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Neue Nationalzeitung · 1914-02-06 · Heft 3 (6.2.1914) · p. Seite 23

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVI (1914)
Issue
Heft 3 (6.2.1914)
Date
1914-02-06
Page
Seite 23 (sequence 12)
Language
German
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gen gelungen, Herrn von Hohenstamm für das Präsidium der größten philanthropischen Gesellschaft des Landes zu gewinnen. Mit dem Eintritt Hohenstamms in das philanthropische Institut begann dasselbe zusehends aufzublühen. Man merkte bald die zielbewußte tatkräftige Hand. Hatte man früher den Sinn auf große humanitäre Schöpfungen gerichtet, so richtete man ihn jetzt auf das Thesaurieren. Nicht mehr der schöpferische Qedanke, sondern der Buchhalter hatte das Wort, der jetzt, handelte es sich um die geringste Ausgabe, um die kleinste zu bewilligende Spende, zuerst befragt wurde. Und dieser war ein treuer Diener seines Herrn und kam verständnisvoll seinen Intentionen entgegen. Das Vermögen der Gesellschaft wuchs progressiv und damit auch das Ansehen des Präsidenten. Dieser aber vergaß gleichwohl über dem Kapitalisieren die eigentliche Aufgabe des Instituts nicht. Das Wohltun nahm vielmehr unter seiner Präsidentschaft größere Dimensionen als früher an. Seine Losung war: multa, non multum! In die Breite, nicht in die Tiefe! Die Wohltaten, meinte er, müssen sich auf die weitesten Kreise des Elends erstrecken; man spende wenig, aber vielen: kleine Geschenke erhalten viele Freundschaften. So gestaltet sich das Geschäft der Philanthropie am besten zu einem produktiven. Nur um Gotteswillen nicht hoch hinauswollen! Das macht Sorgen und stört Verdauung und Schlaf. So sank das ursprünglich groß und vornehm angelegte Institut zu einer wahren Bettelanstalt herab. Das Schlimme an der Sache war, daß dieser Krämergeist sich bald in der Philanthropie einbürgerte, daß er Schule machte und allmählich traditionell wurde. Die neue Methode, Menschenliebe geschäftsmäßig zu üben, fand weithin Anklang und Nachahmung. Und wenn da und dort Opposition gegen die herrschend gewordene komniune Auffassung der Philantropie sich regen wollte, verstand es Herr von Hohenstamm, sie im Keime zu ersticken. Daß eine abfällige Beurteilung seines „humanitären Wirkens" ehrlichen Intentionen entspringen konnte, glaubte er überhaupt nicht. Eine solche war vielmehr, nach seiner und seines Anhangs Ueberzeugung, vom Neid diktiert, oder ging von ehrsüchtigen Leuten aus, die emporkommen wollten. Es galt also die Hauptschreier zum Schweigen zu bringen und da kam ihm seine angeborene Bauernschlauheit rasch zu Hilfe. Dem einen verhalf er zu einem einträglichen Amt, den andern, dessen Ehrgeiz höher ging, ließ er in den Vorstand der philanthropischen Gesellschaft kooptieren. Ueberhaupt ging sein ganzes Streben dahin, das geistige Niveau der Körperschaft, an deren Spitze er stand, immer mehr herabzudrücken, indem er sie konsequent mit unfähigen, ihm völlig ergebenen und zu ihm wie zu einem höheren Wesen emporschauenden Elementen ergänzte, bis er schließlich ein Kollegium vor sich hatte, das er turmhoch an Intelligenz überragte. Durch diese Art, ganz unfähige und unbedeutende ^Individuen aus wohlverdienter Verborgenheit?.u ziehen und zu Ehren zu bringen, weckte er die Ehrsucht in den weitesten und untersten Schichten der Gesellschaft und machte die Philanthropie zum Nährboden des gemeinsten Strebertums. Es entstanden Konkurrenzinstitute, hervorgerufen von ehrsüchtigen Leuten, die in der philanthropischen Gesellschaft nicht mehr Unterkunft finden konnten und sämtlich wurden sie nach dem Muster und der Methode Hohenstammscher Menschenliebe geleitet. Eines suchte dem andern das Geschäft abzujagen, eines dem andern'die Verdienste streitig zu machen, und auf dem Gebiet der Philanthropie entwickelte sich ein widriger Konkurrenzkampf. Hohenstamms Ehrgeiz nahm immer höheren Schwung. Es wollte ihm nicht mehr" genügen, ein Fürst im Reiche der Finanzen, ein Herrscher und Pfadweiser auf dem Gebiete der Philanthropie zu sein, er wollte auch im Reich der Ideen eine Rolle spielen, die Wissenschaft erobern, seinen Namen in der Gelehrtenrepublik einbürgern. Er hatte es staunend erfahren, zu welch sozialer Höhe man . von einem mächtigen Goldsack aus gelangen könne; sollte, dachte er, was im Reiche der Wirklichkeit, in der Welt des Seins, möglich, nicht noch leichter in jener des Scheins, in der Welt der Träume zu erreichen sei? Seine Gattin, deren Bildung und Belesenheit ihm mächtig imponierte, hatte ihm bald nach der Hochr zeit einen Fingerzeig gegeben, wie er auf kürzestem Weg in den Ruf großer Gelehrsamkeit kommen könne. Sie erzählte ihm nämlich, sie habe bei einem griechischen Satiriker von einem steinreichen, aber erschrecklich ungebildeten Römer der Kaiserzeit gelesen, der, um als gebildeter Mensch erscheir nen zu können, um eine Riesensumme einen hochgelehrten griechischen Sklaven erworben habe. Diesen ließ der protzige Römer, so oft er Gelage gab, zu seinen Füßen sitzen und sich von ihm bei jeder passenden Gelegenheit Zitate aus berühmten griechischen Dichtern und Philosophen zuflüstern, die er dann mit gewichtiger Miene den versammelten Gästen zum besten gab. Und als alle Welt Erstaunen über seine Gelehrsamkeit äußerte, sagte er: „Ja, freilich, freilich, aber sie kostet mich auch ein Vermögen, diese leidige Gelehrsamkeit." Ich habe mir, sagte sich Herr von Hohenstamm, diesen Wink gemerkt, werde es aber gescheiter als jener protziger Römer anpacken. Meine Bildung wird mir kein Vermögen kosten. Ich lasse mir einige Zeit hindurch von namhaften, in den vornehmen Salons viel verkehrenden Hochschulprofessoren fürstlich honorierte Privatvorlesungen halten über alle möglichen Wissenszweige, insbesondere über die moderne Philosophie, die dermalen die Gesellschaft so sehr beschäftigt; das erregt Aufsehen und lenkt die öffentliche Aufmerksamkeit auf meinen Wissensdurst. Herr von Hohenstamm hatte richtig kalkuliert. Verständnisvoll schien er den Ausführungen seiner Lehrer zu folgen und sie waren ganz entzückt, wenn er das eine- oder anderemal zustimmend mit dem Kopfe nickte. Machte er aber eine zweifelnde Miene, so waren sie konsterniert, da sie sich auf falscher Fährte ertappt glaubten. Sie ahnten nicht, daß ihr gelehriger Schüler hiebei gar nicht an die Sache, sondern an seine Geschäfte dachte. Seine Wißber gier und rasche Auffassung setzten sie in Verwunderung und wohin sie kamen, rühmten sie seine wissenschaftliche Begabung, die nicht geringer als die finanzielle sei. Eines Tages warf er gelegentlich eines Vortrages über die Philosophie des Unbewußten die geistreiche Bemerkung hin: er begreife nicht, warum

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