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Neue Nationalzeitung · 1913-10-31 · Heft 22 (31.10.1913) · p. Seite 175

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XV (1913)
Issue
Heft 22 (31.10.1913)
Date
1913-10-31
Page
Seite 175 (sequence 7)
Language
German
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ftr. 22 .Neue National-Zeitürig" Seite 175 FEUILLETON. „Kol-Nidre" im Kiewer Gerichtssaal.*) Ein eigentümliches Gefühl hatte ich gestern, am Jörn Kippur-Abend im Gerichtssaal am Chmjelnizki- Platz . . . „Kol-Nidre" im Gericht! ... Es wäre wahrhaft übertrieben, zu sagen, daß im Saal „Kol- Nidre"-Stimmung geherrscht hatte. Die Stimmung herrschte aber tief im Herzen und es war unmöglich, sich von dieser Stimmung ganz zu befreien. Diese Stimmung wurzelt eben von Kindheit her im jüdischen Herzen, und wo und unter welchen Verhältnissen auch immer sich ein Jude am Jom-Kippur befinden mag, überall befällt ihn diese heilige Stimmung, dieses eigentümliche Gefühl. Wird doch vom Komponisten Rubinstein erzählt, daß er, trotz seinem Austritt aus dem Judentum, trotzdem er sich langsam vom Judentum ganz entfremdet hatte, sich doch der „Kol-Nidre"-Stimmung nicht erwehren konnte. Kam ein Jom-Kippur-Abend heran, dann pflegten unwillkürlich unter seinen Fingern die alten, tausendjährigen Jom-Kippur-Melodien am Klavier zu erklingen; aus den Tasten ergossen sich stürmische Kcl- Nidre-Töne. Und die alltäglichen Wände seines armseligen Kabinetts gingen weit auseinander, die alltäglichen Gesichter seiner Mitmenschen entschwanden — und seiner reichen Phantasie erschien die Synagoge mit ihrem Kantor, ihrem silber-grauen Rabbi und den vielen Betenden in Socken, in Kitteln, in Talesim. Im Scheine der großen, dicken Jom- Kippur-Kerzen sah er ernste, heiligverklärte Gesichter . . . Und in der Brust wird's wärmer, in den •Augen feuchter ... in den Ohren erklingts: „Kol-Nidre!" Von Kindheit her wrurzelt im jüdischen Herzen der Begriff des Jom-Kippurs als „Jom-Hadin"; man steht vor Gericht, man wird gerichtet . . . „Wer wird an diesem Tage nicht gerichtet?" Alle sitzen auf der Anklagebank! ... Diesmal saß ich zum ersten Male in meinem Leben am Jom-Kippur in einem wirklichen Gerichtssaal! Und in der Tat stehen wir ja da alle vor Gericht. ■Da sitzt er dort auf der Bank, Mendel Beilis; er sitzt zvwar allein, aber die Schmakows und Zamislowskis sehen in ihm das gesamte Judentum, das ganze jüdische Volk .... Der Saal ist wie alltäglich beleuchtet, es brennen die alltäglichen elektrischen Lampen; bei den Türen wachen die ständigen „Polizeiskis"; diesel- * Diesen sowie den in der vorigen Nummer veröffentlichten Artikel „Frau Beilis" haben wir aus dem Warschauer jiddischen Tagblatt „Haint" übersetzen lassen. Sie geben uns die persönlichen Eindrücke und Empfindungen eines un- .mittelbaren Beobachtens wieder, dem -es vergönnt war, die Entwicklung .eines in die neueste Geschichte der Juden so tief einleitenden .Gerichtsprozesses selbst mitanzusehen. Deshalb wird obiger „Köl-Nidre"-Artkel auch heute seine Aktualität .besitzen und sie .immer behalten. Es gehört ^zum Martyrium .des, Beilis . und des Jüdischen Volkes, daß es vom barbarischen ..Zarismus .selbst ,an .seinem heiligsten Feiertag auf der ..Anklagebank .festgehalten wird. Anm. dej "Reti. ben Lampen, dieselben Polizeiskis haben schon Hunderte Prozesse mitangesehen. Und doch ist heute alles ganz-anders. Etwas Außergewöhnliches! Der Staatsanwalt erklärte heute zum ersten Male, daß es ein ganz außergewöhnlicher Prozeß sei: „Es ist ein Welt-Prozeß!" sagte er. Er ist also auch der Meinung, daß das Schicksal des gesamten Judentums und die Lage der Juden in der zivilisierten Welt durch diesen Prozeß besiegelt werden sollen. Und die Jom-Kippur-Stimmung schwillt immer höher an in meiner Brust. Die Richter sitzen in ihrem alltäglichen Gewände, Beilis selbst in seinem einfachen schwarzen Anzug. Also keine Kittel und keine Talesim — und doch klingt es in den Ohren unaufhörlich: Kol-Nidre . . Die heilige Melodie wird aber fortwährend unterbrochen — die unbarmherzige Umgebung reißt einen aus seiner Jom-Kippur-Illusion . . . Der Zeuge Prichodko spricht! Ich weiß nicht, was. für Gefühl Beilis zu Beginn der Jom-Kippur-Sitzung wohl. gehabt haben mag, als er sich von allen Seiten von Soldaten mit entblößten Schwerter-; umringt sah . . . -- Er saß eine Zeitlang in Gedanken versunken. Vielleicht erklang auch, bei ihm in den Ohren die Kol-Nidre-Melodie; -vielleicht verschwanden vor ihm der Vorsitzende "nd Staatsanwalt — urA ver seinen traurigen Auge:- >«:h webte die Synagoge mit ihrem Kantor und 'den vieler. Jom-Kippar-Kerzen . Erst als PriLhodko zu sprechen beginnt, streckt Beilis seinen dürren, abgemagerten Hals aus und horcht auf. Der Zerge Prichodko scheint wahrscheinlich selbst, meinen Worten wienig zu trauen: er ist von Anfangan . sehr unruhig, trinkt -Wasser, setzt sich, steht auf, trinkt "wieder Wasser ..... Der Vorsitzende beruhigt ihn und muntert ihn auf, weiter zu erzählen. Und Prichodko beginnt zu erzählen von der -Ermordung des Knaben Juschtchinski. Beilis vergißt manchmal, daß man von ihm spricht. Aber plötzlich erwacht, er aus seinem Traum! Es kommt ihm zum Bewußtsein, daß man den Mord auf ihn schieben will; er wird nervös und beginnt vor Wut die Fäuste zu ballen! . . . Und Prichodko erzählt immerfort mit seiner trockenen Branntweinstimme. Er ist doch bloß ein Zeuge; er sitzt doch nicht auf der Anklagebank, er darf sich also erlauben, breit zu sprechen. Vielleicht verliert er sich zuweilen oder beginnt sich zu widersprechen, dann eilt ihm auch Schmakow oder Zamislowski zu Hilfe fund bringt ihn durch . eine geeignete Frage wieder auf den richtigen Pfad: „Woher hast du die Zeichnungen und Erklärungen verschiedener menschlicher Muskeln und Adern, aus denen sich bequem Blut abzapfen läßt? Wie bist du zu diesen anatomischen Aufzeichnungen gelangt? Du bist doch bloß ein Buchbinder? Es ist wahrscheinlich aus einem Buch herausgefallen, das:fnan -dir hat zum.Binden gegeben, nicht "wate?" fragt ihn Zamislowski. : „Oewiß,-gewiß," ant^p^tet ^Frichödko.. 1

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