Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVI (1914)
- Issue
- Heft 5 (13.3.1914)
- Date
- 1914-03-13
- Page
- Seite 36 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 36 „Neue National-Zeitung" Nr. 5 Entsetzen sprachlos; sie löste sicli auf, ohne daß die Sitzung geschlossen worden wäre. Zu Beginn der Sitzung hatte sich Dr. Stern wegen unseres Leitartikels das Vertrauen vom Kultusvorstande votieren lassen; in einer schmalzigen Rede versprach er feierlich, „er werde das größte Gewicht auch in Zukunft darauf legen, daß das Ansehen der Gemeinde nach innen und außen gewahrt bleibe." Nun hat er bald darauf bewiesen, wie er das Ansehen der Gemeinde wahrt. Das hat's gewiß kaum jemals in einer noch so kleinen Kultusgemeinde gegeben, daß der Präsident einem Vo r s t a n d sm i t g 1 i e d e ein Aktenbiindel n a c hschleudert!... Noch dazu 'ein 83jähriger Präsident! Dazu ein forwährendes Anschreien andersgesinnter Vorstandsmitglieder; eine kindische Unduldsamkeit gegenüber abweichenden Meinungen. Ein solcher Präsident hat jedes Gefühl für seine Würde verloren; der Mangel an Geistesgegenwart und der notwendigen Objektivität machen ihn überhaupt zum Vorsitzenden unfähig. Solche Wirtshausexzesse hat es wohl auch in gewissen anderen öffentlichen Körperschaften gegeben, aber überall stand der Präsident über den Parteien; er hat es verstanden, die Ruhe und das Gleichgewicht zu bewahren. Im Wiener Kultusvorstande provoziert der Präsident selbst solche Exzesse... Die „Neue National-Zeitung" hat es nicht notwendig, wie ihr in dieser Sitzung vorgeworfen wurde, „das Ansehen des Präsidenten und des Vorstandes in den Augen der Genieindemitglieder herabzusetzen", die Skandalszeuen, wie sie sich gestern zutrugen, besorgen das viel besser und rascher. Wir lassen nunmehr den Bericht über die Sitzung folgen: Die Morawitz-Stiftung. Vorerst wurde eine Verständigung des k. k. Bezirksgerichtes Innere Stadt vorgelesen, daß der verstorbene Präsident der Anglo-Oesterreichischen Bank, Herr Karl Ritter von Morawitz, der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien eine Villa in Baden mit der Bestimmung testiert hat, daß der Erlös dem Alters-Versorgungshanse der Israelitischen Kultusgemeinde Wiien zuzuführen sei und weiters einen Betrag von 200.000 Kronen zur Errichtung einer Stiftung hinterlassen habe. Erträgnisse dieses Stiftungsvermögens sollen dazu dienen, um an bedürftige und unterstützungswiirdige Personen jüdischen Glaubens, insbesondere aus dem Kaufmanns-, Gewerbe- oder HandAverfcerstande, welche seit mindestens id'r-ei Jahren in Wien domizilieren, unverzinsliche Darlehen zu gewähren. Dem Vorstande der Kultusgemeinde bleibt die Festsetzung der näheren Modalitäten dieser Stiftung, welche voraussichtlich erst nach Jahresfrist aktiviert werden chirfte, vorbehalten. Ein Pflaster für den Präsidenten. Dann kam eine originelle Szene. Herr K a u d e r s, jener feine Herr, von dem wir erzählt haben, daß er als Obmann des Mikwah-Komitees seinen Einfluß mißbraucht hat, um eine Nichte in der Mikwah als Beamtin unterzubringen, hat nach seiner Rückkehr aus Nizza entdeckt, daß während; seiner Abwesenheit von Wien in Wiener jüdischen Blättern — gemeint ist wohl unser letzter Leitartikel — „Angriffe gegen den verehrten Präsidenten erschienen sind, d,:e wegen ihres ganz besonders scharren Tones und wegen der Gehässigkeit, die aus ihnen spricht, dem Vorstand verpflichten, zu ihnen Stellung zu nehmen." Er beantragt daher eine Kundgebung, worin der Vorstand — mjt Ausnahme der Zionisten — seinem Präsidenten E5 und auch sich das Vertrauen ausspricht. Es ist ja wirklich nett von den Herren, daß sie zu sich noch immer Vertrauen haben und für ihren Caesar zwar nicht wie die einstigen Gladiatoren sterben, aber doch weiterhin wie Pagoden stimmen wollen. Das ist weniger blutig und verlängert djie Lebensdauer der Mandate. Der Präsident war ganz erschüttert, er fand keine Worte mehr, um die schweren Rechtsbrüche, die Wir ihm zum Vorwurfe machen, irgendwie zu widerlege«. Er dankte , . . und versprach auch weiter sein ganzes Können — im Gesetzes- Verdreben? — in den Dienst der Gemeinde zu stellen. Und wenn die Gemeinde auf diese Gewaltsdienste nicht mehr reflektiert? . . . Wahl eines Rabbiners für den Fünfhauser Gemeindetempel. Nach einem Referate des Dr. Leopold: K o h n, welches von einem iiominaHven Vorschlag absieht, wird an die Wahl geschritten. Nachdem in den ersten zwei Wahlgängen keiner der Kandidaten die im Statute vorgeschriebene Stimmenanzahl von 18 erhalten hatte, wurde ein dritter Wahlgang vorgenommen, bei welchem der Rabbiner des Tempelverenies in Mariahilf, Dr. Israel T a g 1 i c h t, mit 20 von 27 abgegebenen Stimmen zum Gemeinderabbiner gewählt wurde. Die Rabbiner Dr. Abele s, Dr. Funk und Dr. Schweiger blieben in der Minderheit. Die Wahl des Dr. Taglicht ist nach einer Richtung sehr bemerkenswert. Es ereignet sich zum erstenmal, daß die Wiener Kultusgemeinde einen Funktionär anstellt, der vorher an einem Tempel mit Orgel und gemischtem Chor (aus Mädchen -- auch Christinnen — und Knaben bestehend) tätig war. Für die Orgelrabbiner, die bisher im „konservativen" Kultusvorstand verpönt waren, ist nun offene Bahn. Vivat sequens — Doktor Zicglcr in Karlsbad als Wiener Oberrabbiner. Die Zionismen «ej?en Rabbiner Mayersohn. Nun verlangte Dr. E h r 1 i c h, daß seine in der früheren Sitzung überreichte Interpellation, betreffend eine von Rabbiner Mayersolm vorgenommene Trauung vom Präsidenten beantwortet werde. Dr. Stern erwiderte, daß der Interpellant falsch informiert sei. Rabbiner Mayersolm habe die Trauung nicht bei sich zu Hause, sondern im Gemeindehaus s'orgenoinmen, es handle sich auch nicht um eine Trauung, sondern um die gesetzliche Anerkennung resp. Konvalidierung einer vor .fahren geschlossenen Ritualelie, auf welchen Fall die Vorschriften über die häusliche Trauung nicht anwendbar seien. Dr. Ehrlich widersprach heftig. Ihm sekundierte Vorsteher Lemberg er, welcher ebenfalls den Rabbiner Mayersolm mit seinem Hasse verfolgt und verlangte, daß auch seine gegen den genannten Rabbiner gerichtete Interpellation beantwortet werde. Dr. Stern wird nervös, verliert seine Ruhe und schien de r t ein A k t e n b ü n d e 1 gegen Dr. Ehrlich. Der Sturm gegen den Präsidenten. Dr. Ehrlich stürzt sich mit geballten Fäusten gegen den Präsidenten, hinter ihm 'Herr Stricker. Alles wird starr. Einige Vorsteher besitzen die Geistesgegenwart sich vor den Präsidenten zu stellen und die Streitenden auseinander zu trennen. Die Vorsteher verlassen ihre Plätze; die Versammlung hat sich aufgelöst. Dr. Stern ist über seine Tat befriedigt. Er äußert dies mit den Worten: ,,.I c t z t ist mir leichte r!" Die ehemaligen Präsidenten der Wiener Kultusgemeinde, deren Konterfeis von den Wänden des Sitzungssaales diesen Vorgängen zuschauten, haben sich an diesem Tage sicher in ihren Gräbern umgedreht.