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Neue Nationalzeitung · 1914-02-27 · Heft 4 (27.2.1914) · p. Seite 27

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVI (1914)
Issue
Heft 4 (27.2.1914)
Date
1914-02-27
Page
Seite 27 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 4 ,Neue National-Zeitung^ Seite 27. nicht der Antrag des Vertreterkollegiums, sondern der Antrag der Herren Ehrlich und Stricker. Der Präsident hat also, wiewohl es ausdrücklich in den Statuten heißt, daß er binnen acht Tagen nach der Sistierung den Gegenstand des Beschlusses auf die Tagesordnung stellen soll, dies unterlassen. Er hat bis heute, trotzdem seit dem 1. Februar mehr als drei Wochen verstrichen sind, den Gegenstand des Beschlusses noch immer nicht auf die Tagesordnung einer Sitzung gestellt. Er hat sich schließlich die Zustimmung dazu geben lassen, überhaupt nicht den Gegenstand des Beschlusses, sondern einen ganz anderen Antrag auf die Tagesordnung zu stellen. Höher geht es wirklich nicht mehr! Wir haben bisher dafür gekämpft, nach gewissen Richtungen eine Aenderung der Gemeindestatuten zu erwirken. Wir sehen, daß dies ganz überflüssig ist. Dr. Stern und seine Mameluken machen trotz der Statuten und entgegen den Statuten, was sie wollen. Bezüglich der Tendenz des Dr. Stern sind wir uns klar. Wir wissen, daß ihn bodenlose Schlechtigkeit und Herrschsucht leiten. Was aber seine Mameluken betrifft, so wissen wir wirklich nicht, sollen wir darin Dummheit oder Schlechtigkeit oder charakterloses Strebertum sehen. Jedenfalls hat aber eine Gemeindeverwaltung, die in dieser Weise mit den Statuten herumspringt, jedes Recht auf Achtung seitens ihrer Wähler und auf Achtung seitens der jüdischen öffentlichen Meinung verloren. Und nun noch einige Worte an die Adresse der Herren Ehrlich und Stricker. Die Herren sind als Zionisten, aber auf Grund eines Kompromisses in den Kultusvorstand gekommen. Sie haben dort ihre Krallen versteckt und in so zahmer Weise ihre Anschauungen vertreten, daß seitens der führenden Mitglieder des Kultusvorstandes ihnen sogar das Recht sich „Opposition" zu nennen, abgesprochen wurde. Sie freuten sich schon, durch diese Taktik, einen Sieg errungen zu haben und über Nacht mußten sie sich überzeugen, daß sie durch Verdrehung und Gewalt um einen Erfolg gebracht wurden, weil in der Gesellschaft, in der sie mitarbeiten wollten, nicht Majoritätsprinzip und Rechtsempfinden, sondern Willkür und Mamelukentum herrschen. Glauben die Herren Ehrlich und Stricker wirklich einer guten Sache zu dienen, wenn sie in dieser Gesellschaft weiter bleiben? Haben sie denn nicht ein Gefühl für politische Reinlichkeit, das Menschen von Ehre verbietet, einem Mann wie Dr. Stern ein Mandat zu verdanken? Nach den letzten Ereignissen haben die Herren Ehrlich und Stricker die Pflicht, ihre Mandate dem Dr. Stern hinzuwerfen. Sie würden damit eine Saat ausstreuen, die bei den nächsten Wahlen zur üppigen Ernte aufsprießen wird ... Tun sie das nicht, ziehen sie es vor, trotz allem auch weiterhin ihre Kompromißmandate auszuüben, dann beweisen sie, daß sie wirklich in diese Gesellschaft hineingehören und an ihren Mandaten kleben. Bei einer Feier, welche Dr. Stern am letzten Mittwoch zum Zwecke persönlicher Reklame veranstaltete, hat er seine eigenen Vorzüge mit nachstehenden Worten gerühmt: „Wenn in den 25 Jahren^ da ich als Mitglied des¬ Vorstandes diene, in den nun bald vollendeten zehn Jahren, seit mir die hohe Ehre zuteil wurde, das; Präsidium zu führen, mein Streben stets dahin gerichtet war und ist, die Ehre, das Ansehen unserer Gemeinde, dieser Führerin der europäischen Judenschaft, zu wahren und zu mehren, das Besterreichbare für sie zu schaffen, Streit und Zerklüftung von ihr möglichst fernzuhalten, da ist es, als ob in mir lebendig werde die traditionelle Erinnerung' an meinen Stammvater, an den edlen Mann, dessen gesegnetes Andenken in unserer Gemeinde fortleben möge." Jedes Wort ist hier Entstellung.und Heuchelei. Kein Wiener Kultuspräsidenthat seine Würde so profaniert, das Ansehen der Gerrieinde so sehr geschädigt und so viel Unfrieden gestiftet wie Dr. Stern: durch seinen Geiz, seine Reklamesucht, seine Protektiönswirtschaft und seine eines jeden Rechtssinns und jedes konstitutionellen Gefühls bare Herrschsucht. Es war höchst notwendig, daß Dr. Stern selbst seine Verdienste aufzählte, denn es kennt sie fast niemand. In den Augen der jüdischen Oeffentlichkeit hat er sich durch den Akt1 der Sistierung und die dabei unterlaufenen Umstände bereits zu Lebzeiten ein Denkmal der — Schande gesetzt. L. Von da und dort. Soll ich wieder einmal von der Sucht gewisser „moderner" Juden sprechen, die wähl-, sinn- und geschmacklos Sitten und Gebräuche christlicher Häuser nachzuahmen bestrebt sind? Die den christlichen Weihnachtsbaum auf den jüdischen Familientisch stellen? Ferne'sei mir heute der Gedanke, rügend und spottend, dieser Nachahmungslust zu gedenken. Im Gegenteil: ich möchte gewisse „vorr nehme" oder doch zumindest vornehm tuende jüdische Millionäre, die nur das für schön und gut erachten, was sie bei hochstehenden Nichtjuden als Vorbild finden, freudig und begeistert zur Befolgung eines Beispiels auffordern, das von einem ebenso christlichen, als vornehmen Herrn gegeben wurde. In der letzten Nummer dieses Blattes war zu lesen, wie der Erzherzog Karl Franz Josef von lebhaftem Interesse für jüdische Geschichtsschreibung erfüllt, den Rabbiner von Kolomea die Anregung zur Abfassung einer „Geschichte der Juden in Kolomea" gab und zugleich gestattete, daß das Werk ihm und seiner Gemahlin, der Erzherzogin Zita, gewidmet werde. Wann hört man, daß unsere „modernen" jüdischen Krösusse — Vereinzelte ausgenommen — Eifer und Liebe für Werke jüdischen Geistes und jüdischer Wissenschaft an den Tag legen? Wo sind die jüdischen Gelehrten, die jüdischen Schriftsteller, die von ihnen Anregung, Förderung und munifiziente Unterstützung erhielten? Kein „moderner" reicher Jude wird es unterlassen, in seinem eleganten Arbeitszimmer, in prachtvoll geschnitzten Bücherschränken Werke aus allen Literaturen aufzustellen. Gute Bücher, schlechte Bücher, Geistesschätze und blöden Modeplunder — wie es kommt. Das gehört eben zum Bonton. Aber man kann tausend gegen eins wetten:, eine Literatur wird in den schönen Schränken. nicht vertreten sein: die j ü d i s c h e. Bitte, meine vornehmen jüdischen Herrschaften, vielleicht erwacht, nach dem Beispiel, das ein Erzherzog

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