Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVI (1914)
- Issue
- Heft 5 (13.3.1914)
- Date
- 1914-03-13
- Page
- Seite 34 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 54____„Neue National-Zeitung"________Nr, 5 Ein Sprichwort sagt: Durch Schaden wird man klug. Für die jüdische Politik in Wien existiert dieses Sprichwort offenbar nicht. Den paar Leuten, die in Wien jüdische Geschäftspolitik' machen, geht es sehr gut* da ihnen durch ihre Mandate allerhand Vorteile erwachsen; die Hetzreden und Hetzartikel der antisemitischen Agitatoren schaden ihnen nicht. Daher geht auch ihr Bestreben dahin, nicfot der jüdischen Allgemeinheit zu nützen und ihre jüdischen Mitbürger gegen Eingriffe in ihre rechtliche und wirtschaftliche Sphäre dauernd zu sichern, sondern — die eigenen Mandate festzuhalten und nur Gleichgesinnte und Gleichinteressierte zur Mitwirkung heranzuziehen. Vorbildlich auf diesem Gebiete wirkt -- man darf es nicht übersehen — der Abgeordnete des Kais, Hofrat K u r a n d a. Was dieser Herr im Laufe einiger Jahre durch sein deutschnationales Komödiantentum und seine unentschiedene, schwächliche Haltung gegenüber den Christlichsozialen an den jüdischen Interessen gesündigt hat, wird nicht so bald gutzumachen sein. Und dieser Mann ist tonangebend bei der Vergebung eines jüdischen Gemeinderatsmandates. Wie kann erst sein Kandidat beschaffen sein? L. Von da und dort. (Zum Sonntags-Leitartikel der „Reichspost44.) Einen Tag im Jahre haben die Juden, an welch'em eine frohe, freudige, von allen Sorgen und Kümmernissen befreite und nur durch das Religionsgesetz beschränkte Karnevalsstimmung die Gemüter erfüllt: das ist der Purimtag. Ein einziger Tag! Wahrlich, es ist kein Zufall, daß der Karneval der Nichtjuden kalendarisch eine viel weitere Zeitspanne umfaßt. Man wird eher darüber staunen dürfen, daß in manchem Lande, z. B. in Rußland und Rumänien, wo der Antisemitismus mit blutiger Konsequenz die Theorie in die Praxis umsetzt, die armen, verfolgten und bedrückten, in der Sicherheit des Vermögens und des Lebens unaufhörlich bedrohten Juden aus ihrem üottvertrauen die Kraft schöpfen, auch nur einen Tag sich am Dasein zu erfreuen. Wann wird für alle Juden die Zeit heranbrechen, in der man sich nicht mehr an das alte, bittere Scherzwort wird erinnern müssen, daß der Hamanismus stärker ist als der Humanismus? Theoretisch wird auch in Oesterreich weiter ruhig, durch keinen Staatsanwalt gestört, der aufreizendste Antisemitismus gepredigt. Und natürlich mit besonderem Eifer vor den Wahlen. Die „Reichspost", die anläßlich des Beylis-Prozesses, oder richtiger vor, während und nach dem Prozeß, ihre gläubigsten Leser mit den schändlichsten Ritualmordlügen gegen die Juden haranguierte, veröffentlicht als „Eine Erwägung vor den Gemeinderatswahlen", einen über sieben Spalten sich ergießenden Hetzartikel, den sie sehr richtig unter dem Schlagworte: „Antisemitismus" veröffentlicht. Wenn man weiß, welche Lügen die „Reichspost" schon in kurzen Notizen unterzubringen vermag, sobald es sich um das Judentum handelt, wird man es nur begreiflich finden, daß das Blatt in sieben langen Spalten sozusagen sein ganzes reichsortiertes Arsenal von Lügen und Verleumdungen, Entstellungen und Fälschungen präsentiert. Man gerät in Verlegenheit, wenn man an die Widerlegung der so umfangreichen Hetzartikel schreiten will,, in Verlegenheit wegen des — Raumes. Wo soll man anfangen, wo soll man aufhören? Wir sind iii der Purimwoche und da drängen •' sich unwillkürlich Purim-Reminiszenz'en auf. Älso>: man hängt heutzutage die Hamans nicht mehr auf, — . es müßten ja auch zu diesem Behufe ganze Wälder devastiert werden — aber wir wollen wenigstens ihre Lügen niedriger hängen. Oder doch einen Teil derselben. Alle, nein, das geht nicht. Aus den vorerwähnten Raumrücksichten nicht. Die „Reichspost41 behauptet gleich in der ersten Spalte, daß „Juda, das die öffentliche Meinung zu fünf Sechsteln beherrscht", es leicht habe, „tausend prägsamen Hirnen seine Auffassung einzupflanzen, der Antisemitismus ist die Weltanschauung des dummen Kerl s44. Diese wenigen Zeilen enthalten nicht fünf Sechstel, sondern sechs Sechstel Lügen. Niemals hat „Juda" geglaubt, daß der Antisemitismus nur die Weltanschauung des „dummen Kerls4' sei. Die Juden wissen es nur zu gut, daß es unter den Antisemiten auch geistig bedeutende Männer genug gibt, die nicht aus Dummheit, sondern aus ganz anderen Motiven sich zum Antisemitismus bekennen. Unter diesen Motiven sind unter anderem: Einwirkung der Erziehung, Geschäftsneid, Strebertum, Vorurteile, die sozusagen mit der Muttermilch eingesogen wurden, Unkenntnis des Judentums, seiner Religion etc. etc. Oft aber sind es nur Böswilligkeit und Tücke, die sich eben am leichtesten an dem Schwachen austoben können. „Juda44 wäre ebenso dumm als verlogen, wenn es die Quelle des Antisemitismus n u r in der — Dummheit erblickte. Wir kennen einen Mann, der wahrlich nicht zu Juda gehörte und schon eine Definition des Antisemitismus gab, die viel weiter gefaßt war und der Wahrheit schon viel näher kam. Der sagte einmal klipp und klar: „Nur ein Dummkopf oder ein schlechter Mensch kann ein Antisemit sein." Diese Definition stammt von Dr. L u e g e r, der sowohl die Juden als die Antisemiten gut kannte. Sein Ausspruch rührte allerdings aus der Zeit her, als er es noch verschmähte, sich von den Schmutzwellen des Antisemitismus auf die Höhe der Macht tragen zu lassen, die das Ziel seines Ehrgeizes bildete. Aber die antisemitischen Herrschaften, die — vor den Wahlen — immer den Geist Dr. Luegers heraufbeschwören und sein Gedächtnis feiern, wissen ganzgut, daß Dr. Lueger seinen erwähnten Ausspruch niemals verleugnete. Die Gesellschaft von Schneider, Vergani etc. etc. — die er so oft gern von seinen Rockschößeln abgeschüttelt hätte — konnte seine Definition des Antisemitismus nicht erschüttern. Weiter! „Der Antisemitismus hat seine Gründe. Seit Golgatha — aber auch schon im alten Testament — beherrscht der Hang nach den Gütern der Erde wie ein böser Dämon die Mehrheit Israels!" Also, n u r die „Mehrheit der Juden44 strebt nach irdischen Gütern. Der diese dumm-dreiste Beschuldigung niedergeschrieben, hat wohl nie von den ungeheueren Reichtümern gehört, welche in den Händen der Adelsgeschlechter, des hohen Klerus vereinigt sind? Nie davon gehört, daß die „Mehrheit" der