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Neue Nationalzeitung · 1914-01-23 · Heft 2 (23.1.1914) · p. Seite 15

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVI (1914)
Issue
Heft 2 (23.1.1914)
Date
1914-01-23
Page
Seite 15 (sequence 7)
Language
German
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ftr. 2 „Neue National-Zeitung" Seite 15 reUILLETON. Herr von Hohenstamm. Ueb?f den Entwicklungsgang der modernen Philantropie , : in Oesterreich. „Von Moriz Schrei b er Es war einmal ein Männlein, das war klein geraten, und es kränkte sich darüber gar sehr. Es wollte um jeden Preis groß werden, und es sagte 'sieh: „Wenn ich einmal' zu Geld komme, so lasse ich mir Schuhe mit hohen Absätzen machen und setze mir einen hohen Zylinder auf den Kopf, dann w'ird's schon gehen." Verzweifeln wollte er nicht. Wären ja übrigens Ansätze zum Großwerden vorhanden. Der Oberleib war stark entwickelt. Freilich, die Beine waren klein und von der Last, die sie zw tragen hatten, zur Verkümmerung verurteilt, so daß unser Männlein, ähnlich wie Falstaff, nie sein Knie sah. Wie klein aber auch unser Held war, ein unbändiger Wille lebte in ihm, und der sollte ihm zur Größe verhelfen. „Wenn ich nur erst zu Geld komme," sagte er sich immer wieder vor, „dann soll es bald in die Höhe gehen!" Fünfzehnjährig völlig verwaist, begann er mit den wehigen von seinen Eltern ererbten Groschen einen kleinen Hausierhandel mit Taschentüchern und Fußsocken. Das Mitleid, das sein Wesen erregte, melir noch seine ungemeine Rührigkeit brachten ihn bald auf einen grünen Zweig. Nach kaum zwei Jahren rastloser Tätigkeit sah er sich im Besitze eines Kramladens, der über und über mit bar bezahlter Ware erfüllt war. Wie die größeren Handelsleute, begann er nun die Märkte zu befahren. Man sah ihn die Nächte hindurch neben dem gemieteten Leiterwagen, auf:welchem seine Ware aufgeladen war, einherschreiten, und früher als alle anderen Kaufleute erschien er auf dem Jahrmarkt, und früher als alle anderen hatte er seine Ware in der Marktbude ausgestellt, so daß er schon am frühen Morgen, bevor seine Konkurrenten noch am Platze erschienen, von einer kauflustigen Menge umschwärmt war. Am Abend aber brach er als einer der Letzten und einer der Frühesten seine Bude ab, da er die Tageslosung überzählte. Man sah ihn immer mehr wachsen, es zu einer behaglichen Wohlhabenheit bringen, und darüber vergaß man den Däumling. Insbesondere, wenn man ihn an Sonn- und Feiertagen, in prächtigem Rocke, auf stolzen Schuhen, den tadellosen Zylinder auf dem Kopf, gemessenen Schrittes einhergehen sah, schwächte der, Gedanke, wie rasch dieses .Männlein durch beispiellosen Fleiß, durch Findigkeit und Sparsamkeit emporgekommen, das Lächerliche sei-;'Her Figur beträchtlich ab. Weit und breit sprach man von seiner großen Tüchtigkeit, und die Eltern stellten ihn ihren Kindern als Muster erfolgreichen Idingens vor Augen.;, Der Ruf seiner ungewöhnlichen geschäftsmännischen Begabung drang endlich hinauf an die Ohren des Nabobs jener Gegend, des mächtigen Besitzers von Länderein und Bergwerken. Er beobachtete geraume Zeit das Tun und Lassen des Däumlings, dann sagte er: „Wenn ich einen so .überaus betriebsamen und zielbewußten Mensehen ■in. meine Dienste nehme,.so kann.mir daraus großer Gewinn.; entstehen. Es liegt mir noch viel.... Qrund brach in meinen Bezirken,, und .nur .ein Ries.enfjeiß und ein auf das Kleinste und Kleinlichste, gerichteter Sinn, wie dieser Däumling ihn besitzt, vermöchten die in meinem- Boden noch unbehoben ruhenden •Schätze ans Tageslicht zu fördern. Ich wiil's mit ihm-versuchen. . Gernegroß kam'letzt an den richtigen Platz, und rasch begann sein Aufstieg zu der so leidenschaftlich angestrebten Größe. Seine Begabung lag, wie gesagt, auf dem eng begrenzten GeMete des Kleinen und Kleinlichsten, und er blieb sein Leben lang, selbst als er später in Millionen wühlte, der Hausierer; freilich der findige Hausierer. Zu dieser Begabung gesellte sich ein eiserner Fleiß und .ein ausschließlich auf das Nächstliegende gerichteter Spürsinn. Er war kein origineller Kopf, kein Pfadfinder, aber er verstand es< Fremdes sich rasch anzueignen und Gefundenes auf das Gründlichste auszunützen. Von einer Großzügigkeit war bei ihm keine Spur zu entdecken; er verspürte vielmehr eine Scheu vor einer solchen, und diese Scheu erfüllte ihn sein ganzes Leben hindurch. Dieser' Sinn fürs Kleine förderte'ihn ungemein in seiner: neuen Stellung. Sie wehrte von ihm den Neid der höheren Beamten des Nabobs ab, der Geschäftsleiter, Direktoren und Verwalter, da sie in ihm keinen Mitstreber befürchteten und ihn lediglich als einen an die Scholle gebundenen, niemals in ihre Sphäre emporstrebenden Handlanger sahen. Sie gestatteten ihm also, £anz ungehindert - in seinem Bezirke zu schalten und zu walten, hie und da! läthelifd über die unsagbare Mühe, die er auf ein nach ihrer Meinung ganz unfruchtbares Gebiet verwandte] Denn das ganze Beginnen hielten sie für eine der-rVielen Schrullen ihres Brotgebers und ließen den „agronomischen Lumpensammler", wie sie Gernegroß nannten, völlig ungeschoren. Und so schaltete er souverän auf seiner - Scholle,;die er in wenigen Jahren in ein blühendes Eiland umwandelte, so daß die Vorbeikommenden, die früher hier Wüstenland sahen, ganz erstaunt über die Veränderung waren. Alle Welt und in erster Linie der >Nabob selbst, war voll des Lobes und Rühmens; voll Anerkennung und Bewunderung für die Arbeit, die Gernegroß hier geleistet hatte; aber derjenigen, die in Wahrheit sie "vollbracht: der armen Bauern und Taglöhn er, gedachte man nicht. Und sie hatten unter den schwiewirgsten Verhältnissen hier den Boden zu bearbeiten: bekamen mehr Arbeit und weniger Lohn als früher. Denn er war kein angenehmer, wohlwollen- 1 der Herr, der wackere Gernegroß. Mit kaltem Blute sah er die Arbeiter oft unter ihrem schweren Fröhndienst zusammenbrechen und war taub gegen alle ihre Bitten um Herabminderung der Arbeitszeit oder wenigstens um Lohnerhöhung. Klage aber gegen ihren Aussauger zu führen, getrauten sie sich nicht. Denn Gernegroß arbeitete selbst womöglich noch angestrengter als sie, nur daß er sich dabei über die ' Massen bereicherte, während sie ah dem Hungertuch nagten. ■ Das Glück heftete sich ah seine Sohlen und ließ

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