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Neue Nationalzeitung · 1913-12-26 · Heft 26 (26.12.1913) · p. Seite 207

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XV (1913)
Issue
Heft 26 (26.12.1913)
Date
1913-12-26
Page
Seite 207 (sequence 7)
Language
German
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hr. 26 .Neue National-Zeitung* Seite 207 PEUILLCTON. Chanuka-Betrachtungen. Von Professor Dr. Max Grünfeld. „Gedenkt der Taten unserer Väter, #e sie vollbracht in ihren Geschlechtern, so werdet ihr großen Ruhm und ewigen Namen erlangen." I. Makkabäer, II. 51. Jedesmal, wenn die Chanuka-Tage herannahen und ioh den wohlgeputzten silbernen Chanuka- Leuchter vor mir erglänzen sehe im strahlenden Lichte, dann steigt ein Bild aus der Jugendzeit, die, aoh' so ferne, in der ewig stillen Vergangenheit ruht, vor meinem Auge auf, ein Bild, das mir das stille, bescheidene Elternhaus im ehemaligen Ghetto emporzaubert. 'Finster drückt die schnell nereingebrochene Nacht draußen, fast nur erleuchtet durch den glänzenden Schnee, der auf der Gasse und über den Dächern lagert. Da kommt der Vater, gesegnet sei sein Angedenken. Er stampft den Schnee von den Sohlen, um di'e reingescheuerte Diele nicht zu verunreinigen. Dann füllt er die Nußschalen mit Gel, steckt einen Docht hinein, zündet ihn an und spricht mit leuchtendem Auge den Segen über dieses bescheidene Lichtlein, preist den Herrn, der Wunder getan an unseren Vätern 'in jenen Tagen, um diese Zeit ... Dann steigt sie auf, die alte Makkäbäer-AVeäse. Zuerst leise, dann immer mächtiger, immer 'kraftvoller . . . Klingt diese Weise nicht wie ein Sieges- Sang? Das Lied hat ein wahrer Dichter 'gesungen. Die ganze Vergangenheit, die ruhmreiche, seines, unseres Volkes zieht in starken Worten an uns vorüber, und Hoffnung auf die Zukunft, die ahnungsreiche, erhebt und kräftigt uns. Und wir 'Kinder singen alle mit. Harmonisch ertönt der Chor, So feierten wir Chanuka hn Elternhause. Und diese stille, bescheidene Feier genügte uns, wie das einfache Abendbrod, das die liebe Hand der 'gütigen Mutter uns dann darreichte. Das Chanuka-Lichtlein erlosch inzwischen. Wir wußten, es werde, in verdoppelter Stärke, am nächsten Abend wieder aufleuchten .... Nahezu ein halbes Jahrhundert ist seit jenen Tagen vergangen. Die Zeiten ändern sich, wir mit ihnen und das Judentum auch. Wer wird es leugnen wollen, daß in dieser, eigentlich 'kurzen Spanne Zeit das Judentum viel von seiner religiösen Weihe eingebüßt hat. Dagegen wird sich niemand, der mit aufmerksamen Geiste die Verhältnisse beobachtet, dem Gedanken verschließen können, daß es n a t i on al erstarke. Das Ghanuka-^Fest, einst in der stillen Ruhe gefeiert, ist zu einer M akkabä er¬ Feier geworden. Auch wir preisen unsere nationalen Helden, gedenken ihrer in schwungvollen Reden und die alte Mäkkabäer^Weise ertönt wieder. Nur, daß die alte Schlichtheit dabei verloren ging. Was sich im alten, trauten Familienheim, diesem eigentlichen Heiligtum der Ahnen abspielte, jetzt wird es in den Glänz elektrischer Lichter gerückt. Das Gespenst „Assimilation", das wir, mit Recht, ferne von uns halten möchten, will uns nicht ganz aus dem: Sinn, wenn wir sehen und hören, wie unter aufdringlichem Lichterglanze, der uns an alles andere mahnt, nur nicht an die bescheidenen Chanuka- Lichtlein, bei rauschender Musik und lustigem Tanze, Juda gefeiert wird, der Held der Mäkkabäer- Zeit. Man wird mir erwidern: Auch die Eisenbahnen und Telephone kannten unsere Vorfahren nicht und wir bedienen uns jetzt ihrer. Ich denke aber doch, dieser Vergleich sei nicht ganz zutreffend. Das Makkabäerfest ist sicherlich, wie jedes unserer Feste, ein nationales. Was aber unsere Nation von allen anderen unterschied, ist ihr Bestreben gewesen, in der Familie die Wurzel der Nation zu suchen und zu finden .... So verzeihe man es denn, daß ich mehr für eine stiBe, innige Feier der Chanuka-Tage bin, als für rauschende Festlichkeiten. Und ich nehme das Makkabäerbuch zur Hand, das wir Juden nicht in in unsere Bibel aufnahmen und lese darin, was Mattathias zu seinen Heldensöhnen sprach, ehe er starb. Da stehen folgende Worte geschrieben im II. Kapitel des von uns als „Apokryph" erklärten Buches: „Jetzt herrscht Frevel und Züchtigung und ist eine Zeit der Verwüstung und des grimmigen Zorns. Furchtbare Worte, der Zeit entsprechend. — 2078 Jahre sind verflossen, seit jenem Tage, Mattathias also gesprochen. Haben sich die Zeiten für uns geändert? „Frevel", wir denken wohl, daran hat es uns gegenüber nicht gefehlt, und erhebt er das immer nachwachsende Hydrahaupt nicht noch gegen uns? eine Zeit der Verwüstung und des grimmigen Zorns." wahrlich wir haben ihre Skorpionstiohe an unserem Leibe verspürt und können uns auch heute noch nicht von ihnen erholen. Mit wenigen Worten gibt uns Matthatias ein Bild der schrecklichen, grauenvollen Zeit, in der er und seine Söhne und Brüder lebten. Wir sprechen vom finsteren Altertume und dunklen Mittelalter. Aber, das Licht, das im Finstern leuchtet, es ist uns noch immer nicht aufgestrahlt, kein Licht erhellt unsere Finsternis. Grimmer Zorn herrscht gegen uns und verleidet uns das bischen Freiheit, mit dem die mächtigen der Erde uns abspeisen zu können meinten. Wie lehrreich ist es doch, in unseren alten Geschichtsbüchern zu lesen, wie steigt sie auf vor uns die dunkle Vergangenheit und lehrt uns, daß die Zeit der Züchtigung noch immer nicht für uns vergangen ist. Da bekommen erst die Worte der alten Charaukaweise ihren rechten Sinn: „Schirm und Schute in Sturm und Graus, Dir erschall' ein Jubellied; Schütz', o Herr, Dein heilig Haus, Drin Dir Lob und' Preis erblüht. Doch wenn einst verstummt der Feind, Dem Dean Volk ein Spott erscheint, Dann erschall' allüberall Liebessang, der uns vereint." Wie weit sind wir von der Hoffnung auf Erfüllung dieses Sanges Mardechais, des mittelalterlichen Dichters, noch entfernt! Doch lesen wir weiter im Makkabäerbuche, die Worte des sterbenden Vaters. „Und nun »Kinder, eifert für das Gesetz und gebet euer Leben hin für den Bund unserer Väter." Eine strenge Mahnung an unser Geschlecht. Die Zeit, die Märtyrer erzeugte und in der aus dem Blute der Olauberoshelden neues

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