Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XV (1913)
- Issue
- Heft 22 (31.10.1913)
- Date
- 1913-10-31
- Page
- Seite 174 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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•Seite 174 ■•«Jfeiie. National-Zeitung" Nr. 22 lieh darauf aufmerksam zu machen, . daß eine Verschiebung; der Betriebsverhältn'sse auf dem Balkan die Rechtslage der Juden gefährden müsse., wogegen rechtzeitig Präventivschritte unternommen werden müssen. Dieser Auftrag wurde im Dezember 1912 abermals in dringender Weise wiederholt und a:n 6. Jänner 1913 fand 'in Washington eine Versammlung der Delegierten aller Logen von Amerika statt, in welcher die Lage der Juden auf dem Balkan einer genauen Erörterung unterzogen wurde. In dieser Konferenz wurde beschlossen, den bedrängten rumänischen Juden zu Hilfe zu eilen. Die in dieser Konterenz gefaßte Resolution wurde der amerikanischen Regierung übermittelt. Ais es sich darum handelte, daß Bulgarien an Rumänien Gebietteile abtrete, wurden die angesehenen Mitglieder des Verbandes Simon Wolf und Louis Marshal! beauftragt, die Agitation in dieser Angelegenheit in Angriff zu nehmen. Bald hatte sich auch die gesamte amerikanische Presse der Frage bemächtigt und zu ihr wiederholt in längeren „Artikeln in günstigem Sinne Stellung genommen. Diese Agitation wurde während des ganzen Sommers ununterbrochen fortgeführt und als die Bukarester Friedenskonferenz zusammentrat, hat die amerikanische Regierung an die Konferenz die Forderung gerichtet, in den Friedensvertrag eine Separatbestimmung aufzunehmen, durch welche den Juden in allen Teilen des Balkans die volle Gleichberechtigung mCt der übrigen Bevölkerung der betreffenden Länder zuteil wird.. Wie erinnerlich, hat damals Majorescu namens der rumänischen Regierung versichert, daß den Juxten der von Bulgarien übernommenen Gebiete die bisherigen Rechte -gewahrt bleiben. In dem Berichte wird nebst einem Dank an den Minister Bryan für seine bisherigen aufr ich tilgen Bemühungen zugunsten der rumänischen Juden auch die Meinung ausgesprochen, daß die Agitation nicht eher aufhören würde, als bis Rumänien seinen Verpflichtungen den Juden gegenüber in vollem Maße gerecht geworden ist. Yeeheskel Sassoon Effendi, der frühere Abgeordnete von von Bagdad in der türkischen Kammer, ist zum Unte rstaatssekretär im Handels- und Ackerbauministerium der Türke: ernannt worden. Er ist der erste Jude, der diesen hohen Posten bekleidet. Der Konstantinopler Berichterstatter der „Jewish Chronicle" hatte mit Sasoon Effendi eine Unterredung über verschiedene Angelegenheiten der türkischen Juden. Der Unterstaatssekretär erklärte, daß alle Minister den Juden wohlgesinnt seien; sie wünschten die Mitarbeit der Juden und seien bereit, sie als Beamte anzustellen. Ueberhaupt sei die Lage jetzt, nach Beendigung des Krieges und am Beginn einer neuen Aera, für die Juden außerordentlich günstig. Literatur. Der Einfluß der Revolution auf den jüdischen Büchermarkt. Im Verlaufe der Konferenz der Histadruth hielt Herr S. T s c h e r n o w i t z einen sehr interessanten Vortrag über den Büchermarkt und die gelesensten hebräischen Bücher in Rußland. Besonderes Interesse erweckten die' Ausführungen des Referenten über den Einfluß der Revolution auf den h eb r äi s ch e h-Büchermarkt. Im allgemeinen konstatierte der Redner, daß die nach dem Kriege "mit Japan in Rußland a-usgebrochene Revolution auf den hebräischen Büchermank't einen sehr stanken Einfluß ausgeübt habe. Besonders zeige stich aber dieser Einfluß auf den Verkauf von Gebetbüchern. Die großen Gebetbücher wurden ehedem in Rußland in iiiinderttausenden von Exemplaren verkauft und jede neue Ausgalbe hatte, ialls sie nicht zu teuer war, einen Absatz von zumindest 20.000 bis 30.000 Exemplaren -im Jahre. Zur Zeit der Revolution wurden selbst die beliebtesten Sidurim in kaum 3000 Exemplaren abgesetzt und erst nach vollständigem Abflauen der Revolution zeigt sich hierin eine Steigerung. Dasselbe sehen wir auch bei den Bibelausgaben. Zum Beispiel die bekannte Bibel mit den 36 Kommentaren, deren Jahresaibsatz zur Zeit der Revolution auf 1500 Exemplare herabgesunken ist, stieg nach der Revolution auf 3000 jährlich. Betrübend ist die Mitteilung des Referenten, daß das iaimudischt Wissen in Rußland a 11 m ä h Li c h abnimmt und als Beweis dafür die Tatsache anführt, daß die Bibelausgaben mit Kommentaren von Malbim und Eben Esra jährlich im ganzen in 150 Exemplaren verkauft werden. Hingegen steigt der Absatz der Bibelausgaben mit jüdischdeutscher Uebersetzung, weil die durchschnittliche jüdische Bevölkerung in Rußland immer weniger hebräisch versteht. Dasselbe Schicksal haben auch die Mi sehn ah- Ausgaben mit vielen Kommentaren; als diese in Roms Druckerei in Wilna zum ersten Male erschienen sind, ergab eine Subskription eine Bestellung von 12.000 Exemplaren. Spätere noch so schöne Ausgaben erzielen höchstens einen Absatz von 500 Exemplaren und andere weniger schöne Ausgaben noch weniger. Interessant ist auch die Beobachtung, daß die Einzeltraktate des Talmuds, welche für ,cen Unterricht von Kindern bestimmt sind, von dieser Krise nicht betroffen wurden. Diese werden auch jetzt noch durchschnittlich in 50.000 Exemplaren im Jahre abgesetzt. Schlimmer steht es hingegen mit dem Verkaufe der Gesamtausgabe des Talmud. Von diesen wird sehr wenig verkauft. Die Drucker, welche auf Grund des früheren Maßstabes große Vorräte anlegten, sind jetzt gezwungen, diese Massenexemplare, deren Lagerung ihnen zu teuer kommt, zum Einstampfen zu verkaufen. Genau so ergeht es auch den Midrasch-Aüsgaben. Hingegen werden Gebetbücher für die hohen Feiertage sehr gut verkauft. Merkwürdigerweise zeigt sich auch ein auffallender Rückgang in dem Verlkaufe der HagacLah für Pessach. Vor fünf Jahren noch betrug der Jahresabschluß der Hagadah in Rußland 7000 Exemplare, heute werden jährlich bloß 2000 verkauft. Diese authentischen Mitteilungen werfen ein grelles Licht auf die religiösen Zustände in Rußland. Briefkasten. Abonnent in Prag. Sind Sie beruhigt. Die Wutausbrüche der „Selbstwehr" gegen unseren Herausgeber können nicht einmal an die Höhe seiner Verachtung heranreichen. Wer seit Jahrzehnten so selbstlos — das werden hoffentlich selbst die ärgsten Feinde des Dr. Landau nicht bestreiten — für die jüdischen Volksinteressen kämpft, den können die Soldschreiber das zionistischen Preßfondes nicht .beleidigen. Rabbinats-Kandidat. Wir haben keinen Anlaß, zu den Angriffen des Wiener Zionistenorganes gegen den Oberraibbiner Dr. G. Stellung zu nehmen, da wir dessen Kandidatur fürs Herrenhaus nicht für aktuell halten. Um Ihr Interesse jedoch zu befriedigen, nehmen wiir keinen Anlaß, Ihnen zu erklären, daiß die Ansicht des genannten Blattes nicht die unsrigeist. Wir würden in der Berufung des Wiener Oberrabbiners ins -Herrenhaus — bei aller sonstiger Gegnerschaft wider dem jetzigen Inhaber dieses Amtes — einen großen Gewinn für das jüdische Prestige und für die jüdische 'Gleichberechtigung sehen. Dr. Sch. Wir halten das ganze Material für die nächste Emiigrations-Nummer bereit. Einsender aus Br. Geduld! Näheres demnächst.