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Neue Nationalzeitung · 1913-12-26 · Heft 26 (26.12.1913) · p. Seite 203

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XV (1913)
Issue
Heft 26 (26.12.1913)
Date
1913-12-26
Page
Seite 203 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 26 .Neue National-Zeitung^ Seite 203 Volkes, das da draußen, jenseits der Grenzpfähle, irgendwo, lebt. Dieses Volk hat für Organisation wie der Hilfsverein doch nur dann Interesse, wenn es von Pogroms, Feuerbrünsten; Krisen und* anderen elementaren Ereignissen heimgesucht wird. Die Zionisten, die seit einem Jahrzent den Einfluß der Alliance. zum Schaden des jüdischen Volkes, bekämpft haben, haben in derselben Zeit, mit allen Mitteln, die germanisierende Politik des Hilfsvereins im Orient unterstützt und gefördert. Von ihrem einseitigen Parteistandpunkt haben sie übersehen, daß die Alliance Israeli te Universelle trotz 'ihrer Gegnerschaft zum Zionismus doch die einzige nationaljüdisehe und politische Organisation ist, die während eines halben Jahrhunderts den Juden des Orients, Afrikas und der Balkanländer allein politische, materielle und geistige Hilfe gebracht hat. Die Zionisten wußten scheinbar nicht, oder haben absichtlich vergessen, wie oft französische Botschafter, Konsuln und andere offizielle Vertreter der französischen Regierung, im Interesse verfolgter und bedrängter Juden in Persien, Marokko, Algier, Tunis, eingeschritten sind, wie oft die Häuser der französischen Gesandtschaften und Konsulate als Obdach und Zufluchtsstätte den sich vom mordenden und verfolgenden Pöbel flüchtenden Juden gedient haben. Es ist gut, in Erinnerung zu bringen — und das nicht allein den Zionisten, sondern weiten Kreisen der Judenheit — daß die französische Regierung nicht allein auf diplomatischem Wege, sondern selbst mit Hilfe ihrer bewaffneten Macht den Juden Beistand leistete, ja sogar französische Kriegsschiffe (Casablanca) ausgesandt hat, um bedrängten Juden zu Hilfe zu kommen. Unsere Glaubensgenossen in jenen Ländern wären geradezu erbärmliche Kerle, wenn sie nicht das Gefühl der Dankbarkeit gegenüber Frankreich dadurch bekundeten, daß sie die Sprache des Landes mit Vorliebe erlernten, dessen Regierung und Vertreter ihnen so oft und hilfreich zur Seite gestanden haben, abgesehen davon, daß die französische Sprache zu ihrem materiellen Fortkommen notwendig war. Hat man jemals gehört, daß ein deutscher Botschafter oder Konsul m irgendeinem Lande auch nur einen Finger gerührt hatte, um verfolgten Juden, die nicht deutsche Staatsbürger sind, beizustehen? Die deutsche Regierung hat auch um die Förderung ihrer politischen Interessen im Orient, durch die Verbreitung der deutschen Sprache und Gründung deutscher Schulen seitens des Hiifsvereins, nicht nachgesucht oder gebeten; sie hat aber die ihr in fast aufdringlicher Weise angetragene, kostenlose Förderung ihrer Politik im Orient seitens des Hiifsvereiris. sich gerne gefallen lassen. Die Gegendienste, die sie dafür leistete, sind nicht sehr hoch einzuschätzen. Es ist wahr, die deutsche Regierung hat die Abgangszeugnisse des Jaffaer hebräischen Gymnasiums als ausreichend für die Aufnahme an deutschen Universitäten anerkannt; sie hat die Schulen des Hiifsvereins unter ihren Schutz genommen. Wenn es sich aber um ernste Interessen handelte, so müßte man jeder politischen Einsicht bar sein, um zu 'glauben, daß die deutschen Machthaber und Politiker jemals jüdische Interessen oder gar jüdisch-politische Aspirationen in Palästina, und in welchem Lande auch immer, unterstützen würden. Man darf ruhi? das Gegenteil behaupten. Die zionistischen Führer, die jetzt von Herzl und seinen Ideen soweit abgerückt sind, wissen es wohl nicht, daß das einzige Mal, da Herzl Chancen auf die Erreichung eines Charakters bei Abdul Hamid hatte, diese Chancen vom damaligen deutschen Botschafter. Freiherr Marschall von Bieberstein vereitelt wurden. So sehr nun die Zionisten die Behandlung, die ihnen jetzt vom Hilfsverein zu teil wird, vollkommen verdienen und selbst verschuldet haben, so muß man gerechterweise zugeben, daß sie in diesem Kampf um die hebräische Sprache im Heiligen Lande die volle Sympathie aller bewußten Juden für sich in Anspruch nehmen dürfen. Sie sollten sich aber aus diesen Ereignissen eine Lehre für die Zukunft mitnehmen und wenigstens zu der Einsicht gelangen, daß die jüdische Politik, die von ihnen in den letzten Jahren in ihrem Verhalten zu anderen jüdischen Organisationen befolgt worden ist. w ed er kI u g, nochpo 1 i t>is c h, n o c h j üd i s c h g ewe sen i s t. Was nun? (Epilog zum B e j 1 i s - P r o z e ß.) Bejlis hat nun Rußland verlassen. Damit hat die Tragödie eines Menschen endgültig und vorläufig auch der ruchlose Anschlag auf das Leben tausender Juden den Endpunkt erreicht. Während früher auch eine Person im Mittelpunkte des Interesses stand, verschwindet diese gegenüber der Frage: Was nun? Können wir Juden mil der Art, wie von verschiedenenSeitengegenüberdemProzeßStellunggenommen wurde, zufrieden sein?— Diese Frage muß verneint werden. Es ist feig, den Henkern mit Gutachten und Beweisen nahezurücken; es ist feig, in der Verteidigerrolle zu verharren, wenn Bestialität und Pogromhelden Ankläger sind. Ist unser Ausblick deshalb schöner zu nennen, können wir behaupten, die Anklage vernichtet zu haben? Das Gegenteil ist eher der Fall. Die Anklage ist aus der Geschichte der Judenverfolgungen zu erklären, sie kann als ein Stadium in der Entwicklung der Progromhelden-Psyche bezeichnet werden. Es ist uns weniger darum zu tun mit dieser Behauptung Rußland anzuklagen, wie den Juden zu zeigen, wohin sie der vorgezeichnete Weg führt und wie sie ihre Volkswürde solchen Anklagen gegenüber zu wahren haben. Der Jude wird in eine süßliche Weichheit eingekastelt, man umrahmt ihn mit einer tüchtigen Portion Pathos, gibt ihm meinetwegen die größte Anpassungsfähigkeit zu und hat man ihn genügend eingelullt, dann kann man erst recht losschlagen. Man braucht ja nicht zu fürchten, daß er sich zur Wehr setzt, denn der Jude hat ja die Moral geschaffen und muß folglich den Duckmäuser abgeben, wenn er seinen „größten" Ruhm nicht opfern will. Das humane Europa kann sich zu einer durchgreifenden Aenderung ihrer Auffassung der Judenfrage nicht aufraffen. Noch immer wird sie als eine lokale Angelegenheit betrachtet und für den Deutschen existiert die Judenfrage nur insoferne, als er die Einwanderung östlicher jüdischer Elemente verhindert sehen, den Einheimischen jedoch getauft, jedenfalls einen Leisetreter wissen will. — So ungern der

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