Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1914-02-27 · Heft 4 (27.2.1914) · p. Seite 31

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVI (1914)
Issue
Heft 4 (27.2.1914)
Date
1914-02-27
Page
Seite 31 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2425679-2425912-2425916--2860-2429379
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

4_______________________..Neue NMPDgj^^JSM!!_______________ :.; SejteJM FEUILLETON. Zur Geschichte des Wiener Rabbinerseminars. Will man genau erfahren, wer der eigentliche Gründer des Wiener Rabbinerseminars gewesen, so darf man sich's nicht verdrießen lassen, um zehn Jahre vor seinem Inslebentreten zurückzugreifen und um diese Zeit in der Umgebung der „Israelitischen Allianz zu Wien" Nachfrage zu halten. Was aber hat, so wird man mir kopfschüttelnd einwenden, das Rabbinerseminar mit der Wiener Allianz zu schaffen? Doch, doch. — Diese Allianz, die einst unter dem Präsidium Josef v. Wertheimers weithin nach den verschiedensten Richtungen die fruchtbarsten und nachhaltigsten Anregungen gegeben, sie war auch hier die erste, wenn auch unfreiwillige Ursache der endlichen Realisierung des da und dort gehegten Wunsches, ein Rabbinerseminar in Oesterreich erstehen zu sehen, welchem bislang zwei Hindernisse in den Weg sich stellten: der Mangel an dem nervus rerum, dem Oelde, und die Eifersucht zwischen Wien und Prag. Jede der beiden Städte hielt sich nämlich für allein berufen, ein solches Institut in seiner Mitte zu beherbergen. Sie konnten sich aber nur so lange um den Vorrang streiten, als keine von beiden die nötigen Fonds aufzubringen vermochte. Lähmend auf die wiederholt gepflogenen Beratungen wirkte auch die Divergenz der Anschauungen über den Qeist, der in dieser Anstalt herrschen sollte. Den einen schwebte die alte Jeschiba vor, die in moderner Gestalt aufleben sollte. Sie wollten ein Seminar nach dem Vorbilde der von Lazarus und Geiger in Berlin geleiteten Hochschule für die jüdische Wissenschaft und des von Jelinek in Wien ins Leben gerufenen Bethammidrasch, eine Art freie Hochschule, die jedem Lernbegierigen, gleichviel ob er Rabbiner werden wolle, oder nicht, offenstehen und die den Hauptzweck verfolgen sollte, frei von jedem Zwang, jüdische Wissenschaft in weite Kreise dringen zu lassen. Für solche Hörer aber, die sich schließlich dem Rabbinerstande widmen wollten, sei eine auserlesene Prüfungskommission einzusetzen, die zu entscheiden habe, ob der Kandidat die erforderlichen Kenntnisse und Qualifikationen besitze. Die anderen wieder schielten nach Breslau und dem Hildesheimerschen Berlin. Doch alle solche Verhandlungen "hatten insolange nur ein akademisches Interesse, als nicht der Mann auf den Plan trat, der auf den Geldsack pochend — wie einst der aus Preßburg stammende Präsident der Wiener Kultusgemeinde, ein „biederer" Autokrat — mit der Faust auf den Tisch schlagen und aufschreien durfte: „So will ich's haben, so muß es sein!" Und der Mann zeigte sich endlich, es war Herr Wilhelm^R. v. Gutmann. Wie er sich aber zu diesem Entschlüsse entwickelte, will ich liier wahrheitsgetreu berichten. Doch muß ich mir gestatten, etwas weit auszuholen, um zu zeigen, wie die Allianz dazu kam, dem Wiener Rabbinerseminar, freilich ganz unbeabsichtigt, Gevatter zu stehen. Die Jahre 1881—82 eröffneten urplötzlich dem ahnungslos dahindämmernden Judentum die düstersten Ausblicke. In Rußland, waren mit eruptiver Gewalt Judenverfolgungen ausgebrochen. Täusende und abertausende mißhandelter Emigranten, wälzten s'ich über die österreichischen Grenzen, Schauerdinge berichtend über die verzweiflungsvolle Lage ihrer in der Heimat zurückgebliebenen Glaubensgenossen und erfüllten beängstigend die galizischen Grenzorte, ganz besonders die Stadt Brody, wo sie die ohnehin herrschende Not ins Maßlose steigerten. Die erste Hilfe kam den Unglücklichen seitens der beiden Allianzen von Paris und Wien, die unverzüglich Delegierte nach dem bedrohten Brody sandten, das von Emigranten dermaßen überfüllt war, daß ^anze Familien derselben auf freiem Felde kampieren mußten. Ein Auswanderungsbureau in großem Stile wurde hier etabliert, und um die Stadt vor Einbruch des Winters, der schon vor der Tür stand, möglichst zu evakuieren, wurden täglich zahlreiche, besonders handwerktreibende und vom Landbau herkommende Familien, in raschem Tempo nach Amerika expediert, zu welchem Zwecke die Allianzen mit erstaunlicher Schnelligkeit eine tadellos funktionierende Organisation hüben und drüben geschaffen hatten. Nach ihrem Vorbild und Muster bildeten sich stramm hintereinander in Deutschland und England Hilfskomitees, denen sich damals noch ungezählte hervorragende und werbekräftige Christen freudig anschlössen. Um die Aktion einheitlich zu gestalten, wurden Kongresse einberufen, vorzüglich nach Berlin und Wien, die von den namhaftesten Hilfskomitees der Welt beschickt wurden. In der Zeit, wo in Wien solche Konferenzen abgehalten wurden, pulsierte hier in außergewöhnlichem Maße das jüdische Leben, dessen Mittelpunkt die Allianz war und riß alle mit ihr nur irgendwie in Berührung stehenden öder bei dieser Gelegenheit erst in Berührung kommenden jüdischen Männer mit sich fort, insbesondere als sie sahen, wie intensiv hervorragende, hohe politische und soziale Stellungen einnehmende ausländische Glaubensgenossen für die jüdische Sache fühlten. Ein solcher von dieser Bewegung mächtig ergriffene Mann war der Großindustrielle Wilhelm v. Gutmann, der, obgleich nicht dem Vorstand der Allianz als Mitglied angehörig, den regsten Anteil an dessen Aktionen nahm und deren Fortschritte mit wachsender Spannung verfolgte. Doch nicht von diesem Exodus russischer Juden, der alle, die ihn schaudernd miterlebten, tief erschütterte, wollte ich hier sprechen, sondern von den Folgen, die er für die galizischen Glaubensgenossen selbst hatte. Die trostlose und versumpfte Lage der 800.000 Juden daselbst war bislang den jüdischen Humanitätsvereinen in den Kulturzentren, deren ganze Aufmerksamkeit und Hilfsbereitschaft auf den fernen Orient gerichtet war, völlig unbekannt. Sie ahnten nicht, daß die Ausläufer dieses Orientes sich bis an unsere Peripherie erstrecken und zum Greifen nahe vor unserer Türe liegen. Jetzt

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.