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Neue Nationalzeitung · 1914-01-09 · Heft 1 (9.1.1914) · p. Seite 2

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVI (1914)
Issue
Heft 1 (9.1.1914)
Date
1914-01-09
Page
Seite 2 (sequence 4)
Language
German
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Die jüdische Wissenschaft wurde speziell in den Spalten unseres Blattes aufs Sorgfältigste gepflegt. Wir verweisen hiebei besonders auf den Kampf, den wir, unterstützt von tüchtigen Fachmännern, gegen das Kuratorium der Dr. Rappaportschen Stiftung und die Machinationen desselben bei der letzten Preisausschreibung geführt haben. Wir dürfen wohl behaupten, daß sämtliche unparteiische Gelehrte auf unserer Seite gestanden sind. Dieser Pflege der jüdischen Wissenschaft werden wir auch im laufenden Jahre ein besonderes Interesse entgegenbringen. In der vorliegenden Nummer beginnen wir bereits mit der Veröffentlichung einer größeren Artikelserie, in welcher einer der hervorragendsten lebenden jüdischen Gelehrten, Herr Dr. Moritz Friedländer, das Buch Trefords über das pharisäische Judentum eingehend behandelt, ein Buch, welches merkwürdigerweise in gewissen leitenden Kreisen der Wiener Judenschaft propagiert wird. Demnächst beginnen wir auch aus der Feder eines sehr hervorragenden jüdischen Schriftstellers mit der Veröffentlichung von Reminiszenzen aus dem jüdischen Gemeindeleben in Wien in den letzten fünfziger Jahren, die sich um bestimmte Persönlichkeiten als ehemalige Führer des jüdischen Geisteslebens in Wien gruppieren werden. Es ist selbstverständlich, daß wir in unserem Sprechsaale auch entgegengesetzte Ansichten zu Worte kommen lassen werden, wie überhaupt die Rubrik für jedermann, der in der Oeffentlichkeit etwas vorzubringen hat, eine freie Tribüne bilden soll. Unsere Emigrationsbeilage, die außer unserem Blatte gar kein jüdisches Blatt aufzuweisen hat, wird diesem so aktuellen, wenn auch leider traurigsten Kapitel in der Bewegung unseres Volkes, wie bisher, die weitgehendste Aufmerksamkeit zuwenden. Nicht genug daran, werden wir uns bemühen, die jüdische öffentliche Meinung darüber aufzuklären, welche gewaltige Bedeutung für unser 10 Millionenvolk und insbesondere für unsere gehetzten und verfolgten 6 Millionen Brüder in Rußland die 'Emigrationsbewegung hat. Schon erhebt eine neue Anti-Emigrationsbill im nordamerikanischen Repräsentantenhaus drohend ihr Haupt und will neuerlich die gastfreien Tore des freien Amerika den Analphabeten sperren. Zahlreiche Völker werden durch diese Maßregel bedroht, am allermeisten aber die Juden, weil sie ihre Geburtsländer nicht freiwillig verlassen und ohne ihre eigene Schuld, nur infolge der kulturellen Rückständigkeit ihres Geburtslandes selbst auf einer kulturell niedrigeren Stufe stehen. Die brennende Frage, die der am Kopfe unserer Emigrationsbeilage abgebildete müde Wanderer symbolisch repräsentiert, die düstere Frage, „Wohin?" drängt sich jedem Juden auf. Und ihrer Behandlung soll eben unsere Emigrationsbeilage gewidmet sein. Wir wollen uns bemühen, unseren Abonnenten und unseren Lesern stets das Neueste, das Interessanteste und das Wissenswerteste zu berichten. Dagegen haben wir nur eine Bitte: Unterstützen Sie, verbreiten Sie unser Blatt, welches auch das Ihrige ist. Die Redaktion. R. Travers Herford. Der neueste Apologet des pharisäischen Judentums. Von Dr. M. Friedländer. Ob ich von dem neuesten begeisterten Lob-, redner des Pharisäismus und der Pharisäer gehört? Ob ich dien Mann undi sein Dichten kenne, und was ich von 'seiner, von rabbiniischer Seite gerühmten Talmudgeilehrsamikeit halte? Ja wohl, ich kenne ihn, denn ich hatte vor acht Jahren einen Strauß mit ihm zu 'bestehen. — Und wie ich seine taknudischen Kenntnisse einschätze, werden Sie am besten aus -dem Miniim-Kapitel meiner 1905 erschienenen „Religiösen Bewegungen" ersehen. Herford zog vor zehn Jahren aus, um zu verwünscheni und) 'kehrte nach zehn Jahren segnend zurück. — Sein jüngstes Buch über die Pharisäer*), welches -ein Rabbiner aus dem Englischen ins Deutsche übertragen ließ und mit einer Einleitung versehen, herausgab, hatte ich schon im Mai d. J. gelesen und in mich hineinlächelnd, beiseite gelegt. Daß es in eingeweihten Kreisen Eindruck machen werde, ahnte ich damals nicht. Und nun erfahre ich, daß ein Mann, der 'die Phiilosophie zu seinem Lebensbenuf geiniacht hat, -alswerbender Apostel für 'diese Schrift aufgetreten. „Verzeihe ihnen, Herr, denn sie wissen nicht--." Um aber meinen Zusammenstoß mit Herford — und dieses wird ja Ihre Fragen beantworten — zu. skizzieren!, sehe ich mich leider gedrängt, mehr als mir lieb und als es meine Gewohnheit ist, von mir, will sagen, von meinen einschlägigen Untersuchiumgen zu sprechen, die damals eine EntscheiidUnig geradezu herausforderten. Im Jaihre 1898 veröffentlichte ich eine Schrift: „Der vorchristliche jüdische Onöstizisnmis." Schon der Titel war eine Herausforderung; denn von einem Gnostizismus v o r christlicher Zeit war bis dahin kaulm die Redie. Ich wies nun nach, daß die Min im des Talmud jüdische Häretiker schon vorchristlicher Zeit waren, allso 'keineswegs Jude nchristen, wie man bisher allgemein, sowohl jüdischerals christlicherseits lehrte. Aus dieser Erkenntnis ergab sich von selbst, daß die „Schriftgelehrten und1 Pharisäer" Jesus weder verfolgt, noeh überhaupt (gekannt halben; daß die Pharisäer zur Zeit der Entstehung des Christentums in ihrem Sohiemone-Esregebet keineswegs die Judenchristen sondern jüdisch-antinomis t ische Ketzer, welche die leibiliiche Auferstehung 'leugneten und die Thona verwarfen, verwünscht haben, daß 'das Judentum! bis in das zweite christliche Jahrhundert hinein überhaupt noch keiwe Kenntnis von einem Christentum: hatte, es foigeriöhtig auich nicht intg.rimimi'ng angefeindet haben konnte. Es standen also, wie mian sieht, Dinge von großer geschichtlicher Tragweite zur Entscheidung. Und ich hatte einen glücklichen Wurf getan. Die hervorragendsten christlichen Theologen — von den jüdischen, die es am meisten anging, kann ich das leider nicht sag'en — stimmten mir, wenn auch hie und 'da zögernd!, bei1, und wir waren auf dem besten Wege, die 'gehässigsten, 'immer wieder gegen *) „Das pharisäische Judentum". Autor. Uebersetzung aus dem Englischen von Rosalie P e r 1 e s. Mit einer Einleitung von Felix P e r 1 e s. Verlag von Gustav Engel in Leipzig. S. 275.

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