Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XV (1913)
- Issue
- Heft 23 (14.11.1913)
- Date
- 1913-11-14
- Page
- Seite 178 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 178 „Neue National-Zeitung" Hr. 23 Soll das Judentum vielleicht auch Dank jenen Kirchenfürften zollen, die auf Grund ihrer felbft betonten, den Rahmen des Alten Teftaments kaum überragenden Kennrnifle des jüdifchen Schrifttums, zwar die Gefamtheit des Judenfumes gegen die Blutbefchuldigung in Schm) nehmen, aber immerhin die Möglichkeit offen laffen wollen, daß vielleicht doch einzelne jüdifche Sekten, oder einzelne „jüdifche Fanatiker" zu allen Zeiten dem Blutrituale huldigten. Ihre Eminenzen vergeben dabei nebft vielem anderen auch Eines, das hier von entfcheidender Bedeutung ift: Die Gesamtheit der judenheit vertritt durch ihre berufenften Wortführer, die die Gefchichte ihres Volkes, feine Traditionen wie fein Schrifttum genau kennen, je£t, wie zu allen Zeiten den Standpunkt, daß bisher im Judentume ein folche Sekte und folche Fanatiker nicht exiftierten und daß jene, die man dazu ftempelte, die Opfer tückifcher Verlogenheit und des wahnwitzigen Fanatismus waren. Der Judenheit in ihrer Gefamtheit könnte es kein Geheimnis geblieben fein, wenn jemals eine folche verbrecherifche Gefellfchaft oder auch nur vereinzelte Fanatiker aus ihrer Mitte hervorgegangen wären und fie würde lieh fchon durch fchweigendes Dulden derfelben zu ihren Mitfchuldigen machen, nicht weniger verbrecherifch und frevelhaft als die Mörder felbft. Ja noch fträflicher und verbrecherifcher als diefe. Denn die angeblich von Blutdurft befeelten tollwütigen „jüdifchen Fanatiker" hätten immerhin noch eine Entschuldigung für fich: Ihre Tollwut. Welche Entchuldigung könnte aber die Gefamtheit des Judentums für ihr fchweigendes Dulden diefer Greueltaten, für die laute Verteidigung der angeblichen Täter vorbringen? Nein, ihr hochwürdigen Herren, die Gefamtheit des Judentums weiß es genau: Der Hehler ift ärger als der Stehler und fie hat darum immer noch mehr Achtung vor den gehegten raubenden und plündernden Mordgefellen gehabt, die jede Ritualmordanklage für ihre Zwecke fruktifizierten, als vor den literarifchen Schandbuben, die mit Lügen, Verleumdungen und Fälfchungen das Metier der Judenhefze betreiben. * * * Man wird einen hohen Kirchenfürften, aus feiner befcheidenen, unzureichenden Kenntnis des jüdifchen Schrifttums gewiß keinen Vorwurf machen dürfen. Aber ich glaube, es wäre nur gerecht, wenn auch er diefen Umftand nicht benüfcen wollte, um zart anzudeuten, weiß Gott, was in den Büchern ffeht, die er — nicht (kennt und auch nicht „kontrollieren" kann. Aber wenn die hohen Kirchenfürften in der Regel den Talmund auch nicht einmal buchftabieren können, fo verftehen fie doch ausnahmslos jene Bullen der Päpfte zu lefen, die ausdrücklich bekunden, daß chriffliche Habfucht und Bosheit häufig die Urfache von Blutbefchuldigungen waren, daß elende Menfchen fogar an den eigenen Kindern Verbrechen übten, um die Schuld den gehaßten Juden in die Schuhe fchieben zu können. Warum erinnern diefe Kirchenfürften ihre Gläubigen nicht an diefe päpftlichen Bullen, die fie doch wohl „kontrollieren" könnten? Warum konstatieren fie z. B. zur Seelenfreude aller Ritualmordi | gläubigen, daß ihnen lediglich nichts bekannt ift, „wasdieRifualmordtheorie infoweit fie die Religionsgenoflenfehaft im allgemeinen betrifft, rechtfertigen könnte" und erinnern nicht z. B. lieber daran, daß große Kirchenväter bittere Klage darüber führen mußten, daß die Römer, nicht allein einzelne „chriftliche Fanatiker" nein, dieChriften, „im Allgemeinen" des Blutrituals bezichtigten? Würde die Erinnerung an diefe fchändliche Ungeheuerlichkeif nicht aufklärend und belehrend auf so viele Chriften wirken, die nur darum meinen, daß an der furchtbaren Blutbefchuldigung gegen die Juden doch „etwas" fein müffe, weil es nicht zu faffen fei, daß ein folches Gerücht ohne jeden Grund entftehe? Und wie erft, wenn diefe Chriften von ihren Bifchöfen und Kardinälen darüber belehrt würden, daß die Judenheit weder „im Allgemeinen" noch im Befonderen, bis Ende des zwölften Jahrhunderts von irgend einer Seife eine ähnliche Befchuldigung zu erleiden hatte, während die Kirchenväter ihre bedrohten Religionsgenoffen in den ersten Jahrhunderten gegen diefe furchtbare Verleumdung — mußte auch an der „etwas" fein — zu fchm)en fuchten? * * * Oder find vielleicht auch die Kirchenväter „unkontrollierbar"? Fehlen vielleicht in irgend einer bifchöflichen Bibliothek die Schriften des St. JustinusMartyr? In der zweiten Apologie, die er dem römifchen Senat vorlegte, lefen wir unter anderem: „ . . . Uebrigens haben diefes Gerücht, durch böfe Dämonen angetrieben, einige fchlechfe Menfchen ausgeftreut. denn da man auf die falfche Anklage hin, die gegen uns gang und gäbe ift, hinrichtete, fchleppten diefe (fchlechte Menfchen) auch Hausgefinde von den Unferigen, Knaben und Mägdelein zu den Folterbänken und zwangen fie da mit entfetzlichen Martern, jene erdichteten Verbrechen zu gestehen, die fie — die Peiniger — felbft und zwar öffentlich verübten." Justinus Martyrift wohl ein glaubwürdiger Zeuge und er fteht nicht allein mit feinen Ausfagen. Minucius Felix in feiner Apologie des Chriftentumes fchreibt: „Jetzt möchte ich mich an den wenden, der fagt oder glaubt, daß unfere Aufnahme in den Chriftenbund mit Kindermord und Blut gefchehe. . . Nur wer folchen Frevel wagen kann, kann ihn auch glauben. Und diefe Greuel kommen allerdings von der Praxis Euerer Götter. Saturn hat feine Kinder nicht ausgefegt, fondern gefreffen und noch heute wird der latinifche Jupiter mit einem Menfchenopfer verehrt. Wir dürfen einen Menfchenmord weder fehen noch hören und wir haben folche Scheu vor dem Menfchenblut, daß wir auf unferen Tifchen nicht einmal das Blut von eßbaren Tieren kennen." (Aus letzterer Bemerkung folgern Manche, daß die Chriften in den erften Jahrhunderten, gleichwie fie mit den Juden noch den Sabbath feierten, auch wie diefe fich felbst noch vom Genüsse des Tierblutes ferne hielten.") Das wären fchon zwei glaubwürdige Zeugen. Wir wollen noch einen Dritten hören: T e r t u 11 i a n fchrie auf: „Man fagt uns nach, daß wir unfere Sakramente vollziehend, ein Kind töten undeffen, worauf wir uns nach diefen furchtbaren Gelagen blutfehändlichften Vergnügungen hingeben. . ." Für diefes „man fagt" ift dann in Rom tatfächlich das Blut unglücklicher Chriften gefloffen. * * *