Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVI (1914)
- Issue
- Heft 5 (13.3.1914)
- Date
- 1914-03-13
- Page
- Seite 39 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 5 „Neue Nationaj^Zeitiaiig" Seite 39 werde fallen, wie wir in schwüler Sommernacht'oft die Sterne fallen sehen vom dunklen Himmelszelte, und n u r der Stern Judas werde nie erbleichen. Das ist eure Frechheit, Judenvolk!u Mardecliai: „Keine Frechheit, aber Wahrheit.'4 Ha man: „Ein Reichsverräter bist du, Jude, und sollst es büßen." M a r d e c h a i: „Ihr'Mächtigen höret die Wahrheit niemals gerne. Und doch siegt sie, wie das Licht siegt über die Finsternis." Hainau: „Du redest dich um deinen Kopf, Jude. Nochmals warne ich dich, hüte die frevlerische Zunge". Mardechai: „Was bedeutet das Leben des Einzelnen, wenn es das Leben eines ganzen' Volkes gilt. Wir hatten einst Männer, Propheten heißen sie, die schätzten ihr Leben nicht, wenn es galt, die Wahrheit zu künden. Und, was sie sagten, traf ein. Denn, im Namen des Herrn sprachen sie, der herrscht über die Mächtigen der Erde. Niemand hat ihn erschaut, aber E r schaut auf alles, was am Himm 1 ist droben und auf Erden unten. Gepriesen sei sein Name. Nicht schläft Er und schlummert nicht. Wenn altes schläft auf Erden, wacht sein Auge. Hüte dich, Herr. In einer Nacht kann vieles geschehen. Auch Belsazar ward mitten in der Nacht gestürzt. Und in einer Nacht zog mein Volk aus Aegypten. Nicht Aussätzige waren es, wie es dir die angeblichen Kenner der Zeiten berichten, sondern gedrückte Sklaven, die zu Herren wurden über Pharao und eine Macht. Hanan, denke an Belsazar und Pharao — und Amalek." Haman (ergrimmt): „Nun i&t's aber genug, du Prophete. Mich erwartet die Königin bei ihrem Gelage. Deine Worte aber sollst du büßen, du und dein Volk. Dein Blut komme über dich und dein Volk." (Höhnisch): „So sagtest du doch, die Schuld des Einzelnen müsse das ganze Judenvolk büßen. Haman will nicht besser sein als Pharao und Nebukadnezar. Entferne dich nun, frecher Jude. Wir sehen uns wieder." Mardechai verbeugt sich nicht und schreitet hocherhobenen Hauptes aus dem Gemache. Haman (ergrimmt): „Den Galgen für dich, Jude. Den Juden bin ich los. Und die J ü d i n, vermöchte sie es, den mächtigen Haman zu stürzen? Das wollen wir sehen." Ein furchtbarer Donnerschlag erschüttert das Gebäude. Haman erbebt und erbleicht. Und Mard'eehais Worte glaubt er zu hören: „Israels Hüter wacht." Purim, 5674. Prof. Dr. Max G r ü n f e 1 d. Zur Geschichte des Wiener Rabbinerseminars.*) (Fortsetzung). Einige Zeit darauf kam er in mein Bureau und sagte mir, er sei im Begriff nach Paris zu reisen und wünsche bei dieser Gelegenheit mit den Herren der dortigen Alliance isr. Univ. in Verbindung zu treten, um sie für unser galizisches Projekt zu interessieren. Ich erwiderte, die Pariser Alliance sei genügend dar- *) Vgl. Nr. 4 cl. J. Anin. d. R. über informiert und stehe demselben äußerst sympathisch gegenüber. „Das mag sein", meinte er, „aber ein persönlicher Gedankenaustausch wirkt doch ganz anders, als ein brieflicher, und ich wünschte, während meiner Anwesenheit in Paris einer Sitzung des Zentralkomitees der Alliance isr. univ. beigezogen zu werden." Der Wunsch wurde ihm gern erfüllt. Das Pariser Zentralkomitee, durch unsere Allianz offiziell und durch mich privatim von dem bevorstehenden Erscheinen des Herrn W. v. Gutmann dortseibst verständigt, lud ihn entgegenkommend zu einer Konferenz, in der er gleichfalls seine Absicht, dem galizischen Schulwerke einen Betrag von 100:000 Gulden widmen zu wollen, kundgab. Hievon wurde ich gleich nach dieser Sitzung von meinem gelehrten Freunde, dem unvergeßlichen Sekretär der Alliance isr. univ., Herrn Isidore Loeb, brieflich in Kenntnis gesetzt. Inzwischen verging Woche auf Woche, ohne daß Herr v. Gutmann, der längst aus Paris zurückgekehrt war, unser Bureau, wie dies sonst seine Gepflogenheit war, aufgesucht hätte. Das beunruhigte mich und nicht minder unser Präsidium, auf dessen Anregung ich mich, so peinlich es mir auch fiel, entschloß,. Herrn v. Gutmann zu besuchen, um die Erinnerung an die früheren gemeinsamen Verhandlungen aufzufrischen. Es war für mich ein schwerer Gang und er endete mit einer schmerzlichen Enttäuschung. Schon die Art, wie er mich empfing, erschien bei aller seiner Liebenswürdigkeit erzwungene Höflichkeit, fern von jener Innigkeit, deren er sich sonst im Verkehr mit mir befleißigt hatte. Ich ersah schon daraus, daß seine Liebe zu unserer Sache erkaltet war. Die Unterhaltung bewegte sich längere Zeit um Allgemeines und um Dinge rein privater Natur. So erzählte er mir beispielsweise it. a., daß sein ältester Sohn gegenwärtig auf einer Studienreise nach Aegypten begriffen sei, hinzufügend, daß dieser leider mehr Neigung zur Wissenschaft, als zu seinem Lebensberufe, zum Geschäft, verrate. Dabei ließ er aber durchblicken, daß diese ideale Neigung seines Kindes ihm inneres Behagen bereite. — Es war in der Tat einer der sympathischesten Züge im Charakter des Herrn W. v. Gutmann, daß er tiefe Verehrung für die Wissenschaft und Hochachtung für ihre Vertreter hegte, wenn er auch oft durch Pseudogelehrte, die ihn in ihrem eigenen Interesse zu nehmen verstanden, von der richtigen Fährte abgelenkt wurde. Dieser ideale Charakterzug war es auch, der mir Sympathien für ihn einflößte, die ich noch bis auf den heutigen Tag hege. Näher meinem Ziel gerückt sah ich mich erst, als er auf seine Pariser Reise zu sprechen kam und mit freudiger Genugtuung von der herzlichen Aufnahme erzählte," die er seitens der Herren von der Pariser Alliance gefunden und von dem regen Interesse, das dieselben an dem geplanten galizischen Kulturwerk nehmen. Ich nahm unverzüglich die Gelegenheit wahr, in medias res zu kommen, um mir Klarheit zu verschaffen. Ich setzte ihm haarklein auseinander, wie die Dinge stehen, wie weit die Vorbereitungen für den Beginn der Aktion gedeihen und fügte schließlich hinzu, daß ich demnächst schon eine Reise nach Galizien antreten werde* um an Ort; und Stelle Lokalkomitees zu bilden, mich um die Beschaffung Qualifizierter jüdischer Lehrer, deren es