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Neue Nationalzeitung · 1913-12-26 · Heft 26 (26.12.1913) · p. Seite 202

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XV (1913)
Issue
Heft 26 (26.12.1913)
Date
1913-12-26
Page
Seite 202 (sequence 2)
Language
German
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Seite 202 „Neue National-Zeitung' Nr. 26 Nun scheint alber auch die Geduld1 Dr. Kolisdhers zu Ende zu sein. Wie er dieser Tage laut in den Parlamentskouloirs kundgegeben hat; ist e r e ntschlössen, aus dem P o 1 en k 1 üb auszutreten. Nicht genug daran. Dr. Kolischer will von Stadt zu Stadt ziehen, um das jüdische Gewissen aufzurütteln, offen und reumütig seine Sünden zu bekennen, den Bankerott der Assimilation und des Hausjudentums einzugestehen. Ist das möglich? Man traut fast nicht mehr seinen Ohren. Wir wollen abwarten, ob Dr. KoMscher, dem unter den Juden des Polenklubs materiell und geistig die erste Stelle gebührt, seinen Entschluß auch ausführen und wer von den übrigen jüdischen Mitgliedern sich ihm anschließen wird. Dieses Ereignis würde jedenfalls für die jüdische Bevölkerung — nicht nur Galiziens — von größter Tragweite sein. Es könnte vielleicht den Kernpunkt für die iKrystallierung einer jüdischen Parlaments-Organisation bilden und zu einer rationellen jüdischen Völksp o 1 i t i k auf den Ruinen des Assimilations-Bankerotts führen. Die Folgen lassen sich derzeit überhaupt noch nicht übersehen. Wie immer aber die Entscheidung Dr. Kolischers ausfallen mag. so lassen sich schon jetzt zwei wichtige Tatsachen in Bezug auf das galizische Panama feststellen: 1. Die Bezeichnung „Tarnopoler Moral", mit der man in gewissen Kreisen spezieil den jüdischen Kaufmannsstand Galiziens treffen wollte, hat sich nun überlebt; man wird künftighin von einer D1 u gos z- Moral sprechen. 2. Gerade die korruptesten und 'lichtscheuesten Elemente im Polenklub sind es, und zwar die Allpolen und die Drugosz-Partei, die entgegen der Tradition des Klubs mit brutaler Offenheit den Antisemitismus propagieren. Mit 'historischer Notwendigkeit muß es also zu einer Rallierung aller jüdischen Elemente in Galizien zum Zwecke der Selbsterhaltung kommen. L. Der Hilfsverein und die Zionisten in Galizien.*) (Ein Aufruhr unter den Juden Palästinas.) Der Konflikt, der zwischen dem Hilfsvereiai und den Zionisten wegen der Sprachenfrage in dem, mit Hilfe beider Körperschaften gegründetem Technikum in Haifa ausgebrochen ist, hat Formen angenommen, die zu einer Betrachtung geradezu herausfordern. Wir wollen hier weniger auf die Präge eingehen, welche von beiden Parteien in der Sprachenfrage recht hat. Interessant ist nur, zu beobachten, wie *) Wir haben in der vorigen Nummer an der Hand der uns vom „Hilfsverein der Deutschen Juden" in Berlin zugesandten Kommuniques dessen Standpunkt in der Frage des Technikums von Haifa dargelegt Diie Pflicht der Objektivität gebietet uns, auch unparteiischen Stimmen Raum zu geben. Wir veröffentlichten nunmehr den uns von einer sehr angesehenen, in die Verhältnisse sehr gut eingeweihten Persönlichkeit in Berlin zugesandten Artikel, in dem die jetzt so feindselig gewordenen Beziehungen der Zionisten zum Hälfsverein einer eingehenden historischen Betrachtung und Kritik unterzogen werden. War sind jedoch nicht mit allen Ausführungen des sehr geehrten Verfassers einverstanden. A n m. de f Re d a k t i o ri. Hilfsverein und Zionisten, die noch vor kurzem in innigster Freundschaft vereint waren, heute zu den erbittertsten Feiinden geworden sind. - Demjenigen, der hinter die Kulissen zu sehen Gelegenheit hatte, kann dieser Kampf keineswegs überraschen. Das ist die notwendige Folge ein und derselben Ursache. Die propagandistische Taktik und die Beeinflussung ' der öffentlichen Meinung sowohl seitens des Hilfsvereins wie der Zionisten, gleichen sich haargenau. Die Zionisten verdienen das Schicksal, von dem sie jetzt betroffen worden sind. Seit Gründung des HIfsvereins haben die Zionisten in geradezu abstoßender Weise sich um dessen Freundschaft und Sympathien beworben. Damals befanden sich 'die Zionisten in Opposition gegen die Alliance Israelite Universelle, weil diese in offener und ehrlicher Weise gegen den Zionismus Stellung genommen 'hatte und es begann, nun jene 'häßliche, die Interessen der gesamten Judenschaft schädigende, und niemals wieder gut zu machende öffentliche Hetzkampagne gegen die Alliance, an der den Zionisten der Hauptanteiil gebührt. Der 'Hilfsverein hatte noch kaum festen Fuß gefaßt und schon verkündeten die zionistische Presse und die zionistischen Agitatoren-in allen Versammlungen, daß der Hilfsverein die jüdische Organisation sei, die vom jüdisch-nationalen Standpunkt »ihre Tätigkeit entfaltet, die berufen wäre, die Alliance zu verdrängen, respektive zu ersetzen. Jede Unterstützung von hundert Mark, diie der Hilfsverein für irgendeinen Zweck bewilligte, haben die Zionisten als eine „große Hilfsaktion" in die Welt hinausposaunt, jeden mit einigen hundert Franks subventionierten Kindergarten als eine Kultur tat proklamiert; alle Schulen im Orient und auf dem Balkan, die eine kleine Subvention vom Hilfsverein erhielten, als „Gründungen" des Hilfsvereins öffentlich ausgeschrien. Herr Dr. Paul Nathan, der eigentliche Leiter des Hilfsvereins, hat sofort erkannt, daß für die Popularisierung des Hilfsvereins es kaum geeignetere Mittel gibt, als sich der Zionisten und ihrer Presse zu1 bedienen. Er sagte den Zionisten einige freundliche Worte, die zu nichts verpflichteten, während er den Mitgliedern des Zentral-Komitees des Hilfsvereins stets versicherte, daß niemals davon die Rede 'sein könne, daß der Hilfsverein zionistische Pläne irgendwie unterstützte. , Tatsächlich hat sich in den letzten Jahren ein gewisses freundschaftliches Verhältnis zwischen Hilfsverein und Zionisten herausgebildet, insbesondere, nachdem einige Z i o n is t e n i ü >h r e r auch gleichzeitig im Dienst des 'Hi 1 fs vereins gestanden h a b e n. Dafür haben auch die Zionisten Herrn Dr. Nathans unstreitige Verdienste maßlos übertrieben und ihn mit einem Nimbus umgeben, der ihm keineswegs zukommt. Jetzt schimpfen die Zionisten natürlich, wuterfüllt, über die Treulosigkeit ihres Geliebten. Diese Herren, die sich sonst als so glänzende 'Psychologen ausgegeben haben, übersehen, daß Herr Dr. Nathan nicht „der große Jude" ist, als den sie ihn gestempelt haben. Für die Führer des Hilfsvereins ist noch immer die Visitenkarte des deutschen Reichskanzlers und das freundliche Lächeln hoher Regierungsbeamter wertvoller, als die Sympathien des jüdischen

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