Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVI (1914)
- Issue
- Heft 5 (13.3.1914)
- Date
- 1914-03-13
- Page
- Seite 35 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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ftr. 5 .Neue National-Zeitung" Seite 55 Juden, die ungeheuere Mehrheit der Juden in allen Ländern in Not und Armut kümmerlich ihr Dasein fristet? Nie gehört, daß auch in. unseren Tagen Millionen von Juden darbend und hungernd den Kampf ums Brod führen? „Fast alle Aüsnaiimsbestimmungen", doziert die „Reichspost" weiter, „fast alle Judenverfolgungen sind dadurch bedingt, daß sie jeweils unerträgliche Wirtschaftsverhältnisse geschaffen haben." Lüge! Lüge! Der religiöse Fanatismus, der die Scheiterhaufen für tausende glaubensstarke Juden und Jüdinnen aufrichtete, der blutrünstige Haß, der mit dm Märchen von fiostienschändungen, Ritualmorden und Brunnen Vergiftungen den mord- und raublustigen Mob auf die unglücklichen Juden losließ — der hatte fast n i e mit den „W irtscliaftsverhältn i s s e n" etwas zu schaffen. Die „Wirtschaftsverhältnisse", die kommen auf ein anderes Kapitel, die sind auch von ehrlichen christlichen Historikern ins rechte Licht gerückt worden. Da erfährt man, daß große und mächtige Herren die schändlichsten, verbrecherischesten Beschuldigungen und Verleumdungen der Juden häufig nicht nur duldeten, sondern absichtlich hervorriefen, weil sie dadurch die Gelegenheit fanden, die eigenen „Wirtschaftsverhältnisse" mit dem Gelde der unschuldig Verurteilten zu verbessern. * ... * „Antisemitismus ist der Protest g*egen das ungehemmte Durchsetzen des Qeldprinzips auf Kosten anderer höherer Prinzipien, auf Kosten der Humanität, der Sittlichkeit, der Seeienkultur" — sagt weiter die „Reichspost". Darum sind wohl unter den Begründern des Antisemitismus in Wien Männer gewesen wie Vergani, dem Lueger zu seinem Jubiläum die giftgetränkten Worte schrieb: „Du hast erreicht, was Dein Ziel war, Du bist reich." Wie Schneider, der öffentlich erklärte, man sollte Tausende und Tausende von Juden ertränken. Wie Gem'einderat Purscht, der, um seiner Maitresse eine Existenz zu schaffen, ihr ein Bordell in der Spittelberggasse kaufte. Das waren die antisemitischen Bekämpfer des „Geldprinzips auf Kosten der Humanität, der Sittlichkeit, der Seelenkultur". Vergani als Vertreter des geldverachtenden Idealismus! Schneider als Repräsentant des Humanismus! Purscht als Verkünder der Sittlichkeit! Aber die drei waren nicht 'etwa Ausnahmen, nein, Vorbilder, Führer! Wir sind noch lange nicht mit den sieben Spalten der „Reichspost" zu Ende. Aber die Raumrüeksiciiten mahnen zum Schluß. Nur noch eine, vielleicht die ärgste, die gemästeteste und üppigste Lüge der „Reichspost" sei noch angenagelt. Dasselbe Blatt, das so gottvergessen auch nach den Ergebnissen des Beylis-Prozesses die Ritualmordhetze fortsetzte, weil es nicht darauf verzichten kann, den Haß des Pöbels gegen die Juden zu schüren, versichert zuletzt mit heuchlerischer Miene, daß es Juden gibt, vor denen es den „Hut zieht",*) und daß diese ihr Anti- *) Sollten damit vielleicht die jüdischen Inserenten der „Rcichspost" Rcmeint sein? — Frage des Setzers. semitisinus nicht trifft. „Er trifft nur Schuldige, nur jenen übermächtigen, vorherrschenden Typus, der dem Begriffe Jude die besondere Farbe gegeben." O, di'e Tarturf es! Wollten sie wirklich nur das Schlechte, das Faule und Unsittliche bekämpfen, ohne Unterschied der Konfession, dann hätten sie vorerst so viel vor dem eigenen Lager, vor der eigenen Tür zu kehren, daß sie kaum je dazu kämen, an die — Juden zu denken. Die „Reichspos.t", die den Judenhaß als Hauptartikel führt und die christliche Gesinnung nur sozusagen in der Auslage hat, müßte, wenn sie die Wahrheit bekennen wollte, zugeben, daß ihr ein jüdischer Schacherer lieber ist als der vornehmste jüdische Universitätsprofessor, der jüdische Hausierer lieber als der idealste Künstler. Sie würde bekennen, daß sie mit tausend Freuden von einer Schändlichkeit berichtet, deren Urheber ein Jude ist, daß sie aber es krampfhaft verschweigt, wenn von Juden Edles, Gutes geschaffen wird. So paradox es klingen mag: dem echten Antisemiten sind die schlechten Juden sympathischer als die guten und der „Reichspost", deren Metier in dem Hetzen und Schüren gegen die Juden besteht, ist mit einem jüdischen Lumpen mehr gedient als mit hundert Juden, die auf der sittlichen Höhe eines Spinoza oder Mendelssohn stehen. :j: * Die Tartüiferie der „Reichspost" ist zum Glücke so durchsichtig, daß man kaum befürchten muß, die Juden würden sich von ihr täuschen lassen. Die „Reichspost" zieht angeblich vor ein paar Juden den Hut, in Wirklichkeit sähe sie es gerne, wenn die Juden angesichts dieses Manövers den — Kopf verlören. Besonders vor den —Wahlen. Ich möchte, daß dies auch als eine — „Erwägung vor den Gemeinderatswahlen" betrachtet werde. G. E—n. Eine stürmische Sitzung des Kultusvorstandes. (Präsident Dr. Stern insultiert den Vorsteher Dr. Ehrlich und wird von demselben attackiert.) Wien, den 10. März. Gestern fand eine nichtöffentliche Sitzung des Kultusvorstandes statt, deren Tagesordnung zwei Angelegenheiten gewidmet sein sollte: der Wahl eines Rabbiners für den Fünfhauser Tempel und der Beschlußfassung über die Palästinakornmission, gegen welche der Präsident von seinem Sistierungsrechte Gebrauch gemacht hat. Die Sitzung nahm jedoch nach Erledigung des ersten Punktes eine ganz andere Wendung, sie wurde zu einem Skandal, der in der Geschichte der Wiener Kultusgemeinde vereinzelt dasteht. Wegen einer zionistischen Interpellation gegen Rabbiner Mayersohn kam es zwischen dem Präsidenten Dr. Stern und den Vorstehern Dr. E h rlichundSt r icke rfastzu Tätlichkeiten. Dr. Stern warf, von Aufregung übermannt, das Aktenbündel gegen Dr. Ehrlich, worauf sich derselbe und Stricker m i t g'e b a 111 e n F ä u s t e n auf den Präsidenten stürzten. Nur durch das Dazwischentreten einiger geistesgegenwärtiger Herren wurde eine Prügelei verhindert. Dr. Stern schrie wie besessen. Die Versammlung war vor