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Neue Nationalzeitung · 1914-03-27 · Heft 6 (27.3.1914) · page 1

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVI (1914)
Issue
Heft 6 (27.3.1914)
Date
1914-03-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
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MU0NQL-ZBDUNG RBRflUSGgBER: DrS.R.LäNöflU XVI. Jahrgang. Wien, 27. März 1914. Nr. 6. Die „Ehrlosigkeit" der Juden. Von Matthias Mieses. Es gibt noch Richter in Wien, Themis waltet strenge ihres Amtes. Eine antisemitische Satisfaktionsverweigerung an einen Juden wurde wieder bestraft. Auf dem Standpunkte des Waidhofener Prinzips stehende Studenten trifft der strenge Arm der Gerechtigkeit. Die Ehre der Nichtarier darf nicht mutwillig in den Kot gezerrt werden. Der Jude ist nicht der Ehre bar. Das Judentum muß zum Schutze seiner Ehre die Wachmannschaft requirieren. Ein ganzes Volk und unzweifelhaft nicht das ärgste, dem der Zufall nichtarische Herkunft zugewiesen hat, sieht sich genötigt, Justizbeamte, Männer in Paragraphen geharnischt herbeizurufen, um die Angriffe einer Lehrmeinung von sich abzuwehren, die ihm grundsätzlich alle Würde und Männerstolz und ritterliche Vornehmheit abspricht. Ein nichtdagewesener, beispielloser Anblick, der so manchen zum Nachdenken anregt. Was ist Quelle, Wurzel und Urgrund der iudenfeindlichen Ehrabschneiderei? Ist Waidhofen wirklich der Exponent eines tiefen, welthistorischen Rassenantagonismus, dem gegenüber mit der Logik, mit humanistischen Oefiihlsemotionen, mit Billigkeitsargumentationen nichts auszurichten sei? Soll die Ueberhebung der deutschnationalen Jünglinge tatsächlich als eine Erscheinung anthropologisch-psychologischer Natur angesehen werden, gegen deren Extravaganzen keine Remedur vorhanden ist? Gilt es den Juden, die Hände zu verlegen und mit innerem Selbstbewußtsein stoische Resignation vornehm zu wahren? Lassen wir für einen Moment der Magister Abstrakte beiseite, stellen wir uns mit festen markigen Knochen auf den wohlgegründeten Boden der unmittelbaren Empirik und untersuchen voraussetzungslos die Lehrsätze der Ariomanen. Es heißt: Der Rassengegensatz zwischen Ariern und Nichtariern muß Ehrengegensätze auslösen. Die Nichtarier sind anders geartet als der arische Mensch, sind minderwertig und sind darum nicht als ebenbürtig zu behandeln, sind konsequentermaßen von der arischen Gesellschaft fernzuhalten. Die Juden sind Nichtarier, ergo muß ihr Schicksal gesellschaftliche Aechtung sein. Der Syllogismus erscheint äußerlich einleuchtend. Aber wie steht es mit der Voraussetzung? Hat das Zusammentreffen von Ariern mit Nichtariern überall faktisch Ehrengegensätze und das zu Ungunsten der Nichtarier zur Folge? Die Juden sind nicht die einzigen Nichtarier Europas. Völker, denen das Glück nicht beschieden wurde, der Sprachfamilie der Indogermanen anzugehören, gibt es noch heute in unserem Weltteile so manche. Wenden wir uns ihnen ein wenig zu. Stimmt es so ganz mit der Waidhofener Botschaft? Hat die Prämisse der ehrabschneidenden Ritterschaft der deutsch-nationalen Verbindungen ihre rassentheoretische wenn nicht Berechtigung, so doch zumindest Erklärung. Werden die Anderrassigen allenthalben von den Ariern in Wirklichkeit als Mißton empfunden, mit einem Kainszeichen der Verachtung stigmatisiert, als inferior und unwürdig betrachtet. Werden Nichtarier, Allophylen, die keine Juden sind, überall als nichtebenbürtig behandelt; ihnen gegenüber der Lehrsatz geltend gemacht, daß sie der Herrennatur, der vornehmen Würde, der ritterlichen Ehre, die einzig und allein der auserwählten arischen Rasse zukommen sollen, bar sind.

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