Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XV (1913)
- Issue
- Heft 25 (12.12.1913)
- Date
- 1913-12-12
- Page
- Seite 199 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 25 tNeue National-Zeitung* FEUILLETON. Seite 199 Wirtschaftliche Depression. Ein Gespräch. Personen: Der Vater, die Mutter, der Sohn, die Tochter, der Onkel. Schauplatz des Gespräches: Ein mit dem modernsten Komfort eingerichtetes Speisezimmer. Zeit: Nach dem behaglichen Abendessen. Die Mutter (Dame in den Vierzigern, läßt die moderne Schlankheit stark vermissen, elegant gekleidet): „Heute ist es wieder mit dir nicht zum Aushalten, Papa. Das ewige Gejammer über die schlechten Zeiten. Es geht uns doch nicht gar so schlecht. Du rauchst noch immer deine Regalitas, läßt dir nichts abgehen, schränkst dich durchaus in deinen Bedürfnissen nicht ein. Das wird schon langweilig, immer hören zu müssen: man braucht zu viel, und jeder Tag bringt Verluste. Endlich wird doch der Krieg auf diesem leidigen Balkan aufhören, und dann wird's wieder besser werden. Man muß den „Krisenzustand", wie du ihn nennst, übertauchen." Der Onkel (jovialer, alter Herr, rosige Wangen, Anflug von Glatze, Hornkneifer auf der Nase, gibt sich in seinem ganzen Habitus „biedermeierisch"): „Es wird besser werden, das hat auch ein seliger, österreichischer Finanzminister gesagt, der ein Kind war, ein unschuldiges, im Vergleiche zu dem jetzigen Finanzminister, in seinen Anforderungen an das Parlament. Der Optimismus, den jetzt die Leute predigen, kann mir gestohlen werden. Die Leute, sind groß geworden — im Schuldenmachen. Spaß, die neuen Militärforderungen, die Steuern, die Teuerung, und da unten wird noch immer keine Ruhe. Wie das enden wird, weiß der Herrgott. Wir befinden uns im Zustande einer Depression, das kann kein Mensch leugnen. Diese Eisenpreise, diese Börse! Es überläuft einen, wenn man das Kursblatt zur Hand nimmt! Das kann nicht gut ablaufen." Der Sohn (20jähriger Jurist, blaß, schmächtig, „Literaturkenner", blasiert, raucht eine Zigarette, aber eine feine): „Seit wann, Onkel, zitierst du, wenn du von der „wirtschaftlichen Depression" sprichst, „Schiller"? Hat er die Börsenbaisse, den Balkankrieg, die Konkurse und unser gegenwärtiges Elend vorausgeahnt?" (Er lacht.) Der Onkel: „Was weiß ich von deinem Schiller? Ueberhaupt nimm älteren Leuten gegenüber einen anderen, manierlicheren Ton an. Die Jugend hat jetzt gar keinen Respekt uns Alten gegenüber. D u gefällst mir, wenn du von dem „gegenwärtigen Elend" sprichst. Dir sieht man das Elend nicht an. Hast alles, was du brauchst. Der Vater wird's schon hergeben. Soll sich darüber den Kopf zerbrechen, der Haushalt muß im alten Gleise geführt werden. Das verlangt das „Prestige." Die Tochter (15jähriger Backfisch, schnippisch, Pensionatsbildung, spricht korrektes Gouvernantendeutsch) : „Prestige", auch ein Wort, das man letzt häufig in den Zeitungen liest." Der Onkel: „Auch kochen können ist nützlicher für ein Mädchen, als in den Zeitungen lesen. Sie gefällt mir gar nicht, die neue Zeit." DerSohn (lacht auf): „Der liebe Onkel hätte nun fast wieder zwar nicht Schiller, aber doch Goethe zitiert. Dem gefiel wieder nicht der neue Bürgermeister." Der Vater (Fünfziger, Glatze, will strenge sein, die Gutmütigkeit schlägt aber immer durch): „Nun aber hab' ich's genug mit eueren ewigen Sticheleien, Grünschnäbel ihr. Der Onkel hat recht. Wir leben in einer schweren Zeit. Verluste über Verluste, und das „Prestige" muß gewahrt werden. Lacht mir über das Wort nicht, der österreichische Staat hat auch darüber nichts zu lachen. Wenn ich zusammenzählen wollte, wie vielen Wohltätigkeitsvereinen ich angehöre, und wie groß mein Ausgabenbudget für diese ist, es käme eine stattliche Summe heraus. Wage man es aber, seine Beiträge einzuschränken, so wird es gleich heißen: „Geht's mit dem auch bergab?" Eine schwere Zeit." Der Onkel: „Auch mir reißt die Wohltätigkeit ein großes Loch in die Tasche. Aber, das ist ein Kapitel, das ich weniger berühren möchte. Wir sind Juden, und unsere Wohlfahrtseinrichtungen möchte ich die wirtschaftliche Depression nicht verspüren lassen. In alten Zeiten wurde mehr gebetet, heute wird mehr Wohltätigkeit geübt. Die Not ist groß bei unseren Brüdern, da muß geholfen werden. Aber etwas mehr einschränken könnte man sich. Wir geben viel zu viel Geld auf nichtige Dinge aus. Das könnte den Armen zugute kommen." Die Mutter: „Ich kann doch nicht in der vorjährigen Toilette im heurigen Wohltätigkeitskonzert zugunsten der armen, verlassenen Waisenkinder erscheinen. Ich bitte euch, seid nicht so rückständig und sauertöpfisch. Raucht weniger Zigarren und spielt weniger Karten. Die wirtschaftliche Depression soll die armen Frauen treffen. Immer die leidigen Toiletten. Und, geht eine weniger gut angezogen, schaut ihr sie über die Achsel an. Man kennt euch, ihr selbstsüchtiges Mannsvolk. Immer jammern, schön wohnen, gut essen, fein rauchen wollen, und wir Frauen sollen uns einschränken. Unsere neuen Hüte haben mit der wirtschaftlichen Depression nichts zu tun. Auch wir haben unser, wie nennt ihr's? Prestige. Meinetwegen. Das muß gewahrt werden." Die Tochter (vorlaut): „Noblesse oblige." Der Onkel: „Gut gebrüllt." Der Sohn: „Er zitiert schon wieder, diesmal Shakespeares gesammelte Werke. Eine förmliche Klassikerausgabe," Der Onkel: „Aber jetzt wird es mir mit deinem Gespötte zu viel. Vater, wahre deine Autorität und belehre deinen Sohn, wie man mit älteren Leuten redet." Der Vater: „Du könntest, lieber Sohn, in diesen ernsten Zeiten auch etwas ernster werden. W i r haben in unserer Zeit anders mit den Alten gesprochen." Der Sohn: „Ist Alter ein Verdienst? Uebrigens lehrt mich schon das römische Recht, was väterliche Autorität bedeutet." Der Onkel: „Laß mich aus mit deinem römischen Rechte. Unser jüdisches Recht ist: älter als das römische, und es gebietet Ehrfurcht vor Eltern und Alten. Aber von allem wollt ihr Jungen