Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1913-12-26 · Heft 26 (26.12.1913) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XV (1913)
Issue
Heft 26 (26.12.1913)
Date
1913-12-26
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2425679-2425884-2425911--2813-2429321
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

nsus MCiONAL-Z&OjNG XV. Jahigang. Wien, 26. Dezember 1913. Nr. 26. Umwälzungen im Polenklub, (Austritt jüdischer Abgeordneter.) Im Polenklub stehen große Umwälzungen bevor. An Stelle des bisherigen Blocks der 'Krakauer Konservativen mit den 'Demokraten und' der Bauernpartei Stapin-ski's soll infolge des 'Korruptionsskandals Dlugosz-Stapinski und des Austrittes des 'Letzteren aus dem Polenklub eine neue Koalition treten: Ostgalizische Schlachzizen, Allpolen und Bauernpartei. Die Alipolen, die unter der Statthalterschaft Bobrzynskis zurückgedrängt und jedes Einflusses bar waren, reißen in dem entstandenen Chaos die Zügel an sich und drücken damit der neuen Koalition ihre Signatur auf — der antisemitische n Hetz e. Bereits während der Auseinandersetzungen in Rzeszow hat der k. k. Minister Dlugosz gegen Stapin-ski als Führer der Polnischen Voikspartei den Vorwurf erhoben, daß er von den Juden gekauft sei. Die Enthüllungen Breiters im Parlamente haben bewiesen, daß Dlugosz ein Industrie-Ritter 'bedenklichster Art ist, dem kein Mittel zur Erreichung seiner Ziele schlecht genug erscheint. Es steht nun zu erwarten, daß die Abgeordneten der Volkspartei, die zu Dlugosz übergegangen sind, um den ihnen noch immer gefährlichen Stapinski zu vernichten, an die antisemitischen Instinkte ihrer 'bäuerlichen 'Wählerschaft appellieren werden. Ihr Anschluß an die Allpolen, ihre bisher heftigsten Gegner, bestätigt diese Vermutung. So wird denn der Antisemitismus offiziell seinen Einzug in den Polenklub halten. Die Situation seiner sieben jüdischen Mitglieder wird dadurch noch schwerer und unerträglicher. Ihr Einfluß war bisher ein minimaler. Sie dürfen keine eigene Meinung vertreten und haben bloß mitzu'stimmen. Hie und da ist ihnen gestattet, spezielle Extratouren auf wirtschaftlichem Gebiete zu unternehmen, wie zum Beispiel dem Dr. Groß in der Wohnungsfrage und dem Dr. K o 1 i s c h e r in der Eisenbahnpolitik. Soferne einzelne Herren auf materielle Vorteile oder Auszeichnungen bedacht sind, wurden sie sogar in ihren Bestrebungen unterstützt. Nur eines dürfen sie nicht: Die Interessen i h r e r j ü d iscien Wähler vertreten und fördern oder sonst ihr Judentum zur Geltung bringen. Aber diese Unterlassung ihrer heiligsten Pflicht ist ihnen sehr leicht gefallen. Dem Demokraten Dr. Groß auf der äußersten Linken ebensowie dem Konservativen Dr. Steinhaus, dem Protege des Beizer Wunderrabbi auf der äußersten Rechten. Sie waren ja froh, daß sie persönlich nicht belästigt, daß sie geduldet wurden! Sie saßen also mäuschenstill und rührten sich nur, wenn man es ihnen gestattete oder im Interesse der Klubsolidarität befahl. Nun wird es anders. Man rückt ihnen an den Leib. In den nächsten Tagen soll im Polenkluib einte K o fisch-er-Debatte stattfinden. Die Allpolen wollen den Antrag stellen, über die ärarischen Lieferungen der Papierfabriken Dr. Kolischers eine Untersuchung einzuleiten. 'Das allpolnische Organ hat bereits vor Wochen die Feindseligkeiten gegen Dr. Kolischer eröffnet und von hier sind sie in die ^eichspost" übergegangen. Die Antisemiten beider Nationen möchten, nachdem der Korruptionsskandal Dlugosz-Stapinski auf eine streng christliche Gesellschaft beschränkt blieb, auch ein „jüdisches Panama" aus dem Boden stampfen. Das ist der Lohn für die treuen 'Dienste, die Dr. Kolischer und seinesgleichen dem Polenklub seit Jahrzehnten unter Verleugnung ihrer Manneswürde und ihres jüdischen Bewußtseins geleistet haben!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.