Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XV (1913)
- Issue
- Heft 23 (14.11.1913)
- Date
- 1913-11-14
- Page
- Seite 183 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 23 KORRESPONDENZEN. Oesterreich-Ungarn. Eine Interpellation der zionistischen Kultusvorsteher. Wien. Die Herren Dr. Ehrlich und Ing. Stricker haben in Anschluß an den Artikel der „Jüdischen Zeitung" auch eine Interpellation wegen der Maßregelung der fünf Aushilfslehrer an das Präsidium des Kultusvorstandes am 29. Oktober gerichtet. Sie erzählen darin weit und breit, welche Verdienste sich die Lehrer erworben hätten, indem sie durch ihr Verhalten die Entlassung des Direktors Friedeberger erzwungen haben. An Direktor Friedeberger wird kein gutes Haar gelassen. Den beiden zionistischen Kultusvorstehern, deren demagogische Tendenzen doch klar sind, ist dabei ein kleines Malheur passiert. Sie wußten offenbar nicht, daß Direktor Friedeberger zu ihnen gehört .... Dieser Herr, den die zionistischen Kultusvorsteher als den Inbegriff aller Schlechtigkeiten darstellen wollen, und der der Taubstummen-Anstalt nicht zur Zierde gereichen soll, hat in den z i o n i s t ischen Kreisen von London eine führende Rolle ge spiel t.Er war nämlich durch drei Jahre Präsident der „London Z i o n i s i L e a g u e". Die drei hervorragendsten und ältesten Zionisten Englands waren ihm als Vicepräsidenten attachiert: Baron Francis Montefiore, Chief- Rabbi Dr. Q a s t e r und Rechtsanwalt Herbert B e n t w i c h. Als er London verließ, hat ihm und seiner Gattin die Liga 5 Oelbäume im Herzlwalde gestiftet. Direktor Friedeberger war weiters von den Londoner „M a c c a b e a n s" (dem angesehensten jüdischen Verein) als Delegierter zum letzten zionistischen Kongreß in Wien entsendet .... Und nun, da dieser Mann gegen die niedrigsten Intriguen und die rücksichtsloseste Paschawirtschaft einen schweren Kampf um Ehre und Existenz führt, wird er von seinen eigenen Parteigenossen in diesem Kampfe nicht unterstützt, sondern in den Kot gezerrt..... Kann die zionistische Partei dieses Vorgehen billigen? Darf sie dazu schweigen? Die Rabbiner-Wahl für die Leopoldstadt. Wien. In der Vorstandssitzung vom 29. Oktober wurde endlich nach mehrjähriger Vacanz die Rabbinerstelle für die Leopoldstadt besetzt. Es wurde derjenige gewählt, der für diese Stelle am — ungeeignetsten ist. Wir sagen nicht, daß er unfähig oder unbrauchbar wäre; er ist aber für die Leopoldstadt, für den jüdischesten Bezirk in Wien, wo die breitesten und gläubigsten Schichten der jüdischen Bevölkerung wohnen, ungeeignet. Es fehlen ihm der Ton und die Wärme für die Leopoldstädter Kanzel auf der fast durch zwei Jahrzehnte ein Dr. Schmiedl so populär war. Und mit dem talmudischen Wissen — was ist's denn? Allein in Wien genügts, wenn man einen — Schwiegervater hat. So wurde denn Herr Dr. G r u nw a 1 d im dritten Wahlgange (sehr schwere Geburt!) mit 18 Stimmen gegen Dr. Feucht w a n g, der nur 12 Stimmen erhielt, gewählt. Hoffentlich bekommt Dr. Grunwald auch alle Ehrenämter des verstorbenen Dr. Schmiedl, damit er bei den Bewerbungen im Stiftungspreise seinen Kollegen nicht mehr in bekannter Weise Konkurrenz mache. Einmal könnten gewisse Leute doch schon satt sein. Bürgermeister Dr. S. Weisselberger. Czernowitz. Unsere Stadt hat wieder einen j üd i s c h e n Bürgermeister. Diesmal sogar einen j üdisch -nationalen, denn der zum Nachfolger des resignierten bisherigen Bürgermeisters Baron Fürth gewählte bisherige I. Vize-Bürgermeister Doktor Salo Weisselb erger gehört als Landtagsabgeordneter dem jüdischen Klub an. der auf dem Programme des Dr. Straucher basiert. Es ist noch in Aller Erinnerung, daß gerade Dr. Weisselberger von der jüdisch-nationalen Partei vor 2 Jahren dazu auserkoren war, bei den Landtagswahlen dem Prof. Kellner entgegenzutreten; nach dreimaligem Wahlgange eroberte damals Doktor Weisselberger das Majoritäts-Mandat der Juden und Professor Kellner das Minoritäts-Votum der Deutschen. Der neue Bürgermeister ist 46 Jahre alt, Großgrundbesitzer, zeitlich pensionierter Landesgerichtsrat, Ritter des Franz Josefs-Ordens und was das wichtigste ist, ein wegen seines integren Charakters von allen Parteien hochgeachteter Mann, dessen Wahl unserer Judenschatt zur Ehre gereicht. Die galizische Wahlreform — gegen die Juden. Lemberg. (Orig.-Korr.) Wenn die Ruthenen und die allpolnisch-christliehsozial-autonomistischen Parteien nachgeben und die Wahlreiorm zustande kommen sollte, dann werden die Juden die Zeche bezahlen. Das heißt: sie haben sie bereits bezahlt. Was den Bischöfen in bezug auf die Juden nicht recht war, ist schon beseitigt. Keine Landespartei hat dagegen protestiert. Man war froh, den Gegnern der Wahlreform die Juden ausliefern zu können. Denn das tat ihnen nicht weh. Die Juden selbst haben sich gar nicht zur Wehre gesetzt — erst bis alles vorbei war. Dr. von Löwenstein paktierte mit den Allpolen und war bereit, ihnen alle jüdischen Mandate auszuliefern, wenn sie ihm nur eines sichern. Die Allpolen waren gescheiter, and haben alle Unterhandlungen mit ihm abgelehnt. Die jüdische Bevölkerung beginnt sich zu beunruhigen und nun haben vorige Woche die Haiisjuden au den Statthalter von Korytowski einen Protest von. Wien nach Lemberg — telegraphiert. Als ob niemand diese Komödie durchschauen würde, die Kolischer, Groß und Genossen spielen wollen. Sie haben ja den ganzen Sommer über Zeit gehabt, sich in Galizien um die jüdischen Mandate für den Landtag zu kümmern — und doch haben sie nichts getan. Wir glauben, daß seitens der unabhängigen jüdischen Abgeordneten die Zentral-Regierung ange-