Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XV (1913)
- Issue
- Heft 23 (14.11.1913)
- Date
- 1913-11-14
- Page
- Seite 181 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 23 „Neue National-Zeitung' ich darf es doch aussprechen, daß jeder Mensch, der die Wahrheit liebt, wenn es in seiner Macht liegt, eine Lüge zu bekämpfen, die nicht harmlos, nein, die vielmehr, wie einst, auch heute noch Menschen mit Tod und Verderben bedroht, die Pflicht hat, dies zu tun. Nicht mit hochmütiger Verachtung des „barbarischen" Rußland, nicht mit geringschätziger Verhöhnung der russischen Justiz. Denn seien wir gerecht, man kann in Rußland antworten: Habt ihr euren Prozeß Hilsner, haben wir unseren Prozeß Beilis. Hattet ihr eure Deckert und Rohling, haben wir unsere Neophit und Prainitis. Blödsinniger als jene haben auch diese nicht von dem Talmud und dem jüdischen Schrifttum gesprochen . . . Nein, man soll die Ritualmord-Legende nicht mit spezieller Mißachtung und Beleidigung des großen Zarenreiches bekämpfen. Aber auch nicht lau, nicht reserviert, nicht zweideutig, nicht halb. Wie zwei Verneinungen eine Bejahung sind, so bilden zwei halbe Ablehnungen der Blutbeschuldigung eine ganze Bestätigung derselben. Wem die Wahrheit über alles geht, muß, ich wiederhole es, wenn er der Wahrheit nicht mehr schaden als nützen will, diese grauenhafte Lüge klar und entschieden mit Abscheu gegen die betörten oder böswilligen Verfolger, mit warmer Teilnahme für die Verfolgten, wo immer auch die einen und die anderen zu finden sind, als Lüge brandmarken. Dürfen Kirchenfürsten dazu schweigen, wenn redende und schreibende Hetz-Priester konsequent die das Christentum schändende Ueberzeugung verraten, die Kirche könne nicht darauf verzichten in dem Ritualmord eine — jüdische Institution zu erblicken? Lesen wir denn nicht jetzt schon, wie das Wiener Leibblatt gewisser Bischöfe, das offizielle Blut- Ritualmord-Organ, glückselig demonstriert, in Kiew sei nur die Schuld des Beilis verneint, aber die Existenz des Ritualmordes bejaht worden. * * * Ich will nicht mit den Worten des Juden Z a n gw i 11 schließen, dessen Meinung über die Ritualmordfrage darin gipfelt, daß diese Angelegenheit „uns. Juden nur mit Rücksicht auf die tragische Konsequenzen angeht, die über uns hereinbrechen, daß die Blutbeschuldigung in ihrem Kern nichts anderes als ein christlicher Wahnsinn, eine christliche Sünde, die eigentlich nur die Direktoren der Irrenhäuser oder der Zuchthäuser interessieren sollte". Ich schließe meine Bemerkungen über die Bischöfe und den Ritualmord mit dem schon zitierten Worte eines hochherzigen Bischofs: man sollte die Ritualmord- Legende bekämpfen gleich wie die Erinnerung an eine „Bestialität" und mit dem Hinweis auf den Primas von Ungarn, der nach dem Freispruch des Beilis erklärte, „es sei sein fester Glaube und seine Hoffnung, daß nunmehr das Ritualmordmärchen für immer aus der Welt geschafft sei". Ich finde nachträglich, daß ich von dem Prozeß Beilis eigentlich nur wenig gesprochen habe. Aber -wozu auch? Beilis ist ja ein leerer, nichtssagender Name wie Hilsner . . . Beilis, Hilsner usw. usw. wird es geschrieben, aber ausgesprochen ist es immer nur — das Judentum, das man auf die Anklagebank zerren will, so wie einst in Rem nicht die Christen, sondern das — Christentum dieses Verbrechens bezichtigt wurde. Und schließlich ist es ja im gewissen Sinne ganz Nebensache, ob ein Hilsner, ein Beilis verurteilt oder freigesprochen wurde. Daß von Gerichtswegen von einer jüdischen Rituahnordanklage auch nur gesprochen werden darf, ist eine Beschimpfung des Judentums, eine Schmach der Menschheit. Mendel Beilis freigesprochen! Die Geschworenen von Kiew haben nach 34tägiger Verhandlng die ihnen vorgelegten Schuldfragen zum Teile bejaht und zum Teile verneint. Bejaht wurde die erste Frage, wonach der Knabe Andreas Justschinski das Opfer eines Mordes mit allen jenen Symptomen geworden ist, weiche die Ritualmordhetzer als charakteristisch für den „Ritualmord" hinstellen. Die Geschworenen haben bejaht, daß der Ermordete Qualen ausgesetzt war, daß er eine bestimmte Anzahl von Wunden und Stichen in bestimmter Reihenfolge erlitten hat und daß eine Ausblutung dieser Wunden stattgefunden hat. Alle diese tatsächlichen Vorgänge haben die Geschworenen bestätigt, wiewohl dieselben in der Verhandlung nicht bewiesen wurden, wiewohl es ihnen schwer fallen würde, anzugeben, auf welche Beweismittel sie diese ihre Ueberzeugung stützen. Dagegen haben sie die zweite Frage verneint, worin unter Paraphrasierung der ersten Frage die unmittelbare Täterschaft des Beilis und der religiöse Fanatismus als Motiv angegeben sind. Selbst diese Frage wurde nicht einmal einstimmig verneint, sondern lediglich mit 7 gegen 5 Stimmen. Beilis ist somit freigesprochen, sein schweres Martyrium ist nach zweijähriger Dauer zu Ende. Das Martyrium des jüdischen Volkes dauert aber fort. Die ganze antisemitische Preßmeute in Rußland und Auswärts klammert sich an das Schuldverdikt bezüglich der ersten Frage und will darin eine Bejahung der Blutbeschuldigung gegen die Juden sehen. Diese Hetze wird ihnen umsomehr erleichtert, als ja die russische Regierung, deren Wortführer sowol der blutrünstige Staatsanwalt als auch der parteiische Vorsitzende — sein Resume war eine zweite Anklage — waren, diese erste Frage aus Vorsicht stellen ließ, für den Fall, wenn die Geschworenen trotz aller Machenschaften, trotz aller wahnwitzigen oder bestochenen Sachverständigen es über ihr Gewissen nicht bringen sollen, den Beilis schuldig zu sprechen. In diesem Falle sollten sie wenigstens die erste Frage bejahen; so hat es klar und deutlich der Vertreter der Privatbeteiligten. Schmakow, in seinem Hetzeplaidoyer von den Geschworenen verlangt. Wir haben daher keinen Anlaß, über den Ausgang des Prozesses von Kiew zu triumphieren. Zwei Drittel unseres Volkes, preisgegeben den blutigen Schergen des Zarismus, werden durch die bange Furcht vor dem nächsten Morgen gefoltert. Und der Ausgang des Prozesses von Kiew bietet ihnen nicht einmal die Beruhigung einer Erlösung von den bisherigen Verfolgungen. Die russischen Juden dürfen wohl für den Moment erleichtert auf-