Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVI (1914)
- Issue
- Heft 3 (6.2.1914)
- Date
- 1914-02-06
- Page
- Seite 20 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 20______________________________________ „Neue Na tional-Zei tung"_______________________ Nr. 3 denknabeii, ein frommer Rabbiner in Rußland ausrief: „Wir Juden müssen Gott danken, daß es ein jüdisches Kind war, das den Mördern zum Opfer fiel; wir hätten sonst einen zweiten Prozeß Bejlis gehabt." Wie viel Schmach und Schande häuft auf Rußland dieses — Dankgebet zu Gott! Der Herausgeber des antisemitischen „Kijewlanin", der so viel Schamgefühl hatte, anläßlich des Prozesses Beilis gegen die Ritualmordhetze zu protestieren, ist zu drei Monaten Festung verurteilt worden. Nur zu drei Monaten! Wir erinnern uns, daß man seinerzeit in Polna fürchtete, das Volk werde den christlichen Verteidiger fiülners lynchen ... Dieses Rußland überrascht manchmal doch durch seine kulturellen Fortschritte. Hätte man den antisemitischen Journalisten, der so treulos an der christlichen Bevölkerung handelte, nicht auch gleich statt des Beilis hängen können? Nur drei Monate Festung? . . . Die „Nowoje Wremja" glossiert höhnisch den Brief der 72 jüdischen Studenten, die zur orthodoxen Kirche übertraten, weil sie nur durch die Taufe den Leiden zu entgehen hoffen, die das Judentum seinen Bekennern auferlegt. Die Taufe macht Euch nicht zu Christen, sagt das Antisemitenblatt. Dieser Behauptung fehlt nicht die Berechtigung. Uebrigens muß man zugeben, daß diese echten Antisemiten auch Jesus und die Apostel, wenn sie in ihrer Mitte erschienen, nicht als Christen ihresgleichen anerkennen würden. G. E—n. R. Travers Herford.*) Von Dr. M. Friedländer. (Schluß.) Herford aber schwärmt für den Pharisäismus des Zeitalters Jesu, ohne einzugestehen, daß er sich früher geirrt, ohne zu bekennen, daß er die in seinem Buche „Christianity in Talmud and Midrasch" angehäuften talmudischen und midraschischen Stellen, in denen die von ihm in seiner letzten Schrift so sehr gepriesenen Pharisäer eine gar häßliche Rolle spielen, fälschlich auf Jesus und das Christentum bezogen habe. Er ist zwar, so viel mir bekannt, seit einem Dezennium nicht mehr auf das damals angeschnittene Thema der jüdischen Christenfeindlichkeit zurückgekommen und hat auch nicht wieder auf meine eingehende und scharfe Zurückweisung, die ich vor acht Jahren seinem wenig judenfreundlichen Buche zuteil werden ließ, reagiert. Er hat aber auch andererseits seine früheren Ansichten nicht widerrufen. Und so bleiben denn nach wie vor seine beiden einander widerstreitenden Standpunkte aufrecht. Und die Folgen? Sein neuestes Buch, die Lobhymnen auf das pharisäische Judentum, wird n u r von.luden gelesen, die ja ohnehin wissen, daß sie mit der Verfolgung Jesu und des Christentums *) Siehe Nr. 1 und 2 d. .1. Anm. d. Red. nichts zu schaffen haben. Und wenn einmal auch ein Christ auf dasselbe gerät, so zuckt er die Achsel über den sonderbaren Schwärmer, zumal, wenn er auch Kenntnis von Herfords „Christianity in Talmud an Midrasch" hat. Denn dieses Buch, welches, gelinde gesprochen, kaum ein günstiges Vorurteil für das pharisäische Judentum zu erwecken vermag, bleibt nach wie vor eine Fundgrube, aus welcher Judenhasser schöpfen werden. „Hier findet man" — wie Bousset ihm nachrühmt — „in bequemer Zusammenfassung eine außerordentlich brauchbare Zusammenstellung des Materials". Immerhin bleibt Herfords Glorifizierung des pharisäischen Judentums eine Tat; doch nur eine einseitige. Sie wird erst eine vollendete werden, wenn er seine vormaligen Irrtümer offen bekennen wird. Ich stehe also vor einem Rätsel. Nur soviel scheint mir gewiß, daß Herford beidemale: sowohl in seinem „Christianity in Talmud and Midrasch" als auch in seinem „Pharisäisches Judentum" aus innerster Ueberzeugung gesprochen. Das leuchtet aus dem Feuereifer hervor, mit dem er das eine wie das andere Mal in die Schranken tritt. Wie bereits erwähnt, wurde die deutsche Uebersetzung von Herfords „Pharisäisches Judentum" durch einen Rabbiner veranlaßt und von ihm mit einer Einleitung versehen. Daß er es preist, ist selbstverständlich. Weniger verständlich aber ist es für den Uneingeweihten, daß er nicht ein Wort des Tadels für Herfords „Christentum in Talmud und Midrasch" hat. Man glaube aber ja nicht, daß er es nicht kennt und es nicht erwähnt. Im Gegenteil; er weist vielmehr mit starkem Nachdruck darauf hin, jedoch nur darum, um Herfords talmudische Kenntnisse rühmend hervorzuheben und seine volle Berechtigung, über rabbinisches Wesen ein Urteil abzugeben, über jeden Zweifel zu stellen. Als moderner jüdischer Theologe teilt er eben Herfords aus derselben Schule überkommene Minimthcoric! Er bewundert sogar an diesem Buche Herfords „außergewöhnliche Objektivität"! Und was er ihm besonders nicht hoch genug anrechnen kann, ist, daß er darin „nicht weniger Gerechtigkeit den jüdischen Gelehrten der Gegenwart zuteil werden läßt"; indem er dabei gelegtenlich vor ihnen seine Reverenz macht. Doch lassen wir hierüber den Rabbiner selbst sprechen: „Herford" — so sagt er in seiner Einleitung zu dessen „Phahrisaisches Judentum" — „der als unitarischer Geistlicher wirkt, hat sich lange für seine Aufgabe vorbereitet. Dreißig Jahre hat er auf die Erforschung der talmudischen Literatur gewendet, bevor er mit seinem Buch hervortrat und als erste reife Frucht dieser Studien hat er vor zehn Jahren ein umfassendes Werk über „das Christentum in Talmud und Midrasch" vorgelebt. Schon in diesem Werke bekundet er eine außergewöhnliche Objektivität, indem er die durchaus ablehnende Stellungnahme der Rabbiner zum Christentum mit der größten Ruhe darstellt und menschlich zu verstehen sucht. Nicht weniger Gerechtigkeit läßt er in demselben d e n j ü d i s c h c n O c I e h r t e n d c r Gegenwart zuteil werden, und seine Worte verdienen hier als das Urteil eines gewiß unparteiischen Richters festgehalten zu werden: „Soweit ich beurteilen kann, erscheint es mir, daß jüdische Histo-