Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVI (1914)
- Issue
- Heft 6 (27.3.1914)
- Date
- 1914-03-27
- Page
- Seite 42 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 42 ,Neue National-Zeitungl Nr. 6 An unserer Ostgrenze wohnt ein zahlreiches, nichtarisches Volk: die Ungarn. Kommt der Lehrsatz der Ariogermanen auch ihnen gegenüber in Anwendung? Stützt sich die Prämisse der Waidhofener Weisen auch auf Tatsachen aus dem Kontakt der Ungarn mit ihren arischen Nachbarn? Werden die Ungarn als Ugrofinnen, als Asiaten, als Fremdrassige, als Mitglieder einer Völkerfamilie, die nicht einmal flexierende Sprachen redet, mit dem gelben Fleck der Ehrlosigkeit geaicht, als aller Distinktion und Würde bar erklärt, als Keil im Körper Europas empfunden? Nicht im geringsten. Gerade das Gegenteil tritt zum Vorschein. Ein merkwürdiger consensus gentium ariacarum bezeichnet gerade dieses nichtarische Volk, als „ritterliche Nation" par excellence, sieht in den Adeligen Ungarns die vornehmsten, gesuchtesten Repräsentanten der europäischen Gentry. Die amerikanischen Milliardärentöchter haben geradezu einen Faible zu dem distinguierten Typus eines ungarischen Aristokraten. Wie günstig unterscheidet sich der nichtarische Ungar von seinen arischen Nachbarn! Wie hebt sich die aufrechte, ritterliche, ehrenhafte Gestalt eines Magyaren ab von den auf einen arischen Stammbaum zurückblickenden Slowaken, Walachen, Raizen, Zigeunern, Morlaken usw.! Setzen wir unsere Revue der europäischen Nichtarier fort. Weit im Westeuropa, im Lande der Hidalgos, der Grandezza, im sprichwörtlich ritterlichen Spanien, lebt ein kleines, unverfälscht nichtarisches Volk: die Basken. Wie ist es mit ihrer gesellschaftlichen Situation? Lastet auf diesem fremdartigen, allophylen Element etwa der Fluch der Verachtung, der Schimpf der Inferiorität? Beileibe nicht. „Dem Basken fehlt nie eine gewisse Würde", berichtet Georg Gerland. Die spezifische Würde der Basken findet sogar in der spanischen Gesetzgebung auf eine verblüffende Weise ihre Anerkennung. Jeder Baske, der auf vier Generationen reine, nicht mit spanischem Blute vermischte Abstammung hinweisen kann, gilt in Spanien als Edler, als Hidalgo. Die bloße Zugehörigkeit zum nichtarischen Volke der Basken stempelt schon einen im Lande der Grandezza mit der Signatur einer gesellschaftlichen Superiorität. In Litauen wohnt eine kleine, achtzehntauserid Seelen zählende nichtarische Gruppe von Tatare n, deren Ahnen dort vor fünf Jahrhunderten als Kriegsgefangene angesiedelt wurden. Spielen diese unter unverfälschten Ariern lebenden Turanier die Rolle von Zigeunern, Cagots oder Parias? Absolut nicht. Alle litauischen Tataren gehören heute samt und sonders dem Adelsstande an, der vornehmen, für den Ehrbegriff sehr feinfühligen Oberschichte der polnischen Gesellschaft. Die Erfahrung, die Meisterin des Lebens, kündet ganz was anderes, als die perspektivlosen Theoretiker ausgeklügelt haben. Mit der Schablone pseudowissenschaftlicher Formel des welthistorischen Antagonismus und der durchgängigen Minderwertigkeit der Nichtarier gelangen wir nicht weit. Vor Nichtariern, die keine Juden sind, schweigt der Rassentheoretiker Zopfgelehrtheit, hält der Chauvinisten und der Ueberpatrioten Selbstgefühl inne. Nicht in der Rasse, nicht in biologischer Notwendigkeit liegt der Haken, sondern ganz irgendwo anders. Wenn der Ruf ertönt, dem Juden als Nichtarier gehe der Ehrbegriff der Arier ab, so gilt dieser Schimpf nicht dem Nichtarier im Juden, nicht einmal dem Semiten im Juden. An einem ganz ananderen Attribute der Juden haftet dieses moderne Mal, an einem Attribute, das gar nicht vom Atem der natürlichen Schöpfung belebt ist. In diesem vornehmtuenden Weitteil wohnen außer den Juden noch andere Abkömmlinge Sems, die sogar ihre alte semitische Sprache noch bis heute beibehalten haben. Die Bewohner der Insel der semitischen Göttin Mylitta: die Malteser. Passiert diesen Orientalen der mindeste Vorwurf der Minderwertigkeit? Es wimmelt von ihnen in den Häfen des Mittelmeeres. Sind sie welchen im Rassengegensatze begründeten Unannehmlichkeiten begegnet? Dervornehmste europäische Ritterorden trägt den Namen dieses seltsamen Semitenstammes: der souveräne Malteserorden ... Ja, Bauer, das ist was anderes! Diese Semiten sind römisch-katholische Christen, gläubige Schäfchen der Kirche. Der Jude aber wird verbrannt, der Jude, der starrköpfige, trotzige perfidus Judaeus, weil er eben Jude ist, „Leugner des Heils", andersgläubig. Nicht der Nicharier, nicht der Semite, der Jude allein wird erniedrigt, der Bekenner einer fremden Religion. Innerhalb der kaukasischen Rasse, der sowohl Semiten wie Arier, wie Ugrofinen, wie Basken angehören, gibt es nirgends ein Beispiel von einem anthropologisch-psychologischen Antagonismus. Sekundäre Typendifferenzen lösen keinesorts, wenn es sich nicht um Juden handelt, Massengegensätze aus. Waidhofen kann kein Exponent eines Rassengegensatzes sein. In den Waidhofener Beschlüssen kommt unbewußter Religionsantagonismus zum Ausdrucke. Der 2000 jährige Religionskampi hat einen Bodensatz im Unbewußten zurückgelassen, der sich im Handumdrehen nicht auflösen läßt und lange triebartig Gefühle und Stimmungen auch bei längst Glaubenslosen erzeugen kann. Die rassentheoretischen Motivierungen sind Ornament, willkürlicher Zusatz a posteriori, Beschönigungspflaster, mit dem man den tief eingebohrten Nachlaß des Mittelalters ausstattet. Man darf daher nicht mit stoischer Resignation Rassentheorien hinnehmen und höchstens ihre Auswüchse ahnden. Weite Aufklärungsarbeit soll geleistet werden. Die richtigen und wirklichen Wurzeln des vermeintlichen Rassenantagonismus müssen bloßgelegt werden. Nicht den Sünder strafen. Repressivmaßregeln allein sind unethisch. Die Fehlbarkeit der Sünde muß nachgewiesen werden. Dem Blinden soll sein Star gestochen werden. Das Bewußtsein der wirklichen Sachlage, des tatsächlichen Ursprunges des Antijudaismus muß hier präventiv wirken und allen sogenannten Rassengegensätzen ein Ende bereiten. Nicht mit der Nagaika, nur mit Fackel und Lampe gelangt man aus Moor und Pfütze auf den Weg zur Morgenröte. Mehr Licht! Die Gespenster einer unheilvollen Doktrine, die nur innerhalb eines Kulturkreises, wie der westeuropäische, zu wuchern vermochte, wo der durchschnittliche Intellektuelle, der Kulturphilister und Geistesbonze allerdings viel Rassenphraseologie drischt, aber von der realen, ver-