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Neue Nationalzeitung · 1914-01-23 · Heft 2 (23.1.1914) · p. Seite 12

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVI (1914)
Issue
Heft 2 (23.1.1914)
Date
1914-01-23
Page
Seite 12 (sequence 4)
Language
German
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Seite 12 »NjRe_^ationalj^eitung^ Mr. 2 " Öfe1 Verwerfung der Thora und der Aufefstehungsleh^e aber schlägt nicht nur dem pharisäischen Judentum, sondern mehr noch dem Chris t e n t u m stracks ins Gesicht. Das Urchristentum, selbst jenes der Apostelgeschichte noch, ist gesetzestreu. Die Auferstehungslehre ist das Kardinaldogma des .Christentums, mit welchem es steht und fällt. Was in aller Welt, so fragte ich mich, bleibt denn noch Christliches an den Minim?! Etwa ihre. Bemühungen, zwei Gottheiten (Sch'te Reschujotb) einzuführen? Aber davon wollte doch das J u d e n- 0 Ii r i s t e n t u m nichts hören und wurde deshalb, als der Logos der Großkirche, zur Anerkennung zu gelangen anfing, von dieser verketzert und ins Judentum zurückgeschleudert: „weil es eben eine niedrige Vorstellung vom Christ hatte, den es für einen Mensehen, wenn auch für einen vollkommenen, hielt und weil es noch nach dem jüdischen Gesetz lebte". Worin also bestünde eigentlich das Christentum der Minim? An dieser Klippe mußte die Graetzsche Minimtheorie zerscheitern, und auch seine Schule, der Herford heißhungrig sich anschloß und ihr seine blendende Methode zur Verfügung stellte, vermochte über dieselbe nicht heil hinwegzukommen. Gleichwohl glaubte Herford, vermittelst eines naiven Kunstgriffs, dem man es, selbst wenn er es nicht wiederholt selbst verriete, sofort anmerkte, woher der Wind blase, diese Klippe umschifft zu haben: Es sei, meint er, ja gar nicht ausgemacht, — und dies behauptet er im Angesicht der zahlreichen, ganz eindeutig lautenden und das Gegenteil bezeugenden talmudischen Quellen — daß die Minim die leibliche Auferstehung leugneten, nur das bestritten sie, daß sie aus der Schrift bewiesen werden könne,*) da sie ja als Christen dieses Dogma auf die Auferstehung Christi gründeten, welche als überflüssig erschiene, wenn di.e.Lehre von der Auferstehung schon im Alten Testament enthalten wäre. Nichts natürlicher: Die Minim waren nach Herford ganz zweifellos Christen, die vom pharisäischen Judentum dreimal täglich in den Synagogen verflucht wurden. Die Lehre von der leiblichen Auferstehung mußte also ihr Kardinaldogma sein. Aber aus dem Alten Testament durfte sie nicht hergeleitet werden können. Dagegen allein sträubten sie sich!--Daß aber ihr Lehrer und Meister, Jesus, dieses Sträuben nicht teilte, sondern sich vielmehr, gleich den pharisäischen Schriftgelehrten, abmühte, die Auferstehungslehre aus dem Alten Testament zu beweisen (vgl. Mk. 22, 23—33 und Parall.), das geniert Herford und seine Talmudlehrer nicht im mindesten. Ebenso steht es für Herford fest, daß die Minim die/Fhora nicht geleugnet haben. Und das getraut er sich gegenüber den klar lautenden entgegengesetzten Angaben des Talmud zu behaupten, von den Minim, die in ihren Disputationen mit den pharisäischen Schriftgelehrten von der Thora selten anders sprechen als „es steht geschrieben in eurer Thora", die also diese Thora nicht anerkannten! , *) Vgl Herford, Christianity in Talm. and Midr., S. 123: It is not stated, that they denied the Thora, but that they lied concerning it, a charge which might cover a variety of offenccR. — Similarly, vvho liave lied concerning the resurrection of the dead, does not necessarly impley that ressurrection itself was denied, but that some falsehood was taught concerning it; probably it could not be prove'd from theThora. Vgl. damit Herford daselbst S. 232. Wie es nun Herford fertig bringt, diese ebenso neue wie frappierende Offenbarung des weiteren aus dem Talmud herauszupressen und herauszuquetschen, ist interessant genug und es verlohnt sich der Mühe, es in den Minimkapitel meiner „Religiösen Bewegungen im Zeitalter Jesu" nachzulesen. Herford hat also vor zehn Jahren ein verkehrt gedeutetes Masseiimaterial aus Talmud -und Midrasch zu dem ausgesprochenen Zwecke zusammengescharrt, um einmal aus. zeitgenössischen Quellen „von ungestümer Gegnerschaft4' (violent hostility) Beweise für die historische Existenz Jesu aufzubringen; und zum anderen, um einiges Licht „auf die feindselige Haltung des durch die Rabbiner vertretenen p h a r i s ä i s c h e n Jude nturns Jesu gegenüber werfen zu können" und zu. zeigen, mit welch ingrimmiger Feindschaft sie ihn auf seinem Lebenswege verfolgten.*) Man wird wohl nicht behaupten wollen, daß er mit der Zusammenstellung dieser angeblich gegen Jesus und das Christentum gerichteten talmudischen Quellen dem pharisäischen Judentum Schmeicheleien sagen wollte; daß er nunmehr dieselben pharisäischen volksführenden Schriftgelehrten, die er heute als ideale, ethisch vollkommene Vorbilder hinstellt, da er zur richtigen Erkenntnis gelangt, daß ihnen seitens der Evangelien wie des Apostel Paulus ein himmelschreiendes Unrecht geschehen sei, auch in seinem Buche: „Christianity in Talmud and Midrasch" im Geiste seiner dermaligen Ueberzeugung würdigen wollte. Man kann sich sonach lebhaft meine Genugtuung vorstellen, ihn nach zehn Jahren als überschwenglich begeisterten Lobredner des pharisäischen Judentums begrüßen zu können. Mein erster Eindruck war der, daß er durch intensivere Beschäftigung mit der talmudischen Literatur eines andern belehrt und bekehrt wurde, daß er, der jetzt Jesu Unverständnis für den Pharisäismus vorhält und dem Paulus es nicht vergessen kann, daß er über Macht seinem Leben in den Idealen des Pharisäismus so gründlich entfremdet werden konnte, tiefere Einsichten in diese Religionsformen gewonnen und zu Jubelhymnen auf denselben begeistert wurde. Denn beides reimt sich schlechterdings nicht zusammen: man kann nicht Pharisäergegner sein und zugleich Pharisäerschwärmer. Man kann nicht auf der einen Seite dem „durch die Rabbis vertretenen Judentum" häßliche Anfeindungen gegen Jesus und das Christentum andichten und auf der andern dasselbe pharisäische Judentum in den Himmel erheben. Nicht anders: sowie Saulus „über Nacht" ein Paulus geworden, so ist Herford durch plötzliche Erleuchtung aus einem Paulus ein Saulus geworden. Solche Bekehrungen gehören nicht zu den Seltenheiten und nicht zu den Wundern. Das war, wie gesagt, mein erster Eindruck. Bald jedoch kamen mir Bedenken. Eine so gründliche Bekehrung, sagte ich mir, wie sie in Herford sich vollzog, verlangt doch wohl das Eingeständnis, daß man früher geirrt, das Bekenntnis, daß der „das Judentum repräsentierende Rabbinismus", der den Gipfel ethischer Höhe erklommen, un- *) It docs throw sniric light lipon the attitnde of Judaism, asrepresentedby the Rabbis, toward Jesus. It shows how the violent hostility directed against him during Jiis life left only tlic vague niemory of a deoeiver and an apostate.

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