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Neue Nationalzeitung · 1914-02-06 · Heft 3 (6.2.1914) · p. Seite 22

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVI (1914)
Issue
Heft 3 (6.2.1914)
Date
1914-02-06
Page
Seite 22 (sequence 11)
Language
German
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Seite 22 .Neue National-Zeitung' Nr. 3 FEUILLETON. Herr von Hohenstamm. Lieber den Entwicklungsgang der modernen Philantropie in Oesterreich. Von Moriz Schreiber (Schluß.) Während dies daheim sich zutrug, befand sich Nabob bereits längere Zeit auf einer Erholungsreise im fernen Süden. Am Spieltische traf ihn die Nachricht, von den großen Schätzen, die Gernegroß auf seinem eigenen Besitztum entdeckt hätte. Er erschrack heftig und eilte unverzüglich heim. Was er hier sah, brachte sein Blut in starke Wallung. Er vermutete eine große Schelmerei, die sein von ihm so großmütig geförderter Diener hier begangen, und seine Vermutung ward ihm zur Gewißheit, als einige Grubenarbeiter ihm eröffneten, daß die von Gernegroß gemachte Entdeckung in eine Zeit zurückdatiere, in der er das ihm nunmehr gehörige Terrain noch nicht erworben hatte, daß er aber den Fund damals verheimlicht habe. Zorn und völlige Ohnmacht, dem unehrlichen Diener beizukommen, erregten ihn dermaßen, daß er aufs Krankenlager fiel und als er sich wieder erholt hatte, war das erste, das er unternahm, seine Wachsindustrie in eine Aktiengesellschaft umzuwandeln mit der conditio sine qua non, daß dem Gernegroß sein Anteil herausgezahlt und jede Verbindung zwischen der Gesellschaft und dem Geschäftshause Nabobs für alle Zukunft abgeschnitten werde. Das war. allerdings ein starker Schlag für den den Weg zur Größe rüstig emporschreitenden Gernegroß; es erregte peinliches Aufsehen, daß er so knall und fall aus den Diensten des Nabobs förmlich gejagt wurde. Man flüsterte von großen Malversationen, die er sich habe zu schulden kommen lassen, sprach von einem bevorstehenden Eingreifen der Staatsanwaltschaft und vornehmere Industrielle gingen ihm aus dem Wege, jede Berührung mit ihm vermeidend. Das verdroß unseren Gernegroß gar sehr, aber niederzudrücken vermochte es ihn nicht; zumal er reichliche Befriedigung in den ihm von Tag zu Tag in immer mächtigerer Fülle aus dem schier unerschöpflichen Boden zuströmenden Schätzen fand und sich bald mit dem Gedanken trug, mit Nabob in Konkurrenz treten und seine Uebermacht auf dem großen Markte brechen zu wollen. Ueber seine Affäre mit Nabob begann allmählich Gras zu wachsen. Er schöpfte immer mehr Millionen aus dem Boden und schwang sich bald zum Großindustriellen ersten Ranges empor. Die größten Gesckäftshäuser suchten Verbindung mit ihm und die Regierung zeichnete ihn für seine Verdienste um die Industrie durch Nobilisierung aus. Er wählte das Adelsprädikat „von Hohenstamm". Er nahm eine Frau aus einer der besten Familien der Residenz, die Haus zu machen verstand, und das war ihm die Hauptsache. Er wollte ja groß, sehr groß werden und weit und breit sollte man von seiner Größe sprechen, und so knauserisch und geizig er sonst war, für diese seine Lebensaufgabe opferte er ganze Summen. Daran, daß er klein gewachsen war, dachte kein Mensch mehr. Er war es tatsächlich nicht mehr. Der Oberleib hatte sich noch stärker entwickelt, der Hals war aufwärts gereckt und der große Kopf warf sich unaufhörlich in die Höhe. Die Beine allerdings wollten noch den Däumling von damals verraten; allein man sah sie nur selten, da der Oberleib sie überdeckte. Da Herr von Hohenstamm wiederholt zu öffentlichen Zwecken beträchtliche Summen gespendet hatte, hielt man ihn für einen großen Wohltäter. Zu einem solchen aber fehlte ihm alles; vor allem das Herz. Er war nur ein guter Rechner. Ihm war alles Geschäft, alles, mochte es materieller oder ideeller Natur sein, es mußte, sollte er sich damit befassen, produktiv sein: produktiv für ihn selbst. Man kolportierte das von ihm geprägte, aber überall mißverstandene Wort: Das Wohltun müsse produktive Arbeit sein, sonst sei es zwecklos. Er berechnete kalt, eine wie große Summe er opfern müsse, um sich einen Namen als großen Philantropen zu machen und entschloß sich um so eher zu diesem Opfer, als er sich sagte, er werde es hier lediglich mit einmaligen Ausgaben zu tun haben, denn sei er einmal ein berühmter Philantrop — und das könne man ja bald werden — dann brauche er keine Wohltaten mehr zu üben. Herr von Hohenstamm war also der richtige moderne Mann, der das Geschäft der Philanthropie von der richtigen Seite anzupacken verstand, daß es sich für ihn produktiv gestaltete. Was vorauszusehen war, traf gar bald ein. Eines Tages erschien bei ihm eine Deputation des größten philanthropischen Instituts der Residenz, um ihm, als schwachen Beweis der Dankbarkeit, die es ihm zolle, das Präsidium anzubieten. Herr von Hohenstamm tat sehr überrascht und spielte den Bescheidenen. Er wisse nicht, meinte er, wie er zu einer solchen Ehre komme, auch besitze er nicht die geistigen Qualitäten, einer Körperschaft, die aus der finanziellen und geistigen Elite der Residenz sich rekrutiere, präsidieren zu können. Als aber die Deputierten alle seine Bedenken zerstreuten und immer mehr in ihn drängten, das Ehrenamt anzunehmen, erbat er sich Bedenkzeit und beschied sie auf den anderen Morgen. — Er kalkulierte nun folgendermaßen: Will ich den mühsam erworbenen Ruhm eines Philanthropen mir nicht verscherzen, dann werde ich nach wie vor tief in den Säckel greifen müssen. Das wird eine ewige Qual. Nehme ich aber das mir angebotene Ehrenamt an, dann entlaste ich mein Wohltätigkeitskonto vollständig und vermehre meinen Ruhm als Philanthrop. Denn dann übe ich Menschenliebe mit fremden Geld, setze unter jeden Wohltätigkeitsakt meinen Namen, der unablässig weit und breit gepriesen wird; kurz, ich kreiere ein wahrhaft produktives Geschäft. — Freilich, freilich, ein wenig gewagt ist es, als ungebildeter Mensch an die Spitze einer Gesellschaft treten zu wollen, die so reich an Geist und Intelligenz. Aber diese Gesellschaft will sich ja gern unter meine Leitung begeben; also Mut gefaßt und klug gehandelt! Viel hören, wenig reden, zur richtigen Zeit das richtige Wort von sich geben, dann wirds schon gehen. Am anderen Tag berichteten die Zeitungen voll freudiger Genugtuung, es sei nach langen Bemühuu-

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