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Neue Nationalzeitung · 1913-11-14 · Heft 23 (14.11.1913) · p. [Seite]

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XV (1913)
Issue
Heft 23 (14.11.1913)
Date
1913-11-14
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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N5U5 NflCIONftL-ZBCUNG RER(SüSQ5B2R: OrS.R.LNNONÜ XV. Jahrgang. Wien, 14. November 1913. Nr. 23. Der Ritualmord und — die Kirchenfürsten. Von Gabriel Engelsmann. Die Erklärungen und Aeußerungen zahlreicher Bifchöfe und Kardinäle über die wieder einmal akut gewordene Ritualmord-Frage haben den Blättern verfchiedener Parteirichtung Stoff zu einer lebhaften Diskussion und wiederholt auch Anlaß zu den verfchiedenartigsten, ja felbft auch zu den entgegengefei^teften Deutungen gegeben. Und zwar mit Recht. Allerdings find unter den Kirchenfürften folche Männer, deren Wort in diefer Sache fo klar, offen und eindeutig klingt, daß jeder Verfuch, eine Zweideutigkeit in dasrelbe zu tragen oder eine solche daraus zu holen, zu Schanden werden muß. Der rabuliftifchefte Antifemiten-Apoftel verftummt angefichts der Erklärung des reformierten Bifchofs Dr. Defider B a 11 h a f a r, in welcher diefer, von tiefer Religiofitär wie von glühender Wahrheitsliebe durchdrungene Priefter ausruft: „Ich halte es für meine Pflicht, vor der großen Oeffentlichkeit zu erklären, daß ich die Blutbefchuldigungals eine Schande der Chriftenheit a n f e h e. Vergebens wird bei der Verhandlung des Ritualmordprozeffes das Judentum phyfifch auf die Anklagebank gezerrt, denn geiftig fifct doch das Chriftentum auf der Anklagebank. Dasjenige Chriftentum, das nicht fähig ift, feiner eigenen Wahrheit zu vertrauen und an Stelle der ehrlichen Waffen, des Kampfes der Geifter die Gewalt des Heidentums benützt um Gegner zu überzeugen. Indem'ich zurückdenke an jene Beftialität, welche die Inquifition an meinen Vorfahren verübt hat, wende ich mich mit dem Klaffengefühl des gemeinfamen Schickfals und der warmen brüderlichen Liebe dem verfolgten Judenfume zu." Das heißt deutlich gefprochen. Und der reformierte Bifchof ift keine vereinzelte Erfcheinung; er hat auch unter den katholifchen Kirchenfürften gleichgefinnte, gleichgeftimmte Mitkämpfer gegen die Ritualmord- Lüge. Nicht von diefen Kirchenfürften — die Gott fegnen möge, denn fie dienen der Wahrheit felbft wenn diefe den Juden frommt — will ich an diefer Stelle fprechen. Wohl aber von den anderen. Von jenen, deren Erklärungen in der Ritualmord-Frage kühl, referviert, zweideutig klingen; deren Erklärungen mitunter auf den unbefangenen, prüfenden Lefer den Eindruck hervorbringen, als ob fie dem Ritualmord- Glauben, wenn fie ihm fchon ein Tor verfchließen, doch zumindeft ein Hintertürchen öffnen wollten; deren Erklärungen beftimmt nur Eines Tagen: daß das Judentum in feiner Gefamtheit den Ritualmord als religiöfe Inftitution nicht kultiviere. Ich frage, ohne Furcht der Anmaßung geziehen zu werden: Darf ein Priefter, darf überhaupt ein Menfch, der den Anfpruch erhebt auf den Höhen der Bildung und Gefittung zu ftehen, eine Befchuldigung, die er für falfch hält, wenn diefe Befchuldigung geeignet ift, unfchuldige Menfchen, feien es Wenige oder Viele, Einzelne oder Taufende, namenlofem Unglück preiszugeben, mit einem lauen, gleichgültigen Worte allein zurückweifen? Müßte fich feinem Munde, wenn er als Retter und Helfer angerufen wird, nicht ein Laut warmherzigen Mitleids mit dem Unfchuldigen, ein Schrei der fcharfen Zurückweifung, der Empörung, der Verdammung gegen deffen Verfolger entringen? Ob diefe Verfolger im Irrtum oder in bewußter Böswilligkeit handeln, das kann der Fernftehende nicht immer wiffen. Aber kann ein fühlender Menfch feinen Gleichmut, feine Ruhe bewahren, wenn er einen Unfchuldigen von einem wahnwitzigen Fanatiker verfolgt rieht, der ihm ein Meffer in die Bruft ffoßen will? Oder muß vielleicht fo unendlich viel chriftliche Milde und Nachficht felbft für Betörte und Böswillige aufgebracht werden, daß davon für die unglücklichen und unfchuldigen Opfer nichts übrig bleibt? Diefe Frage wird doch geftattet fein?

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