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Neue Nationalzeitung · 1913-12-26 · Heft 26 (26.12.1913) · p. Seite 204

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XV (1913)
Issue
Heft 26 (26.12.1913)
Date
1913-12-26
Page
Seite 204 (sequence 4)
Language
German
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beite 204 ,Neue National-Zeitung" Nr 26 Deutsche es auch sieht, wenn ein Jude sich in seine Angelegenheiten «inmischt (was auch recht und billig ist), so gerne ergreift er das Wort zur Judenfrage, leider aber mit einer lächerlichen Verständnislosigkeit. In Rußland liegen die Verhältnisse natürlich anders. Der Haß beider Völker hat hier eine zumindest „aufgezwungene" Grundlage. Die Juden sind durch die Gewaltherrschaft in ökonomische Verhältnisse gedrängt, die ihnen nur ein Parasitenleben gestatten. Unglücklich über diesen Zustand, besinnt sich der Jude auf seine frühere Schaffenskraft und da er nicht unproduktiv bleiben will, schafft er zumindest moralische Werte. Dadurch setztJer sich in Widerspruch zu seiner Umgebung und die Unfähigkeit der geistig unterdrückten Masse,, diese in seiner unmittelbaren Nähe geschaffene Moral innerlich zu verarbeiten, reizt ihren Neid, welcher sich nach und nach in Zorn verwandelt und so Pogromhelden schafft. Durch die Verfolgungen schlaff nach außen und innen, wird der Jude zum frofcigen Kind, das sich die Fähigkeit des Leidens assimiliert. Die Entwicklungslinie des Leides führt zum Heldentum und geben uns die russischen Juden jetzt Märtyrer, so werden sie in Zukunft auch Helden zu schaffen vermögen. Jüdische Kraft und jüdisches Volksbewußtsein liegen dort, wo der Schwerpunkt des Judentums ist, in Rußland. Der, im wahrem Sinne des Wortes freie Jude hat nur dort Entwicklungsmöglichkeif. Die Juden anderer Länder entsetzen sich zwar über die fürchterlichen Verfolgungen, unter denen ihre Brüder zu leiden haben, tun aber dennoch nichts anderes, als daß sie sich vom humanen Europa das Zeugnis ausstellen lassen, ihr Bruder sei unschuldig geschlagen worden. Diese Politik ist traurig, sie muß gebrandmarkl werden. Anstalt unsere Volkskralt zu heben, sinken wir dadurch tiefer. Die uns angedichteten Eigenschaften sind ja nur dazu geschaffen, um unsere Sentimentalität zu nähren, nicht aber unseren Volkskörper zu stärken. Deshalb fort mit ihnen! Diese krankhafte Moralisterei soll von unserer Seele abprallen, wie schädliche Teile von unserem Körper abgesondert werden. — Es ist für unseren Gesamtorganismus ungesund, wenn er Verfolgungen ausgesetzt ist, noch ungesunder für ihn ist jedoch die eigene Leisetreterei, das Verdecken einer blutenden Wunde mit dem Gutachten des humanen Europa. Haben wir Iefcteren Faktor aus unserem Leben ausgeschieden, dann werden wir auch dem ersten beizukommen wissen. SPRECH5/I/IL Geehrte Redaktion! In einem in Leipzig erscheinenden Blatte las ich unlängst folgenden Aufruf: „Hausfrauen! Sparet njicht Zeit und Mühe, sichtet eure Kästen, räumet euren Boden! Wieviel Unnützes an Kleidern und altem Hausrat werdet ihr da finden, das euch nur Arbeit macht und Platz nimmt — während' es bei so vielen Armen dringenden Bedürfnissen abhelfen würde! Selbst das älteste Bett, ein recht morscher Tisch, tun gute Dienste, wenn in der Stube einer vielköpfigen Familie keine anderen Einrichtungsgegenstände vorhanden sind. Und selbst der unmodernste Rock kann einem Mann wieder Erwerbsmöglichkeit verschaffen, und schlechtes Schuhwerk, repariert, noch manchem Kinde den Schulweg ermöglichen." — In Leipzig hatte der Aufruf guten Erfolg. Die Brockensammlung für jüdische Arme läßt es sSch angelegen sein, die Brocken, die von der Wohlhabenden Tisch fallen, zu sammeln, sie den Aermsten, die in dieser Zeit so viel entbehren müssen, zu übermitteln. Eine Karte genügt, und die Gegenstände werden abgeholt. Erwünscht sind Kleidungsstücke, Wäsche, Möbel usw. Gar viiele, die das Asyl für Obdachlose verlassen, ohne auch nur ein Bett zu haben, bitten um Hilfe. Und wie viel steht zwecklos als Bodenkram in den Häusern der Vermögenden herum, daß diesen namenlos Unglücklichen zugute kommen könnte! Deshalb die Bitte: Hausfrauen! Stellet, was in eurem Hause zwecklos herumsteht, der Brockensammlung für jüdische Arme zur Verfügung. Anmeldungen für abzuholende Gegenstände und eventuelle Beitrittserklärungen zum Verein bittet man an den Obmann des Vereines, Wien VII, Lerchenfelderstraße 71, zu senden. Ida Barber. KORRESPONDENZEN. Oesterreich-Ungarn. Die Reform des Kultus-Gemeindestatuts. Wien. Am 13. d. M. fand die von uns angezeigte öffentliche Sitzung des Kultusvorstandes statt. Der Vorsitzende eröffnet die Sitzung, konstatiert die Beschlußfähigkeit und widmet dem verewigten Rabbiner Dr. Adolf S c h m i e d I einen Nachruf, welchen die Versammlung stehend anhört. Ueber Antrag des Präsidenten wird die Trauerkundgebung dem Protokoll der Sitzung einverleibt. Dann wurde zur Tagesordnung geschritten: Anträge des Vertreterkollegiums auf Aenderung einzelner Punkte des Statutes zum Zwecke der Erhöhung des Steuer-Maximums und Neueinteilung der Steuerklassen. Wie wir bereits in der vorigen Nummer ausführlich dargestellt haben, wäre es Pflicht des Kultusvorstandes, anläßlich dieser Aenderung auch auf die Wünsche der Bevölkerung und die Versprechungen der Vorstandsmitglieder an die Wähler Rücksicht zu nehmen, und eine Herabsetzung des Steuer-Minimums von K 20 auf K 10 durchzuführen. Die zionistischen Vorsteher haben auch einen •dahingehenden Antrag gestellt, welchen Vorsteher Kauders dadurch überflügeln wollte, daß er nur das allgemeine Wahlrecht als demokratisch hinstellte. Herr Kauders als Vertreter des allgemeinen Wahlrechtes nimmt sich jedenfalls sehr komisch aus und er wurde auch von Niemandem seriös genommen. Vorsteher Dr. Engel stellte einen Zwischenantrag dahingehend, nach Ablauf eines Jahres, wenn die Steuererhöhungen der obersten Steuerstufen die Mehreinnahmen gesichert haben, dann die Mehrerträgnisse zur Herabsetzung des Steuerminimums zu verwenden. Nach einem ausführlichen Referate des Herrn Dr. Leopold Kohn, den Reden der Herren Dr. Qu-

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