Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XV (1913)
- Issue
- Heft 24 (28.11.1913)
- Date
- 1913-11-28
- Page
- Seite 188 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 188 „Neue National-Zeitung" hr, 24 Volkes niedergelegt sind. Heißt es in der Bibel „Auge um Auge, Zahn tum Zahn", so kommentiert -der Talmud, idais Gesettz meine damit die Geldstrafe gemäß dem Werte des Auges, ■dfem Weinte des Zahnes im jedem gegebenen Fialle. Der humane Geist, der den Talmud durchweht, hat es nicht zulassen können, die biblische Vorschrift im buchstäblichen Sinne zu deuten. Der Talmud stößt ferner auf die Todesstrafe im mosaischen Gesetze. „Ich halte es für meine Gewissenspflicht, an dieser Stelle zu erklären, daß nach jüdischem Gesetz nur vier Arten der Todesstrafe vorhanden sind. Die Hinrichtung am Kreuze ist nicht unsere Todesstrafe. Diese hat bej uns niemals existiert.' ' Was die Christen anbelangt, so ist keine einzige Stelle im Talmud vorhanden, die auf sie Bezug nähme. Erst in späteren Schriften ist von iihnen d,ie Rede. Da sie aber die sieben Gebote des Noah befolgen, so werden sie sogar zu den Geretteten gezählt. Der Gebrauch von Blut — gleichviel, ob in rohem oder in gekochtem Zustande — ist streng verboten, mit welcher PeLnJichkefiit dfe Juden dies Verbot beMgen^ davon kann jede christliche Köchin, die bei Juden angestellt war, Zeugnis ablegen. Die „Schechita", das jüdische Schächten von T.eren erfolgt durch das Durchschne/den der Halsvene mittels eines einzigen Messerschnittes. Der Schächter braucht nicht ein Gelehrter zu sein, er muß bloß das Handhaben der „Schechita" kennen und dazu auch fromm sein. Ein Jude, der beispielsweise die Sabbatvorschriften überschreitet, darf zum Schächterberuf nicht zugelassen werden. Es wird eine Stelle aus dem Talmud angeführt, wonach das Blut angeblich zu den Getränken zähle. Es ist aber falsch, an dieser Stelle das Wort „Maschke" durch „Getränk" zu übersetzen. Hier heißt es vielmehr „Flüssigkeit". Sonst wäre kaum verständlich, wjie im darauffolgenden Satz die Ausflüsse des Auges, des Ohres, der Nase usw. als Getränke bezeichnet werden könnten ... „Finden sich Hinweise darauf in der Kabbala und in der jüdischen Geschichte, daß sogar die wegen religiösen Fanatismus hingerichteten Juden als Gott genehme Opfer bezeichnet werden?" — Entschuldigen Sie, daß ich bei dieser Frage meSne Erregung nldht zähmen kann. Was soll eis bedeuten, dies „s o g a r"? Als ob sie Verbrecher wären — diejenigen, die wegen ihrer Religion hingerichtet wurden! Gewiß ehrt das Judentum das Angedenken derer, welche einem schmählichen Verrat den Tod vorgezogen haben. Allerdings kennt das jüdische Volk keine Verehrung toter Gebeine, pilgert nicht zu den Gräbern — wohl aber verehren wir die Seelen unserer Märtyrer. Mase geht nun zur Schilderung dies FrairiMsmus über. Er streiift zunächst die pseudo-messianische Bewegung des Sabbatai Zewi, nach deren Verfall die Sekte der Frankisten emporwuchs. Er deckt die unsauberen Motive auf, die den Lemberger Disput verursacht haltten, und unterziieht ihn efirj&r eingehenden Kritik. Hierauf entwirft er ein großzügiges Bild des Chassidismus, seiner Entstehung, seines Wesens und seiner Bedeutung für das Judentum. Der Sachverständige entwirft eine hübsche Charakteristik des Rabbi Schneer-Salman Schneersohn, erwähnt dessen russischen Patriotismus zur Zeit der napoleonischen Kriege und macht darauf aufmerksam, daß der Zaddikim-Familie Schneersohn die erbl.iche Ehrenbürgerschaft verliehen wurde. Aus zwei verschiedenen Lagern ist gegen den Chassid'srnus Front gemacht worden: seitens des großen Rabbi Elias aus Wilna, sowie seitens der jüdischen Aufklärer. Rabbi Elias widersetzte sich dem Chassidismus, weil er befürchtete, das Studium der Thora könnte durch diesen geschwächt werden — hat doch der Beseht aus den drei Prinzipien der jüdischen Religion nicht die Lehre, sondern den Gottesdienst akzentuiert. Auch hegte er Bedenken gegen die panttieistilsdhe Tendenz des Chassidismus. Sektierertum aber hat er dem Chassidismus niemals vorgeworfen. Die Aufklärer dagegen bekämpften den Chassidismus wegen dessen Frömmigkeit. Eine Satire ,ist damals erschienen, das in der hebräischen Literatur bekannte Buch „Megale Temirin" von Josef Perl. Und aus dieser Satire, nicht aber aus den Originalwerken des Chassidismus, rühren jene Zitate her, die im offiziellen Dokument über den Chassidismus enthalten sind und hier im Gerichtssaal zur Verlesung kamen. Nach einer kurzen Vernehmung des Gutachters seitens der Verteidigung (die Anklagepartei hat vorsichtigerweise auf eine Vernehmung verzichtet) und nach Erledigung einiger Formalitäten erklärt der Vorsitzende, daß die Beweisaufnahme hiemit abgeschlossen ist. SPRECHSfl/lL, Ehrenpflicht der Tempelvereine. Wir erhalten von Herrn Jacob S. Straßberg, Obmannstellvertreter der Bezirkskommission für den IV. und X. Bezirk nachstehende Zuschrift: Geehrte Redaktion! In der am 19. d. M. stattgefundenen Vertraueinismäniner- Veisarnmlung, diie der Präsident Herr Dt. Alfred Stern in die. Saiallokalitäten der israelitischen Kiultusgemieimidte Wien, Füinfhaus, Tunnergaissie 22, behufs Besetzung des Rabbinerposiens einberufen hat, traten die Tempelvorsteher mit großer Wärme dafür ein,, daß auf die nuumehir vakant gewordene Stelle einer der Tem<pdyereine-Rabb!iiner .berufen werde. Die segensreiche Tätigkeit, die diiese Herren in den verschiedenen Bezirken, wo das jüdische Leben pulsiert, seit Vielen Jahren entfalten, wurde rühmend hervorgehoben und besprochen. Mit Genugtuung wurde konstatiert, daß diese Vereius-Rabbiner, tasiehÄoh der Quaitö&fca4on und dler Tüclhltägkeit den vom Kultusvorstande von auswärts zu Probevorträgen 'berufenen Herren durchaus nicht nachstehen. Nun warf Herr Hof bau er nicht mit Unrecht die Frage 'auf: „Wenn Ihre Rabbiner gar so gut sind, weshalb wollen Sie sie dann wieghaben?" Da diese Frage nicht zur Genüge beantwortet wunde, will ich sie in Folgendem zu -beantworten versuchen. Nein, mein iiieber Herr Hof bau er, wir wollen unsere Rabbiner nicht weg haben, wir wollen sie recht gerne be - halten, -aber wie sie erhalten!? Die Zeiten sind dm allgemeinen, dirasb&sondere für ums Juden sehr schwer. Die Opfer- Willigkeit der einzelnen Vereinsrrritiglieder demzufolge im "Abnehmen begriffen; Die materiellen Verhältnisse der Tempelvereine sind zum großen Teile äußerst traurige, so daß sie beim besten Willennicht m der Lage sind, ihre Rabbiner a;ich nur halbwegs standesgemäß zu dotieren, von Pensionen und Reliktenversorgung gar nicht zu reden: „iHachi achd ata waawiad'tanä chönom". Sollen .diese Rabbiner, idtöe uns so nahe stehen, gegen kärglichen Lohin und „sit venia verbo" als Rabbiner zweiten Grades ihr Leben iang Dienste leisten? Es wäre daher Ehrenpflicht des- Kultus Vorstandes, diese Herren Vereinsrabbiner, welche derzeit auch dem Namen nach Gerne lud er abbiner sind, und seit vielen Jahren der Kultusgemeinde unter. schwierigen Verhältnissen Dienste leisten, auf vakant gewordene und besser dotierte Posten zu berufen. Es ist aber besonders- E h r e n p f I i c h t der T e m p e 1verein e, mit allen Kräften dahin zu wirken, daß ihre Rabbiner derart gestellt werden, .daß sie ohne Kämpfe 'in der Gegenwart und ohne Sorge für die Zukunft 'ihrem hohen und