Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1913-11-14 · Heft 23 (14.11.1913) · p. Seite 182

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XV (1913)
Issue
Heft 23 (14.11.1913)
Date
1913-11-14
Page
Seite 182 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2425679-2425884-2425908--2791-2429292
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 182 ,Neue National-Zeitung" Nr. 25 atmen. Der nächste Moment aber ist unberechenbar. Die russische Regierung hält das Gespenst Justschinskis wach. Nun heißt es, sich sammeln, sich selbst neue Wege suchen. Die Solidarität der Gesamjudenschaft, die in den grandiosen Protest-Versammlungen von Wien, Budapest, Berlin, Breslau, London, Paris und in den größten Städten jenseits des Ozeans, so mächtig und geradezu mit einer vulkanischen 'Kraft aufflammte, muß festgeschmiedet werden, daß sie nicht mehr wanke. Dem wahnwitzigen Hirngespinst unserer Feinde vom „Ritualmord44 und von unserer „Uebermacht" müssen wir endlich eine kraftvolle Solidarität und nicht blos eine ephemere Katastrophenpolitik entgegensetzen. L. I Rabbiner Dr. Abraham Schmiedl | Von Dr. D. F e u c h t w a 11 g. Er war ein V 0 1 k s m a 11 n im beste n S i 1111 e. Popularität kann man erhaschen oder gewinnen. Man erhascht sie durch Machenschaften und Theatereffekte; man gewinnt sie durch Persönlichkeit. Der im Alter von dreiundneunzig Jahren verstorbene Schmiedl war eine echt jüdische Persönlichkeit, ein Rabbiner durch u n d d u r c h. Das kann nur der sein, der es aus sich selbst geworden ist. Von außen angeflogen k o m in t dieser urwüchsige Judengeist nicht; noch so viel historischliterarische TünchekanndieinnereLeerenichtzudecken. Schon der kleine Schmiedl verriet den großen. Und seien wir ehrlich. Er wollte niemals eine Größe sein. Was hat ihn also so unglaublich beliebt und verehrt gemacht? Etwa der Glanz und die Kunst seiner Rede? Da war doch keine Spur von Flitterkram und kaltem Aufputz! Da wuchs alles aus dem mit Midrasch und Agadah angefüllten Kopfe und Herzen heraus und in die Herzen der Hörer hinein! Da war keine trügerische, angeworfene Stukkatur, die abfällt, wenn berührt, sondern solides jüdisches Wissen, Talmud und Thorah, jüdisches Gemüt, Herz, Wesen. Das Hebräisch floß ihm wie Muttersprache von den Lippen, war nicht wie Stammeln eines Fremden. Deshalb und weil er alles Menschliche, alles Jüdische unter dem Blickpunkt der Thora, des Talmuds, der Agadah sah, weil ihm d i e j ü d i s c h e Seele nicht in fremden Gewändern erschien, deshalb war er populär und vom Volke geliebt. Er war auch ein moderner Mann; ein Mann der ehrlichsten Gelehrsamkeit, ein wackerer Orientalist, Kenner des Hebräischen. Saadia Gaon, wie die ganze jüdische Religionsphilosophie, waren ihm teuer; er schöpfte aus den Urquellen, nicht aus Kunstbrunne n. Seine „Sanshmim",*) die Betrachtungen zu den fünf Büchern Moses, sind ein tief populäres, gemütvolles, sinniges, leichtfaßliches und doch aus Wissenschaft entsprungenes Volksbuch; nicht geschraubtes Judentum in poetische Fesseln gelegt. Fessellos waren auch seine Predigten. Vom Standpunkt des Kunstrichters allzu fessellos. Aber echt wareii sie, Eigenbau aus eigenem W e i n b e r g. Da vergißt man alle Kunstform. Kunstform soll sein; wo aber kein urwüchsigkraftvoller, aus Thorabornen geschöpfter V 0 11 g e h a 11 ist, da hilft die gedrechselte Rede nicht; sie bleib.! u n j ü d i s c h, k a 11, t o t. Er war lebendig; lebendig bis in sein neunzigstes Lebensjahr; weil Talmud und Thora sein Ez chajim, sein Lebensbaum waren. Das aber wird immer seltener; weil Afterweisheit siegt. Seine wissenschaftlichen Arbeiten tragen alle ähnlichen Charakter; die deutsch und die hebräisch geschriebenen. Er konnte nämlich glänzend Hebräisch schreiben. Davon erzählt der „H amagi d". Der war er aber auch selber. Deshalb aber doch ein Beobachter aller Zeitfragen, der mit Weisheit in die Tiefen der Gefühle und Empfindungen jüdischer Volksseelen hinabstieg. Deshalb hat er sich in die Tiefe jüdischen Volksherzens gegraben. Zahllose Male sprach ich mit ihm selbst darüber; und immer klagte er über Amrazzus (Ignoranz). D a s i s t die w 1111 - deste Steile, durch die alles leidet. Wir konnten ihn nicht schöner, nicht erhabener ehren, als so, daß wir einige Thorafreunde, also auch Freunde Schmiedls, in unmittelbarer Nähe seines Sterbelagers, eine ganze Nacht hindurch in Thora- und Talmuddiskussion vertieft, verweilten und des bangen Augenblicks harrten, da seine Seele den gebrechlichen Leib verließ, um dann tief erschüttert in das brechende Auge des greisen Rabbis schauend, die Schemoth zu rufen! So entfloh, seine Seele. Wird sie für ewig entflohen sein? Er lebt im Herzen seiner Gemeinde. Man hat ihm im Leben und nach dem Tode große Ehren angetan. Sein Andenken sei gesegnet. *) In der Nr. 1, Jahrgang 1911. unseres Blattes, hat Herr Professor Dr. Max Q r ü n f e 1 d anläßlich des 90. Geburtstages des Verschiedenen diesem Buche einen ausführlichen Artikel, „Ein jüdisches Volksbuch" gewidmet. Anm. der Redaktion.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.