Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XV (1913)
- Issue
- Heft 25 (12.12.1913)
- Date
- 1913-12-12
- Page
- Seite 198 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 198 ..Neue National-Zeitung' Nr. 25 l Rabbi Graubart regen Anteil. Ein Bruder des Verstorbenen ist in Wien jüdischer Religionsprofessor. 3000 Mark Geldstrafe für Ritualmordbeschuldigung. Ein aufsehenerregender Ehrenbeleidungsprozeß wurde von der P o s e n e r Strafkammer beendet. Im Sommer d. J. war der Kaufmannslehrling Musial ermordet aufgefunden worden. Der Zammermeister Pavlieky behauptete, daß ein Ritualmord vorliege und stellte auf eigene Faust ein Ermittlungsverfahren an. Der Zimmermeister erschien wenige Tage darauf bei der Staatsanwaltschaft und erklärte, es liege tatsächlich ein Ritualrnord vor, er habe das Beweismaterial in Händen und stelle es der Staatsanwaltschaft zur Verfügung. Die Staatsanwaltschaft leitete pflichtgemäß die Untersuchung ein, wobei sich jedoch alsbald ergab, daß die von Pavlieky erhobenen Beschuldigungen völlig unhaltbare waren. Bei der Strafverhandlung bat Pavlieky reumütig um Verzeihung. Er wurde unter Anwendung des außerordentlichen Milderungsrechtes zu 3000 Mark Geldstrafe verurteilt. Jüdisches Gymnasium in Rumänien. Man schreibt aus Braila: Am 17. November vormittags fand die feierliche Einweihung des jüdischen Gymnasiums „H. L. und Netty Schäffer" statt. Diese Institution, welche durch die Schenkung eines Grundstückes und einer Summe von 40.000 Lei von Herrn H. L. Schäffer — der in seiner Ansprache weitere 200.000 Lei testamentarisch für das Gymnasium zu stiften versprach — ins Leben gerufen wurde, eröffnete der hiesigen jüdischen Jugend die Tore der Mittelschule, die ihr bis nun infolge Platzmangels in den staatlichen Anstalten zum Teil verschlossen blieben. In Gegenwart der städtischen und politischen Behörden betonte der Abgeordnete Joan Berceanu in seiner Rede, die Juden seien gute Bürger, die ihren warmen Patriotismus nicht nur in Worten, sondern gelegentlieh der jüngsten Mobilisierung auch durch opferwillige Tat bezeugt haben. Die jüdische Frage bilde höheren Ortes den Gegenstand ernstlicher Erwägungen; er erwarte demnächst eine günstige Lösung, die es ihm ermöglichen wird, mit den Juden zu Nutz und Frommen des Vaterlandes zu arbeiten. Das Vorstandsmitglied der jüdischen Gemeinde Dr. Sotec streifte in seiner Ansprache auch den Kiewer Ritualmordprozeß; er bemerkte, man sage, daß die Juden des Blutes bedürfen. Sie bedürfen seiner tatsächlich, aber nur des eigenen, um es im Bedarfsfalle für das Wohl des Vaterlandes zu vergießen. Die jüdische Bibel in Blindenschrift In New7 York fand dieser Tage eine Versammlung der jüdischen Blinden statt, die einen sehr interessanten Verlauf nahm. An der Versammlung haben 500 Blinde teilgenommen, und dem Rufe dieser Unglücklichen sind auch mehrere Hundert nicrftblinde Zuhörer gefolgt. Eimer der Referenten war der angesehene New Yorker Advokat Benjamin Bernstein, der selbst blind ist. Dieser richtete an die Versammelten de Aufforderung, die Bibel in hebräischer Sprache und in Jiddisch in der Blindenschrift herauszugeben, da diese blinden Juden bis jetzt nicht nur physisch, sondern auch seelisch mit Blindheit geschlagen sind. Bernstein schilderte die große Bedeutung einer solchen Bibel für einen jüdischen Blinden, und sein Appell hatte auch den Erfolg, daß noch am selben Abend eine bedeutende Summe für dieses Werk gesammelt wurde. An der Versammlung haben auch die Vorstände christlicher Blindenvereine teilgenommen. Interessant ist, daß der berühmte Erfinder Thomas Edison sein Fernbleiben entschuldigte, dafür aber der Versammlung ein Exemplar seines jüngst patentierten Grammophons sandte, auf welchem mehrere Stücke zum Vortrage gebracht wurden. Der Kiewer Mordprozeß dramatisiert. Im Paväillon- T h e afex . Im Osten Londons, idean Mittelpunkt der jüdisoheaitBevölkeiruing, wird allabendlich vor. ausverkauften! Hause ein Drama entrollt, das den Rituialpnozeß gegen Mendel Beiliis mit all seiner Tragik wiederholt Getreu de» Prozeßvorgängen nachgebildet, wie (lese öai dtor Lonidooier Presse.fcerichtet wumdeini ist das Dnaonia (in vier Akten (von dem bekannten jüdischen Schauspieler Joseph Keßler aufigebajut. Der erste- Akt führt «uns auf dien Hof :der Ziegefei, wo der Mord stattfand und entdeckt wiurde. Der zweite Akt handelt von. der Anklageeriheibuing und Verhaftung das Schiredibens Beifiis. Im ■dritten Akt finden wir Beflllis im Gefängnis, und dier nekonstuierte Mord wird ums lim realistischer Waise vor Augen geführt. Der letzte und Hiaiuptakt bringt mit dramatischer Wucht die Gerachtsszene und .dem Freiispnuch des Angeklagten. Die Darstellung ist so natürlich, daß sl'.e das Fubtikuim —d'as das Milieu des Prozesses genau kennt, sind es doch zum größten Teil eingewanderte Ruissieai, von denen einige sogar '.ajuis Kiew stammen — zu impulsiven Enitrüstungs rufen verleitet. Juden und Armenier. Das Verhältnis zwischen d e m Jude n und Armeniern i s t, wie aus Konstantinopel (berichtet wird, ein a u ß e r o r d e n 11 i c h f r e u n ds c h a f t H c h e s. Anläßlich des Doppeljutoi.lä'U'ms der Armenier der 1500-Jahrfelier .der Entstehung der armenischen Schriftzeichen und der 400-Jahrfeier der ersten armenischen Buchdruckerei richtet der- Oberrahbimer von A'diiamoppel, H. B. Jano, an den armenischen Bischof daselbst ein herzliches Begrüßungsschreiben. In Beantwortung 'desselben dankte Bischof Tourdan für die anerkennende» Worte der Judlenschait .und fügte hinzu: „Wir' ergreifen 'diese schöne Gelegenheit, um Sie mit großem Vergnügen idaran zu erinnern, .daß den beiden Genies Siahagh und JVIesrog bei ihren Bemühungen um ühre Erfindung auf Grumd der semitischen Sprachen 'die Kenntnis der heutigen hebräischen Sprache, für welche wir nie aufhören werden, ©ine unaiuslöscMiehe Dankbarkeit •unid (die tieifste Hochachtung zu empfänden, außerordentlich zustatten kam." Eine jüdische Volksbank in Bulgarien. In Rustschuk wurde vor kurzem eine Jüdische Volksbauk-Aktiieu- Gesellschaft mit einem Aktienkapitale von unebneren huniderttausend Franken ins Leben genufen. Das Unternehmen ist rein geschäftlicher Natur und dürfte zur wirtschaftlichen Kräftigung ides jüdischen Kleinbürgertums in Bulgarien erheblich beitragen. Die Leitung 'der Bank settot sich aus angesehenen Persönlichkeiten zusammen. Briefkasten. Handelsangestellter: Daß der jüdische Kaufmann P. Guttenberg seine Blusen in der judenhetzerischen „Reichspost" annonciert, ist gewiß unwürdig. Aber vergessen Sie nicht, daß wir jn einer Stadt leben, in der ein hervorragendes Mitglied des Kultusvorstandes für das Lueger-Denkmal einen größeren Betrag gespendet hat. Böse Beispiele verderben gute Sitten. Uebrigens wimmeln die antisemitischen Blätter von jüdischen Inseraten; beide Teile sind einander würdig. — Bankbeamter: Für die NichtVeröffentlichung des Austrittes, respektive der Taufe des Länderbank-Direktors Markus Rotter kann das Matrikelamt der Wiener Kultusgemeinde nicht verantwortlich gemacht werden. Herr Rotter hat sich außerhalb Wiens getauft und es war Pflicht des Rabbiners der betreffenden Gemeinde, wo dieser Austritt vor sich ging, die bezügliche von der Bezirkshauptmannschaft erhaltene Mitteilung an das Wiener Matrikelamt weiter zu geben. Es kann nicht genug getadelt werden, wenn Rabbiner, in deren Gemeinde Wiener Juden, um der Austrittsliste zu entgehen, übertreten, diesen Austritt in ihrer Schublade verstecken. Sie setzen sich dadurch dem Verdachte aus, daß sie hiefür ihre guten Gründe haben. — Vertrauensmann: Sie fragen, wie kais. Rat Dr. Kr., dessen Kinder getauft sind, zur letzten Fünf hauser Besprechung wegen Wahl eines Rabbiners als Vertrauensmann eingeladen werden konnte? Sie übersehe», daß die Vertrauensmänner nur vom Präsidenten Dr. Stern ernannt werden! — Konzepts-Praktikant: Die genannten Herren sind längst getauft.