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Neue Nationalzeitung · 1914-03-13 · Heft 5 (13.3.1914) · p. Seite 38

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVI (1914)
Issue
Heft 5 (13.3.1914)
Date
1914-03-13
Page
Seite 38 (sequence 11)
Language
German
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Sein.- 38 .Neue National-Zeitung" Nr. 5 FEUILLETON. Mardechai und Haman. Ein Dialog. Haman (strenge zu seinem Eunuchen): „Und jetzt möge der Jude Mardechai erscheinen"... Er geht in seinem üppig ausgestatteten Gemache auf und ab. Vor dem hohen Fenster des Gemaches bleibt er stehen und blickt sinnend auf das Gewühl in den Straßen der königlichen Residenz Susa. Und nun murmelt er vor sich her: „Man sollte es nicht glauben. Sie alle da unten, Hohe und Niedrige, sind meine Sklaven, beugen sich vor meiner Macht, werfen sich vor meinem Antlitze nieder, küssen den Staub zu meinen Füßen, fast, als wäre ich der König Ahaschwerus. Der Narr, seine, ganze Gewalt hat er in meine Hände gelegt und tändelt jetzt mit der Jüdin, wie er es mit Waschti getan. Wo sie wohl jetzt weilt, die stolze Königin? Meine Sorge ist's nicht. Sie mag ja eine Partei im Lande haben, die mich stürzen könnte. Haman, sei klug. Wurde dir nicht von einem alten Wahrsager gekündet, du werdest durch die Hand eines Weibes falten? Wo immer du weilest, stolze Waschti, wisse, Haman ist auf der Hut. Und diese Esther, das Judenweib, sollte mir gefährlich werden? Lächerliche Sorge. Aber, dieser ihr Oheim oder wer immer er sein mag, dieser freche Jude Mardechai, er soll's mir büßen. Er soll es lernen, seinen Nacken beugen. Aber, vorsichtig mußt du zu Werke gehen, kluger Haman. Wie sagte Seresch/mein Weib: „Er ist vom Stamme der Juden, und die sahen alle ihre Feinde fallen.'' Mardechai (ist eingetreten): „Herr, du ließest viich rufen. Was ist dein Begehr?" Haman und Mardechai blicken einander zuerst starr an. Haman senkt dann unwillkürlich seinen Blick. Haman (stotternd): „Dein Name ist Mardechai." Mardechai (stolz): „Du sagst es Herr. Der Sohn Jairs, ein Jude bin ich, der sich hier in Susa, der Residenzstadt, niedergelassen hat." Haman (verächtlich): „Ein Jude bist du, sonst nichts?" Mardechai: Vom königlichen Geschlechte Sauls stamme ich. Meine Ahnen zogen einst mit Jojachin, unserem Könige, nach Babel in die Verbannung." Haman (spöttisch): „Vom königlichen Geschlechte. Ich weiß, wer eure Könige waren. Memmen waren sie und Knechte'der großen Könige von Assur und Babel sowie ihr jetzt unsere Knechte seid. Auf diese Abstammung mußt du nicht stolz sein, Jude." Mardechai (auffahrend, doch sich b'eherrsehend): „Und doch hat Saul, mein Ahne, einen König Amaleks, Agag war sein Name, der dir, Herr, nicht ferne steht* geschlagen und seiner gechont." Haman (aufbrausend): „Du wagst viel, Jude, hüte deine Zunge, du weißt wohl nicht, mit iv'em du redest!"' Mardechai: „Die Wahrheit sag' ich dem obersten Ratgeber unseres königlichen Herrn. Dem Diener des Gottes, den wir Juden verehren, ziemt es, die reine Wahrheit zu künden." Haman (abbrechend): „Zur Sache, Jude. Ich will mit dir nicht rechten. Du wurdest bei mir angeklagt, daß du dem königlichen Befehle nicht gehorsamst und vor mir dich nicht beugtest. Du verletzest den Befehl des Königs. Rechtfertige dich!" Mardechai: „Der Jude beugt sich n u r vor seinem Gotte. Das ist das Gesetz des Volkes, dem ich angehöre." Ha man (spöttisch): „Des Volkes, dem du angehörst ... Gut. Seid ihr Juden aber noch ein Volk? Zerstreut lebet ihr unter den vielen Völkern des großen persischen Reiches. Müßt ihr nicht das Gesetz des Großkönigs befolgen? Seid ihr nicht seine Untertanen? Genießt ihr nicht seines Schutzes? Mardechai: „Wir sind trotz unserer Zerstreuung, doch ein Volk. Gleiche Sprache, gleiche Erinnerungen vereinigten uns." (Begeistert:) „Herr, wir haben große Erinnerungen und eine große Zukunft steht uns bevor." (Wie hellsehend): „Das Szepter wird nicht weichen von Juda. Wir werden wieder Könige bekommen." Haman: „Das wird wohl noch lange dauern. Glaubst du, daß das große Perserreich in Trümmer gehen könnte?" Mardechai: „Auch Babel fiel." Haman: „Von Hodu bis Kusch, vom Indus bis zum Nilus reicht des Persers Macht und die sollte erschüttert werden,? Das glaubst du selbst nicht, Jude. Und, wenn du glaubst, dann gehörst du zu des Reiches Feinden. Man kennt euch, ihr Juden. Schon Aegyptens König, Pharao war sein Titel, wie mir die Kenner der Zeiten berichten, fürchtete euren Verrat. Und schließlich vertrieb er euch wie Aussätzige aus seinem Lande. Die Kundigen der Geschichte erzählten mir's." Mardechai: „Dann haben sie Falsches dir berichtet. Man liebt es, unsere Geschichte zu fälschen und unser zu spotten." Haman: „Du, wie dein ganzes Volk, meinen, nur sie sprächen die Wahrheit. Die anderen werden von euch als Lügner und Tyrannen bezeichnet." Mardechai: „Ich könnte dich eines besseren belehren, Herr. Aber ungerecht ist man gegen uns und läßt die Schuld des Einzelnen ein ganzes unschuldiges Volk büßen. Herr, das ist unser Unglück seit Pharaos Tagen." Haman (hat aufmerksam zugehört, als dächte er über Mardechais Worte nach. Wieder aus einem Sinnen erwachend): „Wir sind von unserem Gespräche abgeirrt Du meinst also wirklich, daß auch das Perserreieh untergehen könne, gleich Babel und Assur?" Mardechai: „Was in der Zukunft Schöße ruht, weiß nur der Herr, dem wir Juden dienen. Er hat sirj durch einen Mann gekündet, der in Babel lebte, wie ich in Susa. Nicht wert bin ich, ihm der Sandale Riemen zu lösen. Er offenbarte die Zukunft Nebukadnezar, dem Mächtigen. Und', was er erschaute, erfüllte sich. Babel fiel, es erblaßte sein Gestirn und Juda lebt ..." H a in a n (übermütig): „Und du, Diener des Gottes, den niemand erschaute, meinst, auch Persien

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