Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVI (1914)
- Issue
- Heft 5 (13.3.1914)
- Date
- 1914-03-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2425679-2425912-2425917--2863-2429383- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Neue NflCiONftL-ZEIDUNG XVI. Jahigang. Wien, 13. März 1914. Nr. 5. Die Gemeinderatswahien in Wien. Bürgermeister Dr. Weiskirchner hat unmittelbar vor den Gemeinderatswahien den Magistratsrat D e m e 1 zum Leiter des magistratischen Bezirksamtes in der Leopoldstadt bestellt. Einer solchen Provokation war selbst Dr. Lueger nicht fähig. Ihm haftete noch eine gewisse Vornehmheit des Siegers an, welche den Emporkömmlingen unter seinen Nachfolgern abging. Und als deren letzter die Bevölkerung der Leopoldstadt dafür strafen wollte, daß sie als einziger Bezirk in Wien eine liberale Bezirksveriretung gewählt hat, da erinnerte er sich an — Hemel. Dieser Herr hat vor Jahren als Magistratssekretär die Schamlosigkeit besessen, vor Gericht die Juden als geborene Verbrecher zu bezeichnen. Dafür wurde er vom Handelsgremium als Magistratsdelegierter ostentativ boykottiert, aber vom Bürgermeister zum Vorstand eines Bezirksamtes befördert. In welchen Bezirk er kam, hatten die Juden nicht zu lachen; der Judenhaß ist ihm Lebensbedürfnis. Das ist ein Schneider oder Gregorig mit dem Charakter und Wirkungskreise eines städtischen Beamten, ja eines Chefs der kommunalen Bezirksverwaltung. Und dieser Mann wird jetzt gegen die jüdische Bevölkerung der Leopoldstadt losgelassen ... Ebenso charakteristisch wie die Entsendung Deniels in die Leopoldstadt für den Wiener Bürgermeister ist die Haltung der jüdischen öffentlichen Mandatare gegenüber diesem meuchlerischen Uebcrfall. Die jüdischen G e m e i n d e r ä t e und Abgeordneten schweigen; sie lassen auch dies über sich ergehen. Was liegt ihnen am Wohle der jüdischen Bevölkerung?... Als Juden außerhalb der Wahlzeit aufzutreten, haben sie ja nie den Mut gehabt. Sie tragen die jüdische Maske nur während der Kandidatur. Nun sind jetzt Gemeinderatswahien. Im ersten Wahlkörper der Inneren Stadt ist ein Mandat zu besetzen, welches als unbestrittener jüdischer Besitzstand gilt. Heraus mit dem besten jüdischen Manne, der Mut, Begabung und Opferwilligkeit hätte, für seine jüdischen Mitbürger öffentlich in die Schranken zu treten, der nicht bloß mühelos nach der Kette oder Diäten strebt, sondern auch in sich die Kraft spürt, die Pflichten und Lasten eines jüdischen Mandates zu tragen. Wo ist er? * * * Ist er in ganz Wien nicht zu finden?... Man sucht ihn gar nicht! Die Clique ist an der Arbeit, ihresgleichen zu finden: die Mittelmäßigkeit, die Träger des Versteckenspielens, die Hintertreppenpolitiker, deren einziges „Verdienst" darin besteht, daß sie als Juden zur Welt kamen und noch keine Gelegenheit hatten, sich zu taufen. Die Clique, die sich Wahlkomitee nennt, ohne von jemandem, als von sich selbst ein Mandat zu haben, hat auf ihren Schleichwegen zwei Kandidaten gefunden, einen Arzt und einen Journalisten, die sich um das Judentum, dem sie durch Zufall angehören, nie gekümmert haben. Einer von ihnen, der mehr Freunde im „Wahlkomitee" hatte, weil er im öffentlichen Leben ein Neuling und daher gemäßigter und „verläßlicher" ist, gewann einen Vorsprung von zwei Stimmen und wird den jüdischen Wählern als ihr „Vertreter" präsentiert. So wird in Wien ein jüdisches Mandat besetzt, zu einer Zeit, da die Existenz von Tausenden jüdischer Bürger in den Händen eines — Deinel liegt.