insbesondere auf die jüdischen Gerneinderäte, nur belebend wirken. Eine Anzahl von Freunden unseres Blattes, die in diesem Wahlkörper wahlberechtigt sind, hat sich dieser Anschauung angeschlossen. Unser Herausgeber begab sich daher vor der auf den letzten Freitag anberaumten Sitzung des Wahlkomitees, welche behufs Stellungnahme zur Kandidatur Blaseis einberufen wurde, zum Obmann dieses Wahlkomitees, Herrn Reichsratsabgeordneten Dr. Neumann, um ihn von diesem Wunsche eines Teiles der jüdischen Wählerschaft in Kenntnis zu setzen. Herr Dr. Neumann hat in loyaler Weise dem Wahlkoniitee hievon berichtet. Er war in der Lage, dem Komitee mitzuteilen, daß auch das Präsidium der Kultusgemeinde, und zwar Herr Dr. Stern und Herr Dr. Gustav Kohn der gleichen Anschauung sind, daß bei aller prinzipiellen Wahrung des jüdischen Besitzstandes vom Standpunkte der allgemeinen freiheitlichen Interessen die Kandidatur Blasels die einzig richtige und mögliche sei. Trotzdem scheiterte die Kandidatur Blasels an dem Terrorismus des Abgeordneten K u r a n d a. Dieser Abgeordnete des Franz Josef-Kais, der überhaupt erst vom Kultuspräsidium als „jüdischer Politiker" entdeckt wurde, nachdem er als Ministerialrat pensioniert war, ohne sich jemals um die jüdische Politik gekümmert zu haben, stellte sich diesmal auf den Standpunkt, daß der Kultusvorstand bei den Gemeinderatswahlen gar nichts dreinzureden habe. Um diesen Worten den entsprechenden Nachdruck zu verleihen, drohte Hofrat Kuranda, daß er für den Fall der Kandidatur Blasels demselben selbst als Kandidat entgegentreten und ihn überdies in einer Erklärung „vernichten" werde. Dieser Pression konnte offenbar das Wahlkomitee nicht mehr widerstehen und ging daher über die Kandidatur Blasels zur Tagesordnung über. Die Politik Kurandas, die darin besteht, sich mit den Christlichsozialen auf guten Fuß zu stellen, damit sie ihm bei den Reichsratswahlen keinen gefährlichen Kandidaten gegenüberstellen, hat also diesmal gesiegt: gegenüber den persönlichen Interessen des Herrn Kuranda mußten die Interessen der jüdischen Allgemeinheit zurückweichen. Diese Auffassung der jüdischen Wählerschaft von der „Politik" des Herrn Kuranda kam auch bei der am letzten Montag stattgehabten Wählerversammlung in einer stürmischen Weise zum Ausdrucke. Kuranda, dessen Position in der Wählerschaft ohnehin schwer erschüttert ist, seitdem er die Anklage wegen Ehrenbeleidigung gegen unseren Herausgeber einige Tage vor der Schwurgerichtsverhandlung zurückziehen mußte, wurde bei der letzten Wählerversammlung vollständig demaskiert. Wählerversammlung. Blasel gegen Kuranda. Montag, den 23. d. M. fand im kaufmännischen Saal eine Wählerversammlung der Wähler des L Wahlkörpers behufs Anhörung des Kandidaten

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