Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVI (1914)
- Issue
- Heft 3 (6.2.1914)
- Date
- 1914-02-06
- Page
- Seite 18 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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majorisiereii. Daneben soll in Krakau und Lemberg das Listenskrutinium beibehalten werden, damit die -*n m'i(,. respektive 500.000 Juden ohne einen jüdischen Abgeordneten bleiben. r:in Danaergeschenk bewilligt man den Juden: Die Handelskammern erhielten statt der bisherigen drei fünf Mandate und den Wink mit dem Zaunpfahl, doch die zweiten Mandate an Christen zu überlassen; eine politische Selbstentmannung, die den galizischen riandelskmnmerjuden zuzutrauen ist. Während die Kodifikation der Landtagswahlreform am allen Linien für die Juden demütigend und erniedrigend ist, breitet sich über ganz Qalizien dank der wohlwollenden Haltung des Statthalters, der sich's mit keiner Partei verderben will, eine antisemitische Boykotthetze nach polnisch-russischem Muster vor. Ihr Ziel ist die Aushungerung und wirtschaftliche Vernichtung der Juden in den Städten. Uie Landjuden sind schon umgebracht; also wird die Agitation in die Städte getragen. Zu diesem Zwecke werden amisemitische Zirkel gegründet, der Boykott gepredigt und durch aufreizende Lügen die öffentliche Meinung aufgewühlt.- Die Allpolen, die sich anschicken, die Leitung des Polenklubs in die Hand zu nehmen, die im Wahlreformausschuß das große Wort führen und mit der hohen Qeistlichkeitt in enge Fühlung bleiben, sind die eifrigsten Förderer des Boykotts. Das alles wäre aber noch immer nicht gar so traurig, wenn die Juden nicht von ihren eigenen Brüdern verkauft und verraten wären. Das ist eben das Schlimmste. Von außen nur Feinde und im Innern gar keine Organisation, gar keinen festen Halt, ohne jede Führerschaft, ein Spielball in den Händen von politischen Gauklern und Charlatans — das ist das tragische Schicksal der galizischen Judenschaft, an dem vorläufig nichts zu ändern ist. Die Moszkos mit ihrer Heuchelei und Kriecherei nach oben, die Zionistenführer mit ihrer Weltfremdheit und Demagogie nach unten haben die galizischen Juden für Jahrzehnte in einen Zustand der politischen und wirtschaftlichen Ohnmacht versetzt, daß sie den Gefahren der antisemitischen Verfolgungen nicht mehr gewachsen sind. L. Die Palästina-Kommission des Wiener Kultusvorstandes. In der am letzten Sonntag, den 1. d. M., abgehaltenen vertraulichen Sitzung des Wiener Kultusvorstandes wurde der Beschluß gefaßt, eine Palästinakommission mit unbeschränktem Wirkungskreise, einzusetzen. Diesem Beschlüsse ging eine lange, stellenweise sehr stürmische Debatte voraus und fanden wiederholte Abstimmungen statt, bis das Resultat klar feststand. Die Annahme zweier Beschlüsse erfolgte mit knapper Majorität, derselben kam der Umstand zugute, daß Dr. Stern der Sitzung fernblieb und daher den Vorsitz nicht führte. Sonst ist wohl anzunehmen, daß dessen Eingreifen ein anderes Resultat herbeigefüht hätte. Wie wir erfahren, empfindet Herr Dr. Stern diese Beschlüsse als eine persönliche Niederlage und beabsichtigt für nächsten Sonntag, den 8. d. M., eine neuerliche Plenarsitzung behufs Reassumierung der gefaßten Beschlüsse einzuberufen. Man darf auf diese Sitzung sehr gespannt sein. Die Beschlußfassung bei der letzten Plenarsitzung vom 1. d. M. nahm folgenden Verlauf: Sekretär Dr. Adler referierte über den Beschluß des Vertreterkollegiums auf Einsetzung einer Palästinakommission, welcher die den Vorstand derzeit beschäftigenden Palästinaagenden zuzuweisen wären, und zwar: Die Lämmel-Scliule, eine Wertheimersche Stiftung für Palästina, die Frage der Chaluka und die vom Kultusvorstand gestifteten fünf Plätze für das hebräische Gymnasium in Jaffa. Sache des Vorstandes wäre es gewesen, diesen Beschluß zu bestätigen oder abzulehnen. Statt dessen ging Dr. K a t z e r daran, die Frage vom prinzipiellen Gesichtspunkte aus zu untersuchen und lehnte sie ab. Ihm schloß sich Salo Cohn und Wilhelm K u f f n e r an, welchen wieder Dr. Markus S p i tt z e r opponierte, indem er sich besonders auf die Pietät Dr. J e Iine ks für Palästina berief. Die Diskussion führte zur Beschlußfassung über die prinzipielle Frage der Einsetzung einer Palästinakomniission. Zwei Abstimmungen durch Handauf lieben ergaben kein bestimmtes Resultat, erst im Wege der namentlichen Abstimmung wurde der Antrag prinzipiell angenommen. Sohin wurde über den Wirkungskreis der Kommission abgestimmt. Mit knapper Majorität wurde beschlossen, die Kommission in ihrem Wirkungskreise nicht zu beschränken. Dieser Beschuß ging also über den Vorschlag des Vertreterkollegiums hinaus, und das bildet eine Niederlage für denselben, insbesondere aber für den Präsidenten, dem offenbar die Zügel immer mehr zu entgleiten scheinen. Die Herren von der Bnei-Brith werden schon ungeduldig ... Wo bleibt der Sitzungsbericht? Bei dieser Gelegenheit wäre zu erwähnen, daß über diese Sitzung entgegen aller bisherigen Geprlogenheit seitens des Sekretariats der Kultusgemeinde keine Coinmuniques an die jüdischen Blätter verschickt wurden. Soll das deswegen geschehen sein, um die Niederlage des Präsidenten vor der Oeffentlichkeit zu vertuschen? Das ist ja vergeblich, seitdem zwei Zionisten im Kultusvorstande sitzen und alle Vorgänge in den vertraulichen Sitzungen ihrem Blatte mitteilen. Wir möchten also das Sekretariat dringend ersuchen, da es nicht vom Präsidenten, sondern von den Steuergeldern der Gemeindemitglieder bezahlt wird, die Communiques über die vertraulichen Sitzungen nach wie vor an die Blätter zu verschicken, ohne Rücksicht darauf, ob der Verlauf dieser Sitzungen für das Präsidium angenehm ist oder nicht. Die jüdische Oeffentlichkeit hat ein Recht, zu wissen, was die Machthaber in der Seitenstettengasse hinter verschlossenen Türen beraten und beschließen. Wir müßten sonst die Herren vom Sekretariat für diese Pflichtverletzung persönlich verantwortmachen.