Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVI (1914)
- Issue
- Heft 4 (27.2.1914)
- Date
- 1914-02-27
- Page
- Seite 28 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 28 »Neue NationalIZeitungu Nr. 4 Und seine Gemahlin gegeben, auch Ihr Interesse für die jüdische Literatur! . . . Ein Duell mit tödlichem Ausgange ist — das liegt wohl in der Natur der Sache — keine unerhörte Seltenheit. Pistolen und Säbel haben einmal die dumme Eigenheit, daß sie tödliche Wunden beibringen können» Das Duell, das jüngst in Budapest stattfand und den Tod eines schönen, in der Blüte der Jugend stehenden Mannes zur Folge hatte, erregt aber darum besonderes Aufsehen, weil da ein Schwager dem anderen mit der todbringenden Pistole gegenüber stand . . . Ohne pathetische Sentimentalität sei die Frage gestattet: steht nicht in jedem Duell ein Bruder dem anderen gegenüber? Die unabsehbare Literatur, die sich mit dem verbrecherischen Wahnsinn des Duells beschäftigt, wird jetzt sicherlich wieder mit einer Unmenge von Artikeln bereichert werden, die aber gewiß dem Duell weniger schaden werden als das Duell den Menschen. Im jüdischen Schrifttum findet man nichts über das Duell. Die jüdischen Schriftgelehrten waren eben der Meinung, diese Frage sei schon in der Bibel kurz erledigt worden durch den einen Satz: du sollst nicht morden! * .. * Es fällt mir wahrhaftig nicht im Traume ein, den hohen Kirchenfürsten Vorschläge über die Themen zu machen, die sie zum Gegenstand ihrer Hirtenbriefe an die Gläubigen erwählen. Ich versichere, ohne den allergeringsten Beigeschmack von Ironie, daß ich mit aller Sympathie auch jenen Ausführungen der hohen Kirchenfürsten folgte, die sich gegen die Auswüchse der weiblichen Mode richten, die eirie schamlose Spekulation auf die Sinnlichkeit bilden und überdies auch noch — namentlich im Winter — allen hygienischen Anforderungen Hohn sprechen. Eine Mode, die gegen die Sittlichkeit und gegen die Gesundheit wütet — das ist zu arg. Aber in aller Schüchternheit und Bescheidenheit möchte ich dem Wunsche Ausdruck geben, daß die hohen Würdenträger der katholischen Kirche mit der Entrüstung und Erbitterung, die sie gegen die moderne weibliche Tracht an den Tag legen, auch einmal gegen das Verbrechen des Duells losgingen, die jahraus, jahrein Menschenopfer fordert, viele Familien in Trauer und Verzweiflung stürzt. Gegen die Dummheit — und es ist vielleicht gestattet manche weibliche Mode- Extravaganz einfach unter diesem Titel zu setzen — kämpfen bekanntlich auch die Götter vergebens. Ich möchte das Duell wahrhaftig auch nicht zu den weisesten Institutionen der „christlichen" Staaten zählen, aber wenn es. jemals einen Kampf gab, in welchem die Männer der Kirche sich mit den erleuchtetsten Freunden des Fortschrittes verbinden konnten, so ist es der Kampf gegen den verbrecherischen Wahnsinn des Duells. Und wie segensreich, wie erfolgreich könnten gerade katholische Priester in diesem Kampfe wirken! Ich glaube, e i n Beichtvater könnte, unter Umständen, mehr erzielen, als tausend Universitätsprofessoren mit Büchern, Broschüren, Artikeln und Reden ... — Die unsinnigsten Frauenmoden finden wir in aller Herren Länder; der Wahnsinn des Duells ist aber schon in manchem Staate ausgerottet. Also ist es doch nicht so unsterblich. In Oesterreich pflegen die deutschnationalen Burschenschaften den Wahnsinn des Duells ein wenig, d. h. zum Teile, gemildert durch die —. F r e c h h e i t des Waidhofener Prinzips. Mit einem Juden duellieren sich die Herren absolut nicht. Nur das Recht, den Juden ungestraft zu beschimpfen, wollen sie sich nicht nehmen lassen. Ich bin, wie ich schon zu bemerken die Ehre hatte, gegen das Duell. Aber ich begreife, daß gerade diese partiellen Duellgegner nur einen Wunsch loslösen könnten: Dreinschlagen! * * Die christliclisozialen Führer setzen mit unverminderten Kräften den Kampf gegen die armen und ärmsten Hausierer fort. Mit dem Großkapital und deren Vertretern haben sie sich ausgesöhnt. Mit diesen paktieren, fraternisieren sie, mit diesen wechseln sie bei Banketten und anderen fröhlichen Gelegenheiten die schönsten Reden. Aber so ein armer Hausierer — auch wenn er kein Jude ist bei dem ist nichts zu holen. Sein ganzes Betriebskapital bestellt manchmal aus — fünf Kronen. Das ist der wahrhaft kleine Mann, für den nichts geschieht, denn der kann sich nicht wehren und der ist auch als Stimmvieh nicht zu gebrauchen. An diesem Aermsten der Armen kann sich die christlichsoziale Nächstenliebe schrankenlos austoben ... * * Der russische Rabbiner, der neulich Gott dankte, daß der in Fastow mit allen Anzeichen des „Ritualmordes4 aufgefundene Knabe ein Jude war, hat, wie man fürchten muß, vielleicht doch schon etwas zu früh dem lieben Gott gedankt. Die russischen Hetzer wollen sich nicht so leicht bequemen, den Versuch zur Adaptierung einer zweiten Beylis-Affäre aufzugeben. Der tot aufgefundene Knabe war nach jüdischem Ritus beschnitten? Was liegt daran? Kann man nicht einfach behaupten: die Beschneidung ist nach der Ermordung vorgenommen worden? Es wäre wirklich traurig, wenn die Ritualmordtechnik im Laufe der Jahrhunderte gar keinen Fortschritt aufweisen könnte! Als große Päpste der katholischen Kirche — hört es, Ihr Hetzter im Talar: Päpste und nicht etwa Oberrabiner! — feierlich bekundeten, daß böswillige Judenfeinde ihre eigenen Kinder „rituell" schlachteten, um das Verbrechen Juden in die Schuhe zu schieben, war die Ritualmordtechnik noch in primitivem Zustande. Christenkinder mußten von Christen getötet werden! In dein fortgeschrittenen Rußland des 20. Jahrhunderts ist mau schon pfiffiger: da genügt unter Umständen ein beschnittener Judenknabe schon. Man sagt nur: er ist halt nach der Vollziehung des „Ritualmordes" gründlich rituell" beschnitten worden... Es lebe der Fortschritt! ... So sieht er in Rußland aus. * * * In der russischen Stadt Grosno sind viele Bauern zum Judentum übergetreten. Im Kaukasus gibt es ein Dorf, das von Kosaken bewohnt wird, die Juden geworden sind und kürzlich eine prächtige Synagoge erbauten ... Schön, sehr schön. Aber was hilft das f'en armen, räch Millionen zählenden Juden in Rußland? Daß es ein paar orthodoxe Christen weniger